Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Unboxing Ludwig Tieck

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Update zu Ludwig Tieck is coming home:

Es ist ein bekanntes Sprichwort: daß auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermuthete Hindernisse, Störungen und Zufälle, welche veranlaßten, daß gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgetheilt wurde.

Tieck, Der junge Tischlermeister, 1836, Anfang.

Bestellscreen

Aus der einzigen realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Ludwig Tieck hab ich mir über das offenbar ganz unverächtliche Lübecker Antiquariat Bruddenbooks (sic) in der ebendasigen Fleischhauerstraße 32 den dritten Band von vieren und letzten, den ich bestellen werde, bestellt.

Mit ihren vier Bänden ist die Gesamtausgabe weit entfernt von Vollständigkeit, aber das ist seit 1966 der Bestand, den die Herausgeberin Marianne Thalmann wohl 1963 mit dem Winkler Verlag vereinbart hat — und außerdem richtig schöne Bücher fürs Leben auf Persia Bibeldruckpapier, was man schon daran erkennt, dass die Erstauflagen um 1966, denen nie sehr viele folgten, in dem halben Jahrhundert seither kaum vergilbt sind. Außerdem sollte man sich mit dem Wissen, dass Frau Thalmann offenbar mit Arno Schmidt in dem Ausmaß befreundet war, dass er ihr sein Radio-Nachtprogramm über Ludwig Tieck gewidmet hat, nicht mit ihr anlegen. Mit Schmidt befreundet zu sein, das haben wenige geschafft, das muss eine wahre Auszeichnung sein. Dann noch für einen der wenigen wahrhaft heiligen deutschen Verlage einen der wenigen echten Deutschromantiker gültig herausgeben zu dürfen, das bekräftigt jede erdenkliche Auszeichnung zwischen der Anerkennung durch einen verkniesten alten Zausel aus der Heide und dem Nobelpreis.

Briefkasten

Eigentlich ist der Band mit den Romanen, der soeben heim zu mir gekehrt ist, der vierte der Ausgabe; der erste ist der mit den Frühen Romanen und Erzählungen, vor allem mit William Lovell und Franz Sternbalds Wanderungen, der eigentliche dritte ist der mit den Novellen, vor allem mit dem Anspieltipp Des Lebens Überfluß und leider auch den meisten Auslassungen. Mein vierter Band, den ich nicht bestellen werde, bringt Märchen aus dem Phantasus und Dramen, die ich von der Bibliothek Deutscher Klassiker zu beziehen gedenke, und das seit 1985, was aber ein anderes Märchen ist, das ich ein andermal erzählen werde. Frau Thalmanns vierter Band, falls noch jemand mitzählen kann, umfasst:

Genau diese Ausgabe war um 1980 im Bestand der Stadtbücherei meiner Kindheit, die an dieser Stelle schon ausführlich Gegenstand der Erörterung war, und hat mir mit ihrem streicheldünnen Papier, das auf so handlichem Format 856 Seiten mit drei ausgewachsenen Romane plus Nachwort und Anmerkungen unterbrachte, heillos imponiert. Beim genaueren Nachschauen imponiert mir soeben: Die haben das tatsächlich immer noch, dou brichst ja zam (ortsübliches Fränkisch). Sooch amol, Roland, schreibt ihr nie was ab? Von Eigentumsdelikten an meiner alten Stadtbücherei hab ich seit jeher abgesehen, das wäre ja wie seine eigene Oma hauen, aber mich würde schon interessieren, wie das Exemplar inzwischen nach weiteren dreieinhalb Jahrzehnten aussieht.

Weiterer Anspieltipp aus Ludwig Tiecks Spätwerk:

Vittoria Accorombona

Zweiter Teil, Fünftes Buch, Viertes Kapitel, 1840:

Tischplatte KatzeBeide umarmten sich in Freude und Rührung weinend. „So hat die Zeit“, sagte der Herzog, „doch endlich die glänzende Woge heraufgewälzt, die mein Glück, meine Seligkeit trägt. Nicht wahr, das Leben ist doch ein großes Geschenk, ein himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen, unnennbaren Geistes? Ja, er liebt seine Geschöpfe, und wir wollen es dankbar erkennen.“

„Wenn uns nur nicht immer“, sagte Vittoria, „in diesen großen Momenten ein sonderbarer Schwindel ergriffe. Es ist kein Zagen, kein Zweifeln, keine Ungewißheit unsrer selbst, auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft – nein, mein Geliebter, nur, als wenn dem Dichter im Moment der höchsten Begeisterung, wenn er alle seine glühenden Strophen in die Saiten rauschen möchte – plötzlich die goldne Lyra in der Hand zerbräche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit stumm gemacht würde – so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck für das höchste Glück, die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt; für Unglück und Leid sind tausend Fühlungen in uns.“

„Gedankenreiche, melancholische Braut“, sagte der Herzog lächelnd, „so möchten wir uns dem Krebse vergleichen, der ungeschickte Glieder zum Rückwärtskriechen, aber keine zum Vorschreiten hat.“

Er umarmte sie herzlich mit einem glühenden Kuß und führte sie hinab, um mit ihr den Wagen zu besteigen.

Das mit dem himmlischen Wonnegeheimnis ist mir schon vor 30 Jahren aufgefallen, und schau an: Der heutige Wiki-Artikel bringt genau das als eins von zwei Zitaten aus dem ganzen großen weiten Familien-, Zeit- und Entwicklungsroman.

Regal gesamt

Die Bilder sind am Tag der Bestellung (1) und am Tag der Lieferung (2–4) selber gemacht, die schenk ich Ihnen, wenn Sie’s brauchen können, und wenn Sie dazusagen, wo Sie’s herhaben.

PianoKeys. Favorite Desktop BackgroundFür Bild 3 hab ich eine verschwommene Version gewählt, auch wenn wenige Sekunden vor- und nachher noch zwei schärfere entstanden sind. Auf denen war aber nicht der vortreffliche Kater Murr (cit. E.T.A. Hoffmann, 1819 ff.) drauf, dieser Tage in seiner Rolle als Lord of Winterfell. Steck einer in der Katze.

Und es interessiert Sie ja doch: Auf Bild 1 erkennen Sie hinter der Amazon.de-Seite für das Buch meinen liebsten Desktop-Hintergrund seit Jahren (5). Die freundliche junge Dame gehört schon so lange dermaßen zu meinem täglichen Erleben, dass mir entfallen ist, wo ich sie aufgegabelt hab, wie das oft auch mit dreidimensionalen Freunden geht; vermutlich irgendwo auf Flickr. Sie guckt schön aufmüpfig, stimmt’s? Aufmunternd genug, um zu motivieren, und doch nicht so fad, um einzuschüchtern. Außerdem mag ich den Gedanken, das Genre der auf Klavieren thronenden Barfüßigen entdeckt zu haben. Von meinem Desktop-Müll bereinigt in voller Schönheit sitzt sie rechter Hand.

Soundtrack ist ein etwas mitreißenderes Unboxing als meins; jedenfalls sieht Lea vom Liberiarium drei bis fünf Klassen besser aus als ich.

Und damit’s noch besser rockt: Young Rebel Set: If I Was, 2009. Directed by Andy Douglass, Camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions. Additional camera by John Laws. Das war auch schon mal, verspricht aber:

And if I was a writer I would write the book on you.
I’d tell them all the stories of the things we used to do —
Oh if I was a writer I would write the book on you.

Und aller vier Jahre mal sein Lieblingslied zu hören, finde ich nicht übertrieben. Wenn mich jemand sucht: Ich bin endlich mal Der junge Tischlermeister lesen.

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Written by Wolf

13. Mai 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

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