Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Saufspiele für Bücher-Geeks

with 3 comments

Drinking makes things happen.

Charles Bukowski: Women, 1978.

Francine van Hove

Saufspiele allein:

  1. Anti-Komasaufen:

    Bei jedem Umblättern in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: ein Red Bull auf ex. Um wach zu bleiben.

    Einkaufsliste:

    • Eine Steige Red Bull;
    • die alte Suhrkamp-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens gibt’s in letzter Zeit nachgeschmissen, weil bei Reclam eine neue erscheint. Es funktioniert auch mit den Gesamtwerken von Heinrich Böll, Peter Handke, Manfred Hausmann, Wolfgang Koeppen, Stephenie Meyer, Herta Müller oder Martin Walser.
  2. Dickensaufen:

    Jedesmal wenn Charles Dickens eine neue Figur einführt: zügig eine Flasche Bier leeren.

    Einkaufsliste:

    • Bier;
    • am besten Die Pickwickier, da kommen die meisten kauzigen Typen vor.
  3. Holzfällen:

    Wenn Thomas Bernhard eine Formulierung verwendet, die innerhalb der letzten zwei Seiten schon mal wörtlich vorgekommen ist: zügig eine Flasche Bier leeren. Wenn er einen ganzen Satz wiederholt: ein Schnaps hinterher.

    Einkaufsliste:

    • Österreichisches Bier: Gösser, Ottakringer, Puntigamer, Stiegl oder Zipfer, die sind alle gar nicht so schlecht;
    • als Schnaps vorzugsweise Zwetschganer;
    • irgendwas von Thomas Bernhard, am besten antiquarisch oder der vergilbte Suhrkamp-Bestand aus der Stadtbibliothek, der schon seit zwanzig Jahren von der Abschreibung bedroht ist, aber seine vorgesehene Anzahl von Ausleihen nie erreicht. Jedenfalls sollte das Buch nicht mehr gekostet haben als eine Flasche Gösser.

Francine van Hove

Saufspiele zu zweit:

  1. Apostokese (Kenn-ich-gar-nicht, Home-Version):

    Wenn ein Fremdwort vorkommt, das der andere nicht kennt, muss er einen Schnaps kippen. Wenn es ein deutsches Wort ist: zwei.

    Einkaufsliste:

    • ehrbarer deutscher Schnaps: Doornkaat, Jägermeister o.ä. Heißer Sauftipp: Racke rauchzart;
    • für die schnelle toxische Wirkung am besten das BGB. Mehr Lesespaß machen Philosphen des 20. Jahrhunderts. Eine spielerische Gelegenheit, endlich mal die Dialektik der Aufklärung oder was Feines von Wittgenstein durchzuackern. Dem Spielzweck dient, aber ideologisch abzulehnen ist Heidegger. Heißer Lesetipp: Theodor W. Adorno: Minima Moralia, 1951. Überraschend ergiebig ist Ephraim Kishon;
    • zur Kontrolle den Duden und den Wahrig.
  2. Kenn-ich-gar-nicht, Geländeversion:

    Jeder schmuggelt eine Flasche Schnaps in eine möglichst große öffentliche Bibliothek oder einen Buchladen. Dann zieht man abwechselnd ein Buch aus dem Regal, das man nicht kennt und sagt (zum Beispiel): „Fifty Shades of Grey kenn ich gar nicht.“ Wenn der andere das Buch kennt, nimmt er einen Zug aus seiner Schnapsflasche. Theoretisch ist das zu mehreren noch lustiger, grenzt dann aber an einen Flashmob. Bitte überall höflich bleiben: In der Stadtbücherei die Bibliothekarin wenigstens pro forma zum Mitspielen einladen, im Buchladen nicht geizig sein.

    Einkaufsliste:

    • Schnaps. Empfohlen wird Tullamore Dew, weil die Flasche flach und handlich ist und sich deshalb schnell hervorziehen und wieder körpernah und bruchsicher verstauen lässt;
    • noch keine Bücher, weil man die ja erst während des Spiels erstehen will.
  3. Kohlhaasen:

    Jeder liest abwechselnd einen Satz aus Michael Kohlhaas, und zwar ohne Luft zu holen. Wer vor einem Punkt, Frage- oder Ausrufezeichen Luft holt, muss einen Schnaps kippen.

    Einkaufsliste:

    • Brandenburger Obstbrand von Streuobstwiesen. Irgendein Obstler tut’s auch;
    • das Gesamtwerk von Kleist ist gut erreichbar. Gedruckte Einzelausgaben, meistens die gelben Reclamheftchen, sind gerne noch aus der Schulzeit übrig. Der Kohlhaas reicht für ein feuchtes Wochenende; um schnell etwas auszuknobeln, eignet sich besser Das Bettelweib von Locarno (3 Seiten).

Francine van Hove

Saufspiele zu mehreren (ab 3 Mitspielern):

  1. Glasglöckeln:

    Jeder liest der Reihe nach einen Satz aus Die Glasglocke vor. Wer anfängt zu weinen, wird sofort von jeglicher Alkoholzufuhr abgeschnitten. Sobald der zweite anfängt, können Gruppenumarmungen und sachtes Schaukeln aufgenommen werden.

    Einkaufsliste:

    • Weiche Mädchen-Alkoholika: Aperol, Beerenwein, Pfefferminzlikör o.ä.;
    • für die vorzeitigen Verlierer Mädchentee: Jasmin, Lavendel, Wohlfühl o.ä.;
    • ein Exemplar Sylvia Plath für alle muss genügen, um nicht unnötig die Verbreitung ihres Werks voranzutreiben. Außerdem verbindet das Weiterreichen.
  2. Shakes-Bier:

    Ein Shakespeare-Stück wird mit verteilten Rollen gelesen. Jedesmal wenn eine scherzhafte Anspielung auf Geschlechtskrankheiten, Geschlechterrollen oder geschlechtliche Beziehungen vorkommt, trinkt der Vortragende eine Flasche Bier ex.

    Einkaufsliste:

    • Ausreichend Sixpacks von irgendeinem englischen Ale, Porter oder Stout, zur Not geht Guinness oder Kilkenny aus Irland. Nehmt 0,33er-Flaschen, es wird rund gehen;
    • ein Shakespeare-Stück. Nicht immer bloß Hamlet, Macbeth, Romeo und Julia und die Materialschlacht von Sommernachtstraum — gerne eins von den Königsdramen, die im deutschen Sprachraum kein Mensch kennt, geschweige denn auseinanderhalten kann. Und möglichst nicht die Schlegel-Tieck-Übersetzung, weil die umschreibt, verschlüsselt und entschärft — lieber die letzte von Frank Günther, der erspart einem nichts.
  3. Sündigen:

    Aus der Bibel werden rundum zufällig aufgeschlagene Stellen vorgelesen. Sobald eine Sünde vorkommt, muss der jeweils nächste beichten, ob er sie schon einmal begangen hat. Wenn ja, muss er Reue zeigen und sie in Wein ertränken. Das passiert etwa bei jedem zweiten Satz. Vorsicht: In der Bibel zählen auch praktisch alle sexuellen Orientierungen, vorehelicher Körperkontakt, Onanie, Coitus interruptus, die Zugehörigkeit zu einer anderen Glaubensgemeinschaft als dem orthodoxen Judentum sowie Wirkungstrinken als Sünden. Bei Genesis anfangen, später im Neuen Testament wird eher mal etwas vergeben.

    Einkaufsliste:

    • Alter Wein in neuen Schläuchen, dem Anlass angemessen bitte keinen Fusel unter 4,99 Euro pro Flasche. Sinnig ist fürs Alte Testament einer aus der Bekaa-Ebene im Libanon, fürs Neue einer von den Golanhöhen: beides sehr geschichtsträchtig, sehr gut und sehr teuer. Als Kompromiss den Syrah vom Penny (2,49 Euro) und Teile der Ersparnis für Amnesty spenden;
    • eine Luther-Version vor 1912.

Francine van Hove

Bilder: Francine van Hove via Kai Fine Art.

Francine van Hove

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Written by Wolf

29. April 2016 um 00:01

3 Antworten

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  1. Lieber Wolf,
    in diesem BLOG das ABSOLUT VODKA tiefgründigste, worüber ich einige WRITERS TEARS vergießen würde!
    Gruß,
    Dein Archegonus

    Archegonus

    1. Mai 2016 at 20:01

    • So richtig viral geht’s immer noch nicht. Aber die nächsten paar Wochenenden sollten gerettet sein; so multipliziert sich’s eher vertikal.

      Wolf

      2. Mai 2016 at 13:31

  2. […] Update zu Saufspiele für Bücher-Geeks: […]


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