Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!

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Update zum Weekly Wanderer 8: Horst Bingel: Feinsliebchen:

Die Welt tut vorbildlich meinen Job und bringt eingehende Analysen der deutschen Romantik. Ich tue ein übriges und verfälsche planvoll den Artikel von Matthias Heine, den ich vollständig zitiere, indem ich die Literaturzitate vervollständigt in den Fließtext rücke.

Einzig Heines (sic) Conclusio, das einzige Gesicht des katexochenen Feinsliebchens sei das eines Staffage-Details auf einem verschollenen Bild, erscheint mir etwas willkürlich — aber ziemlich schön. Entweder zum Trost oder zur Belohnung finden sich die aufschlussreichsten Feinsliebchen-Lieder, für die nicht einmal in den Bonus Tracks Platz war, in der Sammlung Ludwig Erk, 1856.

Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, 19. Februar 1916, Universität Osnabrück, via Europeana 1914–1918

——— Matthias Heine:

Die Blaue Blume unter den Wörtern

in: Die Welt, Mittwoch, 23. März 2016, Feuilleton Seite 22:

Auf der Suche nach dem, was deutsch ist, stößt man auf das volksliedhafte „Feinsliebchen“. Populär gemacht haben es zwei Intellektuelle

Was ist eigentlich deutsch? Diese Frage wird gerade auf ziemlich verwirrende Weise neu verhandelt. Mitglieder und Sympathisanten von Bewegungen wie Pegida und AfD sehen sich selbst als Erben antidiktatorischer Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und Graf Stauffenberg. Einwanderer aus Osteuropa, die in ihrem Schrebergarten Russlandfahnen hissen und deren hier geborenen Kinder untereinander immer noch Russisch reden, empfinden sich als deutscher als die meisten hier Geborenen.

Irritiert von so bizarren Ansprucherhebern auf das wahre Deutschland, wendet man suchend wieder den Blick zu denjenigen, die das, was wir heute für deutsch halten, erst definiert haben: den Romantikern. Und man stößt dort auf ein Wort, das wie ein Signal war, mit der sich die Vertreter der neuen und revolutionären Denk- und Empfindungsweise in ihrer Poesie zu erkennen gaben: Feinsliebchen. So nannte ein wahrer Romantiker die Geliebte.

Diese Blaue Blume unter den Wörtern haben Achim von Arnim und Clemens Brentano gezüchtet – mit gärtnerischer Vorarbeit von Gottfried August Bürger. 1805 bis 1808 veröffentlichten Arnim und Brentano eine Sammlung namens „Des Knaben Wunderhorn„, die im Untertitel „Alte deutsche Lieder“ versprach. Feinsliebchen – mal zusammengeschrieben, mal auseinander: feins Liebchen oder feines Liebchen – ist darin ein Zauberwort, dessen Nennung den Traum von einem schöneren Deutschland beschwört. Dieses Land der Seele liegt „wohl unterm grünen Tannenbaum, allda ich fröhlich lag, in mein feins Liebchens Armen die lange liebe Nacht.“

Abendlied.

Mündlich.

Nun laßt uns singen das Abendlied,
Denn wir müssen gehn,
Das Kännchen mit dem Weine,
Lassen wir nun stehn.

Das Kännchen mit dem Weine,
Das muß geleeret sein,
Also muß auch das Abendlied
Wohl fein gesungen sein.

Wohl unterm grünen Tannenbaum,
Allda ich fröhlich lag,
In mein feins Liebchens Armen
Die lange liebe Nacht.

Die Blätter von den Bäumen
Die fallen nun auf mich,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das freuet wohl mich.

Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das kömmt wohl daher,
Sie dacht sich zu verbessern,
Betrog sich gar sehr.

Des Abends, wenn es dunkel wird,
Steht er wohl vor der Tür,
Mit seinem blanken Schwerdte,
Als wie ein Offizier.

Mit seinem blanken Schwerdte,
Gleich einem rechten Held,
Mit ihm will ich es wagen,
Ins weite, weite Feld.

Mit ihm will ich es wagen,
Zu Wasser und zu Land,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das bringt mir keine Schand.

Das Abendlied gesungen ist,
Das Kännchen ist geleert,
Laß sehn nun wie du Kerl aussiehst,
Mit deinem blanken Schwerdt.

Der Nachtwächter wandelt darin durch hutzelige Kleinstädte, aber ganz anders, als wir uns heute die Romantik zurechtkastriert haben, wird Sexualität recht offen angesprochen: „Der Wächter fing zu läuten an: ,Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt, der Tag kommt angeschlichen.“

Das Wiedersehen am Brunnen.

Mündlich.

Es war einmal ein junger Knab,
Der hat gefreit schon sieben Jahr
Um ein fein Mädlein, das ist wahr,
Er konnt sie nicht erfreien.

„Ey komm den Abend junger Knab,
Wenn finstre Nacht und Regen ist,
Wenn niemand auf der Gasse ist,
Herein will ich dich lassen.“

Der Tag verging, der Abend kam,
Der junge Knab geschlichen kam,
Er klopfet leise an die Thür:
„Steh auf, ich bin dafüre.

Ich hab schon lang gestanden hier
Ich stand allhier wohl sieben Jahr.“
„Hast lang gestanden, das ist nicht wahr,
Ich hab noch nicht geschlafen.

Ich hab gelegn und hab gedacht,
Wo nur mein Schatz noch bleiben mag,
Er macht mir allzulang, zu lang,
Mir wird ganz angst und bange.“

„Wo ich so lang geblieben bin,
Das darf dir wohl gesaget seyn,
Bey Bier und Wein, wo Jungfern seyn,
Da bin ich allzeit gerne.“

Es war wohl um die Mitternacht,
Der Wächter fing zu läuten an:
„Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt,
Der Tag kommt angeschlichen.“

Das Bürschlein auf die Leiter sprang,
Und schaut die Stern am Himmel dicht:
„Ich scheide nicht bis Tag anbricht,
Bis alle Sterne schwanden.“

Er sah das Morgensternlein nur,
Als sich der Knab von ihr gewandt,
Das Mägdlein Morgens früh aufstand,
Ging an den kühlen Brunnen.

Begegnet ihr derselbig Knab,
Der Nachts bey ihr geschlafen hat,
Viel guten Morgen boten hat:
„Gut Morgen mein Feinsliebchen.

Wie hast geschlafen heute Nacht?“
„Ich hab gelegn in Liebchens Arm!
Ich hab geschlafen, daß Gott erbarm,
Mein Ehr hab ich verschlafen!“

Die Romantik war auch sonst nicht immer so romantisch, wie es unser Klischee will: „Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen, mein gelbkrauß Härlein durchzausen“, sagt der fahrende Ritter zur schönen Königstochter, die mit ihm wegen seines schönen Gesanges durchgebrannt ist.

Liebe ohne Stand.

Feiner Almanach II. Band S. 100.

Es ritt ein Ritter wohl durch das Ried,
Er hob wohl an ein neues Lied,
Gar schöne thät er singen,
Daß Berg und Thal erklingen.

Das hört des Königs sein Töchterlein
In ihres Vaters Lustkämmerlein,
Sie flochte ihr Härlein in Seiden,
Mit dem Ritter wollte sie reiten.

Er nahm sie bey ihrem seidenen Schopf
Und schwung sie hinter sich auf sein Roß.
Sie ritten in einer kleinen Weile
Wohl vier und zwanzig Meilen.

Und da sie zu dem Wald ’naus kamen,
Das Rößlein das will Futter han.
„Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen,
Das Rößlein, das will Futter.“

Er spreit sein Mantel ins grüne Gras,
Er bat sie, daß sie zu ihm saß,
„Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen,
Mein gelbkrauß Härlein durchzausen.“

Des härmt sich des Königs sein Töchterlein,
Viel heiße Thränen sie fallen ließ,
Er schaut ihr wohl unter die Augen,
„Warum weinet ihr, schöne Jungfraue?“

„Warum sollt ich nicht weinen und traurig seyn,
Ich bin ja des Königs sein Töchterlein;
Hätt ich meinem Vater gefolget,
Frau Kayserin wär ich geworden.“

Kaum hätt sie das Wörtlein ausgesagt,
Ihr Häuptlein auf der Erden lag,
„Jungfräulein hättst du geschwiegen,
Dein Häuptlein wär dir geblieben.“

Er kriegt sie bey ihrem seidenen Schopf,
Und schlenkert sie hinter den Hollerstock:
„Da liege feins Liebchen und faule,
Mein junges Herze muß trauren.“

Er nahm sein Rößlein bei dem Zaum,
Und band es an einen Wasserstrom.
„Hier steh mein Rößlein und trinke,
Mein jung frisch Herze muß sinken.“

Mindestens sechsundzwanzigmal kommt Feinsliebchen in „Des Knaben Wunderhorn“ vor. Wie wir heute wissen, waren die Lieder nicht so „alt“ wie der Titel versprach, sondern oft stark von Arnim bearbeitet. Der massenhafte Gebrauch von Feinsliebchen ist also nicht unbedingt Ausdruck des authentischen Volksmunds, sondern eine literarische Strategie. Schon Gottfried August Bürger hatte es in seinen 1778 erschienenen Gedichten dreifach codiert benutzt: Als Chiffre einer Liebeskonzeption, die aufklärerischer Rationalität Hohn sprach, als Verweis auf ein idealisiertes Mittelalter und als Kostüm, mit dem das von Intellektuellen hergestellte Poem sich das Ansehen eines Volksliedes gab: „Ein Ritter rit wol in den Krieg, und als er seinen Hengst bestieg, Umfing ihn sein feins Liebchen: „Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!“ Bürger hatte das Wort, das zum ersten Mal in den Fastnachtspielen des fünfzehnten Jahrhunderts belegt ist, wohl tatsächlich aus der Volkspoesie übernommen.

Der Ritter und sein Liebchen

1775, in: Gedichte, Johann Christian Dieterich, Göttingen 1778:

     Ein Ritter rit wol in den Krieg,
Und als er seinen Hengst bestieg,
Umfing ihn sein feins Liebchen:
„Leb wol, du Herzensbübchen!
Leb wol! Viel Heil und Sieg!

     Kom fein bald wieder heim ins Land,
Daß uns umschling‘ ein schönres Band,
Als Band von Gold und Seide:
Ein Band aus Lust und Freude,
Gewirkt von Priestershand!“ –

     „Ho ho! Käm‘ ich auch wieder hier,
Du Närrchen du, was hülf‘ es dir?
Magst meinen Trieb zwar weiden;
Allein dein Band aus Freuden
Behagt mit nichten mir.“ –

     „O weh! So weid‘ ich deinen Trieb,
Und wilst doch, falscher Herzensdieb,
Ins Ehband dich nicht fügen!
Warum mich denn betrügen,
Treuloser Unschuldsdieb?“ –

     „Ho ho! du Närrchen, welch ein Wahn!
Was ich that, hast du mitgethan.
Kein Schlos hab‘ ich erbrochen.
Wann ich kam anzupochen,
So war schon aufgethan.“ –

     „O weh! So trugst du das im Sin?
Was schmeicheltest du mir um’s Kin?
Was mustest du die Krone,
So zu Betrug und Hohne,
Mir aus den Locken ziehn?“ –

     „Ho ho! Jüngst flog in jenem Hain
Ein kirres Täubchen zu mir ein.
Hätt‘ ich es nicht gefangen,
So müsten mir entgangen
Verstand und Sinnen seyn.“ – –

     Drauf rit der Ritter hop sa sa!
Und strich sein Bärtchen trallala!
Sein Liebchen sah ihn reiten,
Und hörte noch vom weiten
Sein Lachen ha ha ha! – –

     Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht!
Manch Ritter ist ein Bösewicht.
Sie löffeln wol und wandern,
Von Einer zu der Andern,
Und freien Keine nicht.

Auch wenn Feinsliebchen gelegentlich als Anrede für den männlichen Geliebten auftaucht, ist doch meist eine Frau damit gemeint. Und das ist ganz folgerichtig. In einem Land, in dem die nationale Identität mit der Mutter(!)sprache aufgesogen wird, ist die Frau der Inbegriff des Deutschen – da können die Männer noch so sehr mit den Schwertern klirren. Bei Hoffmann von Fallersleben ist im „Lied der Deutschen“ von Männern keine Rede, stattdessen heißt es: „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“.

Der gedachte mysteriöse Zusammenhang zwischen deutschen Frauen und dem alten schönen Klang war nirgendwo sinnfälliger als beim Feinsliebchen. Das Wort wurde, nachdem es einmal mit dem Wunderhorn in die dichterische Welt hinausgeblasen worden war, begeistert aufgegriffen. Es hatte die gleiche Wirkung wie ein Facebook-Profilfoto, mit dem man seine Sympathie für eine Bewegung bekundet. Der junge Heinrich Heine übertrifft 1827 in seinem lyrischen Bestseller „Buch der Lieder“ Arnim und Brentano noch mit der Zahl seiner Feinsliebchen: „Feins Liebchen weint; ich weiß warum, und küß‘ ihr Rosenmündlein stumm.“

Traumbilder.

VI.

Im süßen Traum, bei stiller Nacht,
Da kam zu mir, mit Zaubermacht,
Mit Zaubermacht, die Liebste mein,
Sie kam zu mir ins Kämmerlein.

Ich schau sie an, das holde Bild!
Ich schau sie an, sie lächelt mild,
Und lächelt, bis das Herz mir schwoll,
Und stürmisch kühn das Wort entquoll:

„Nimm hin, nimm alles was ich hab,
Mein Liebstes tret ich gern dir ab,
Dürft ich dafür dein Buhle sein,
Von Mitternacht bis Hahnenschrein.“

Da staunt‘ mich an gar seltsamlich,
So lieb, so weh und inniglich,
Und sprach zu mir die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

„Mein Leben süß, mein junges Blut,
Gäb ich, mit Freud und wohlgemut,
Für dich, o Mädchen engelgleich –
Doch nimmermehr das Himmelreich.“

Wohl braust hervor mein rasches Wort,
Doch blühet schöner immerfort,
Und immer spricht die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör,
Und schleudert mir ein Glutenmeer
Wohl in der Seele tiefsten Raum;
Ich atme schwer, ich atme kaum. –

Das waren weiße Engelein,
Umglänzt von goldnem Glorienschein;
Nun aber stürmte wild herauf
Ein greulich schwarzer Koboldhauf.

Die rangen mit den Engelein,
Und drängten fort die Engelein;
Und endlich auch die schwarze Schar
In Nebelduft zerronnen war. –

Ich aber wollt in Lust vergehn,
Ich hielt im Arm mein Liebchen schön;
Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh,
Doch weint sie auch mit bitterm Weh.

Feins Liebchen weint; ich weiß warum,
Und küß ihr Rosenmündlein stumm. –
„O still‘, feins Lieb, die Tränenflut,
Ergib dich meiner Liebesglut!“

„Ergib dich meiner Liebesglut –“
Da plötzlich starrt zu Eis mein Blut;
Laut bebet auf der Erde Grund,
Und öffnet gähnend sich ein Schlund.

Und aus dem schwarzen Schlunde steigt
Die schwarze Schar; – feins Lieb erbleicht!
Aus meinen Armen schwand feins Lieb;
Ich ganz alleine stehen blieb.

Da tanzt im Kreise wunderbar,
Um mich herum, die schwarze Schar,
Und drängt heran, erfaßt mich bald,
Und gellend Hohngelächter schallt.

Und immer enger wird der Kreis,
Und immer summt die Schauerweis:
Du gabest hin die Seligkeit,
Gehörst uns nun in Ewigkeit!

Im traurigsten Liebesliederzyklus aller Zeiten lässt Wilhelm Müller 1823 seinen Wanderer die „Winterreise“ antreten, indem er vor dem Haus der verlorenen Geliebten seufzt: „Laß irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus! Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht – von einem zu dem andern – Fein Liebchen, gute Nacht!“

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad‘ um deine Ruh‘,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu!
Schreib‘ im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab‘ ich gedacht.

Und sogar der vermeintlich unromantische Georg Büchner braucht 1835 das Wort, um Volksliedkolorit zu schaffen, wenn er in „Danton’s Tod“ die verrückte Lucile unter dem Fenster ihres eingekerkerten Camille singen lässt: „Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel, scheinen heller als der Mond, Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster, Der andere vor die Kammerthür.“

Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster der Gefangenen). Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) – Höre, Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? – Ich will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)

Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel
Scheinen heller als der Mond,
Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andere vor die Kammerthür.

Komm, komm, mein Freund! leise die Treppe hinauf, sie schlafen Alle. Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst nicht zum Thor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß, mach ein Ende. Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht? Du macht mir Angst. –

Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so ernsthafte Gesichter. – Sterben! ich muß lachen über die Gesichter. Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag‘ mir es, Camille. Sterben! Ich will nachdenken, da, da ist’s. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)

Camille (ruft). Lucile ! Lucile!

In Wirklichkeit hat nie ein Feinsliebchen außerhalb der Poesie gelebt. Sein einziges Gesicht ist das der jungen Frau, die in Schinkels „Gotischer Dom am Fluss“ mit den Schiffern schäkert. Die Spur des Gemäldes verliert sich in Hitlers Reichskanzlei 1945. Die Szenerie darauf ist frei erfunden, eine Sehnsuchtsgeburt des Malers, und gerade deshalb hat nie ein deutscheres Bild existiert. Eine Kirche, die es nicht gibt, an einem Fluss, der nirgendwo fließt, unter einer Sonne, die so niemals aus einem deutschen Himmel scheint, auf einem Bild, das verbrannt ist – das ist das wahre Deutschland.

Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan, Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv, Julius Schlotterbeck an Pauline Hipp, 1902

Soundtrack: Johannes Brahms: Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, WoO 33 Nr. 12, 1894. Melodie und Text: kuhländisches Volkslied aus Mähren, 1814 veröffentlicht. Hochdeutsch auf die Melodie der westfälischen Ballade Winterrosen gesetzt von Wilhelm von Zuccalmaglio, um 1840. — Aufzutreiben waren bis zu zwölf Strophen für das Volkslied; bei Schubert fehlen die siebte bis elfte:

  1. „Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn!
    Du zertrittst dir die zarten Füßlein schön!“
  2. „Wie sollte ich denn nicht barfuß gehen?
    Hab keine Schuh‘ ja anzuziehn.“
  3. „Feinsliebchen, willst du mein Eigen sein,
    so kaufe ich dir ein Paar Schühelein.“
  4. „Wie könnte ich denn Euer Eigen sein?
    Ich bin ein armes Mägdelein.“
  5. „Und bist du auch arm, so nehm ich dich doch –
    du hast ja die Ehr‘ und die Treue noch!“
  6. „Die Ehr‘ und die Treue mir keiner nahm;
    ich bin wie ich von der Mutter kam.“
  7. „Und Ehr und Treu ist besser wie Geld!
    Ich nehm mir ein Weib, das mir gefällt!“
  8. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Von blauer Seide sind’s Strümpfelein.
  9. Sie setzte sich nieder auf einen Stein
    und zog die Strümpfe an ihre Bein‘.
  10. Was zog er aus seiner Tasche dazu?
    Von blauem Leder ein Paar Schuh‘.
  11. Sie zog die Schühlein an den Fuß
    und dankte ihm gar sehr dazu.
  12. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Mein Herz! Von Gold ein Ringelein!

Bonus Track:

Ich habe mein Feinsliebchen

Musik: anonym aus dem 18. Jahrhundert , die Melodie als „vielfach mündlich überliefert, durch ganz Deutschland bekannt“; Text: Verfasser unbekannt, 1807 abgedruckt bei Büsching u . v. d. Hagen – auch in Deutscher Liederhort, 1856, Nachweise und Variationen im Volksliederarchiv:

Ich habe mein Feinsliebchen,
Ich hab mein schön Feinsliebchen
So lange nicht gesehn,
Schon lang nicht mehr gesehn.

Ich sah sie gestern Abend,
Ich sah sie gestern Abend
Wohl in der Haustür stehn,
Wohl unter der Haustür stehn.

Sie sagt, ich sollt sie küssen,
Der Vater darf’s nicht wissen.
Die Mutter nahm’s gewahr,
daß jemand bei ihr war.

„Ach, Tochter, willst du freien?
Es wird dich schon gereuen,
gereuen wird es dich,
gereuen wird es dich.

Wenn andre junge Mädchen
mit ihren grünen Kränzchen
(mit ihren holden Schätzchen)
wohl auf den Tanzboden geh’n,
Wohl auf den Tanzboden geh’n.

So mußt du junges Weibchen
mit deinem zarten Leibchen
wohl bei der Wiegen stehn,
wohl bei der Wiegen stehn.

Mußt singen: Ri-Ra-Ritzchen,
schlaf ein mein liebes Fritzchen,
schlaf ein in süßer Ruh,
mach deine Äuglein zu.

Ach hätt das Feu’r nicht so gebrannt,
so wär die Lieb‘ nicht ang’rannt.
Das Feuer brennt so sehr,
die Liebe noch viel mehr.

Das Feuer kann man löschen,
die Liebe nicht vergessen,
ja nun und nimmermehr,
ja nun und nimmermehr.“

„Hättst du ihn fahren lassen,
den Fuhrmann auf den Straßen,
den Reiter auf sei’m Roß,
ein Jungfrau wärst du noch.“

Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance, dpa

Bilder:

  1. Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, Prägedruck, Höhe: 1204 mm; Breite: 1778 mm, gelaufen 19. Februar 1916, Universität Osnabrück | Historische Bildpostkarten, via Europeana 1914–1918;
  2. Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?

    Eine Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv zum Thema verschmähte Liebe, geschrieben im Jahr 1902 von einem Julius Schlotterbeck an eine Pauline Hipp. Auf der Karte ist noch aufgedruckt:

    Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?
    Es geht ja vorüber und schaut mich nicht an;
    Es schlägt seine Äuglein wohl unter sich
    Und hat einen andern viel lieber als mich.

    BildeRTanzquelle Sammlung Werner Früh;

  3. Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance/dpa.

Zum Schluss ein Schäufelchen voll Bonus-Dreck:
„Horch, was kommt draußen rein? Wird wohl mein Feinsliebchen sein.“

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Written by Wolf

20. Mai 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

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