Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Kowtow.—Forsooth!—Thinkst thou?—Odds bodkins!—We trou‘! (Start quoting him now.)

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Update zu Der Drang zum Sturm und
Sophokles’ Bruder ab orbe Britannis:

Wir feiern am 23. April den 400. Todestag von William Shakespeare, obwohl wir Heutigen in der Lage sind, bis zu den Fußnoten der weltumspannenden Wikipedia hinunterzuscrollen:

Todesdatum nach dem während der gesamten Lebenszeit Shakespeares in England geltenden julianischen Kalender (23. April 1616); nach dem in den katholischen Ländern 1584, in England aber erst 1752 eingeführten gregorianischen Kalender ist der Dichter am 3. Mai 1616 gestorben. Dadurch hat er das gleiche Todesdatum wie der spanische Nationaldichter Cervantes, obwohl er ihn um zehn Tage überlebt hat.

Dennoch werden wir uns den Feierlichkeiten nicht aus lauter katholischer Besserwisserei verschließen.

Titelblatt Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, Band 2, Zentralbibliothek Zürich, Die erste deutsche Shakespeare-ÜbersetzungDafür bietet sich zu solchen Jubiläen die Pflicht zur „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“ (ja, wirklich, es ist eine Pflicht, die sich bietet, nicht aufdrängt) — was offizielle Subjekte der Kulturpflege halt so sagen müssen.

Eine unschlagbare Gelegenheit zur Besserwisserei ist die tätige und käuflich recht günstig erwerbliche Erkenntnis, dass die Schlegel und Tieck zwar die älteste (1789 bis 1833) bis heute grassierende, aber keineswegs die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung war. Das erste systematisch auf eine gültige Übertragung von Shakespeares Gesamtwerk angelegte Projekt wurde vielmehr von Wieland ins Werk gesetzt: 1762 bis 1766 schaffte Wieland 22 „Theatralische Werke“, davon nur Ein St. Johannis Nachts-Traum in Versform, den Rest in Prosa. Der Sturm oder Der erstaunliche Schiffbruch inszenierte er schon 1761 fürs Komödienhaus in der Schlachtmetzig in der Viehmarktstraße 8 zu Biberach an der Riß — was als erste deutsche Shakespeare-Aufführung überhaupt gilt.

1775 bis 1777 wurden die von Wieland vernachlässigten Dramen von Johann Joachim Eschenburg vervollständigt, das Ergebnis dieser zeitversetzten Gemeinschaftsarbeit heißt Wieland-Eschenburg-Übersetzung.

Kathryn Grayson als Kate, Kiss Me Kate, 1953 via Yvette Can Draw, 27. November 2011Wieland beförderte durch Vermittlung seines Freundes Johann Jakob Bodmer seine Übersetzungen bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich ab 1762 zum Druck (worin sich eine ganz andere Auffassung vom Veröffentlichen ausdrückt als in dem heutigen „einen Verlag suchen“, stimmt’s?), weshalb ihre Gesamtheit als „erste Zürcher Ausgabe“ läuft. Neu veröffentlicht wurden sie als Einzelausgaben 1993 vom verdienstreichen Haffmans Verlag, ebenfalls in Zürich und unter einem Herrn Bodmer, weshalb ihre Gesamtheit als „zweite Zürcher Ausgabe“ läuft. Diese wiederum ging nach dem Konkurs 2001 des Haffmans Verlags in einem Band zu Zweitausendeins. — Letztere Ausführung geht vor allem raus an Karl, der behauptet, es habe schon eine „Züricher Übersetzung“ von Shakespeare, vollständig und ungefähr 1722, jedenfalls aber vor und unabhängig von Wieland stattgefunden. — Nein, hat sie nicht. Einzelne fliegende Schauspielertruppen werden damit angefangen haben, aber das ist wohl ein Verhältnis wie das einzelner eingedeutschter Bibelstellen ab dem Hochmittelalter zur Lutherbibel. Die vier 0,5er-Dosen Guinness werden nächstes Mal doch wieder acht bis 16 Adelskrone.

Der Leser, der weder Wieland, Eschenburg, Schlegel, Tieck noch gar den Karl persönlich kennt, ersieht hieraus den Wert der Besserwisserei anhand solcher abgelegenen Studienratsausgaben; die Penny-Plörre Adelskrone ist nämlich gar nicht so schlecht. Stellt sich zuletzt die Frage:

Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, viaLibri

——— N. N.:

Warum Shakespeare lesen?

Rückentext auf: William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band. Übersetzt von Christoph Martin Wieland. Die zweite Zürcher Ausgabe, im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur nach der ersten Zürcher Ausgabe von 1762 bis 1766 neu herausgegeben von Hans und Johanna Radspieler, Neuausgabe in einem Band, 1. Auflage der einbändigen Ausgabe, Zweitausendeins, Frankurt am Main, Juni 2003:

William Shakespeare, Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen„Nach Gott hat Shakespeare am meisten geschaffen.“ James Joyce „Wenn ich Shakespeare und die Bibel lese, ist mir der Heilige Geist manchmal lieb, aber ich ziehe Shakespeare vor.“ Alexander Puschkin „Dem Mann verdanken wir das weltliche Evangelium.“ Heinrich Heine „Shakespeare ist das größte Genie, das je existiert hat. Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen.“ Johann Wolfgang Goethe „Er ist das Bewußtsein der Welt.“ Gustave Flaubert „Der leidenschaftlichste Dichter der Welt.“ Charles Baudlaire „Shakespeare ist der menschlichste aller großen Künstler.“ Oscar Wilde „Die Größe Shakespeares liegt in seiner Fähigkeit, aus allem nicht nur seine, sondern die Welt zu machen, eine Fähigkeit, die ihn nie verließ, weil sie seine Natur, seine Genialität war.“ Friedrich Dürrenmatt „Shakespeare steht bei der Welt in hohem Ansehn und ist dennoch der größte aller Dichter. Daraus läßt sich erkennen, daß die Wwelt richig urteilt.“ Edgar A. Poe „Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: Ich bin Shakespeare!“ Gotthold Ephraim Lessing „Als ich Shakespeare las, fühlte ich mich neu geboren.“ Henri Stendhal „Den Menschen wollte er im Spiegel der Dichtkunst zeigen, nicht moralische Karikaturen; darum erkennt sie ein jeder im Spiegel, und seine Werke leben heute und immerdar.“ Arthur Schopenhauer „Shakespeare wäre in jedem Zeitalter und in jeder Generation erfolgreich gewesen. Lebte er heute, wäre er garantiert Drehbuchschreiber, Filmregisseur, Bühnenautor, Dramaturg und was weiß ich noch alles. Er würde nicht sagen ‚Dieses Mdium taugt nichts‘, sondern er würde es einsetzen und tauglich machen. Und wenn einige Leute seine Werke ‚billig‘ und ‚vulgär‘ nennen würden (und manche sind es tatsächlich), würde er sich einen Dreck drum scheren, denn er wüßte, daß es ohne Vulgarität keinen ganzen Menschen geben kann.“ Raymond Chandler

Darum Shakespeare lesen!

Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011Unter anderen Umständen hätte ein einfaches „Darum“ gereicht“. Vor allem und wie immer ist es unabdingbar: um Mädels zu beeindrucken — was sich gar nicht als erstes aufdrängt und deshalb der oben eingeforderten „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“, dient. Hilfestellung dazu haben wir längst erhalten: in den frühen 1980er Jahren, als wir nach dem Rudi Carrell noch aufbleiben und den Spätfilm gucken durften, weil den Vater nach den Lottozahlen das Wort zum Sonntag bis zum Ameisenkrieg schnarchend in die Sofapolster genietet hatte. Da kam nämlich in der Reihe Des Broadways liebstes Kind gerne mal Kiss Me Kate — ein sehr viel nachhaltigeres Erlebnis als das vorausgehende Bad am Samstagabend.

Der Film ist von 1953, nach dem Musical von 1948, und das wiederum nach The Taming of the Shrew von Shakespeare, mutmaßlich von 1594. Text und Musik sind von Cole Porter — wobei gerade in dieser Oberliga des Kulturschaffens so eine Häufung von Kompetenzen selten ist; momentan fallen mir nur Shakespeare, Cole Porter und die üblichen Liedermacher ein. Ein besonderes Meisterstück innerhalb Kiss Me Kate ist das Lied Brush up your Shakespeare, was mir auf dem Sofa neben dem schnarchenden Herrn Vater gar nicht aufgefallen ist. Da hieß der Film auch nur Küß mich, Kätchen! und das Lied Schlag nach bei Shakespeare, was mir alles um 1982 ebenso ferne lag wie das Beeindrucken von Mädels.

Cole Porters Originaltext bringt eine Sprachspielerei in einer hinreißenden Mischung aus jiddisch durchsetztem Gaunerjargon und gebremst verballhornter Hochsprache nach der anderen und scheut sich nicht vor den Anzüglichkeiten, die für ein amerikanisches Filmpublikum von 1953 zensiert werden mussten; Shakespeare hätte — und hat — es nicht anders gemacht. Die Melodie ist einer der echten unschlagbaren Ohrwürmer des 20. Jahrhunderts, die einen ein Stück glücklicher hinterlassen und eine Zeitlang durch die Welt tragen können — wenn man gleich mir nicht zu sehr zum Fremdschämen neigt. Dargeboten wird das Lied in der Filmversion nämlich von Keenan Wynn und James Whitmore als Lippy und Slug, und weil es ein Musical ist, müssen sie dazu steppen. Für uns Unerschrockene bringt Gunther Anderson die Gitarrengriffe zum Mitsingen.

Das reicht zum Feiern eines runden Todestages. Weiter unten noch die Geburtstagsparade, dann kauft der Karl frisches Adelskrone und wir kriegen Cervantes.

——— Cole Porter:

Brush up your Shakespeare

aus: Kiss Me Kate, 1948, Verfilmung 1953, hier unzensierter Text:

The girls today in society
go for classical poetry.
So to win their hearts one must quote with ease
Aeschylus and Euripides.

One must know Homer, and believe me, Beau,
Sophocles, also Sappho-ho.
Unless you know Shelley and Keats and Pope,
dainty Debbies will call you a dope.

But the poet of them all,
who will start ‚em simply ravin‘,
is the poet people call
The Bard of Stratford-on-Avon.

Chorus: Brush up your Shakespeare,
start quoting him now.
Brush up your Shakespeare,
and the women you will wow.

Just declaim a few lines from Othella,
and they’ll think you’re a hell of a fella.
If your blonde won’t respond when you flatter ‚er,
tell her what Tony told Cleopatterer.

If she fights when her clothes you are mussing:
What are clothes? Much Ado about Nussing!
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

With the wife of the British ambassida,
try a crack out of Troilus and Cressida.
If she says she won’t buy it or like it,
make her tike it, what’s more As You Like It.

If she says your behavior is heinous,
kick her right in the Coriolanus.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

If you can’t be a ham and do Hamlet,
they will not give a damn or a damlet.
Just recite an occasional Sonnet,
and your lap’ll have honey upon it.

When your baby is pleading for pleasure,
let her sample your Measure for Measure.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

Better mention The Merchant Of Venice,
when her sweet pound o‘ flesh you would menace.
If her virtue, at first, she defends—well,
just remind her that All’s Well That Ends Well.

And if still she won’t give you a bonus,
you know what Venus got from Adonis.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—Odds bodkins!
And they’ll all kowtow.

Chorus.

If your goil is a Washington Heights dream,
treat the kid to A Midsummer Night’s Dream.
If she then wants an all-by-herself night,
let her rest ev’ry ‚leventh or Twelfth Night.

If because of your heat she gets huffy,
simply play on and „Lay on, Macduffy!“
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—We trou‘!
And they’ll all kowtow.

Unknown artist, Procession of Characters from Shakespeare's Plays, ca. 1840

Bilder: Die Vorderseite zur oben zitierten Rückseite von William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, zweite Zürcher Ausgabe von Hans und Johanna Radspieler, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen auf Amazon.de, featuring Laurence Olivier und Vivien Leigh als Romeo und Juliette, 1940;
die älteren Bücher sind das Titelblatt des zweiten Bandes desselben Werks via Zentralbibliothek Zürich: Die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung. William Shakespeare Theatralische Werke. Aus dem Engl. übers. von Herrn Wieland Zürich, 1762ff.:

Angeregt durch Bodmer, beginnt Wieland in Zürich auch mit seiner Übertragung von Shakespeares Dramen, die ab 1762 als erste deutsche Shakespeare-Übersetzung bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich erscheint. [Was ich dem Karl dauernd sag und als Weblog-Eintrag gereicht hätte, aber schon als Tweet zu lang wäre.]

und viaLibri, 17. Oktober 2015;
Ann Miller, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011, DVDBeaverdie Musical-Bilder mit Kathryn „Kate“ Grayson, die ihrem Bierhumpen I Hate Men vorsingt, Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter (So in Love) und Ann Miller beim heimischen Vortanzen von Too Darn Hot sind aus Kiss Me, Kate, 1953 via Yvette Can Draw: Tuesday’s Overlooked (or Forgotten) Films: KISS ME, KATE (1953) starring Howard Keel, Kathryn Grayson and Ann Miller, 27. Dezember 2011
und DVDBeaver, und
die Ehrenparade für den fröhlichen Todesjubilar stammt von einem unbekannten Künstler im Stil von Thomas Stothard, eine ehemalige Zuschreibung an Daniel Maclise: Procession of Characters from Shakespeare’s Plays, ca. 1840, Öl auf Holz, 31,1 cm auf 137,8 cm, Yale Center for British Art, Paul Mellon Fund. Es treten auf, v. l. n. r.:

  • Margaret of Anjou (1430–1482), queen of England, consort of Henry VI
  • Lady Macbeth (character in Macbeth)
  • Ophelia (character in Hamlet)
  • Maria (character in Twelfth Night)
  • Beatrice
  • Sir Toby Belch (character in Twelfth Night)
  • Hamlet, Prince of Denmark
  • Benedick
  • Sir John Falstaff
  • Malvolio (character in Twelfth Night)
  • Katharine (character in The Taming of the Shrew)
  • Proteus
  • Doll Tearsheet
  • Shakespeare, William (1564–1616), playwright and poet
  • Othello (character in Othello, the Moor of Venice)
  • Valentine
  • Launce (character in The Two Gentlemen of Verona)
  • Parolles
  • Crab
  • Titania (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Sir Andrew Aguecheek (character in Twelfth Night)
  • Celia
  • Bottom (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Rosalind (character in As You Like It)
  • Juliet (character in Romeo and Juliet)
  • Romeo (character in Romeo and Juliet)
  • Desdemona (character in Othello)

Annähernd in Originalgröße ist die Parade wiedergegeben auf Tumblr, entdeckt wird sie allerdings schon im englischen Wiki-Artikel zu Shakespeare, weil ja wir Heutigen, wie eingangs erwähnt, in der Lage sind, ziemlich weit runterzuscrollen.

Bonus Tracks: I Hate Men, So in Love und Too Darn Hot, woher wohl. Anspieltipp ist letzteres: Ann Miller schlägt sich doch recht wacker bei ihrem Vortanzen im Wohnzimmer. Außerdem werden solche Pin-up-Schönheiten heute gar nicht mehr so hergestellt, nicht mal für Shakespeare-Dramen.



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Written by Wolf

22. April 2016 um 00:01

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