Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ein arger Gast in Trutz und Poch

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Update zu Weistu was so schweig:

Die Freiheit regiert also jetzt die Schönheit. Die Natur gab die Schönheit des Baues, die Seele gibt die Schönheit des Spiels. Und nun wissen wir auch, was wir unter Anmuth und Grazie zu verstehen haben. Anmuth ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluß der Freiheit; die Schönheit derjenigen Erscheinungen, die die Person bestimmt. Die architektonische Schönheit macht dem Urheber der Natur, Anmuth und Grazie machen ihrem Besitzer Ehre. Jene ist ein Talent, diese ein persönliches Verdienst.

Schiller: Über Anmuth und Würde, Juni 1793.

Wie sich Verdienst und Glück verketten
Das fällt den Thoren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten
Der Weise mangelte dem Stein.

Goethe: Mephisto in Faust, 2. Teil, Vers 5061 ff., ab 1825.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Tod, Stiftsbibliothek AdmontDen Unterschied zwischen von der Natur oder sonst einer übergeordneten Instanz („Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ — Faust auf die Gretchenfrage) verliehenen Gaben gegenüber persönlichen Errungenschaften merken wir uns, um eine besonders brillante Stelle im Doktor Faustus von Thomas Mann zu verstehen.

Eigentlich ist es eine selbsterklärende, weil Thomas Mann dialogweise das meiste Material dazu liefert. Wir wollen es wieder genau wissen und blättern nach, wo er den Widerspruch her hat. Falls es einer ist.

Äußerlich hat Adrian Leverkühn im 10. Kapitel seiner fiktiven Biographie soeben das Abitur bestanden und wird von seinem Schulrektor persönlich ins Leben verabschiedet. Der macht sich Sorgen um seinen scheidenden Zögling und warnt ihn schon vor dem anstehenden Teufelspakt so konkret, wie man vernünftigerweise nur werden kann. Hierbei bemüht er ein Goethewort so versteckt, dass es nur ein so belesener Abiturient wie Adrian bemerken kann. Ihm fällt sogar die entgegengesetzte Auffassung zu Schiller auf.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Jüngstes Gericht, Stiftsbibliothek AdmontBeider Auffassungen sind durch die zwei Zitate oben belegt. Die Goethe’schen „angeborenen“ oder „natürlichen“ Verdienste (1808) sind eine Contradictio in adiecto, die absichtlich pointiert gebraucht sein kann. Wenn nicht, wäre sie allerdings der Affront gegen Schiller (1793), den Adrian darin sieht, auch wenn keine Kontroverse darüber entstanden war. Kunststück: Der Faust-Tragödie erster Theil erschien 1808, genau als Goethe mit Dichtung und Wahrheit überhaupt erst anfing, dabei war Schiller schon 1805 gestorben.

Derselbe Widerspruch aus Gottesgaben und Eigenverdiensten hat Thomas Mann noch öfter beschäftigt, vor allem in seinen Essays Goethe und Tolstoi ab 1923, Phantasie über Goethe 1948 und Goethe und die Demokratie 1949; zum Vergleich: Doktor Faustus ist von 1947, die Beschäftigung an dieser Stelle am gründlichsten. Es tut wohl zu beobachten, dass ein Großmeister, „Zauberer“ gar, wie Thomas Mann mit Wasser kocht, will hier heißen: seine Lieblingsstellen von Größeren ausschlachtet.

Das Brillanteste an Thomas Manns kurzer, für seine Romanhandlung bedeutsamer Aufarbeitung ist die Sprache des Rektors. Dessen schönste Formulierungen stammen aus dem Simplicissimus von Grimmelshausen 1668, wo nicht gar aus der Luther-Bibel 1545, besonders dem 1. Petrusbrief, und Ulrich von Hutten. Urwüchsig barockes Reformationsdeutsch, das Goethe gegen Schiller ausspielt — eine „deutschere“ Romanstelle kann es kaum geben.

——— Thomas Mann:

Doktor Faustus

Kapitel X, Bermann-Fischer, Stockholm 1947:

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Hölle, Stiftsbibliothek AdmontEr war, sage ich, sehr aufgeräumt damals, und wie denn nicht! Vom mündlichen Examen auf Grund der Reife seiner schriftlichen Arbeiten dispensiert, hatte er sich mit Dank für alle Förderung von seinen Lehrern verabschiedet, bei denen der Respekt vor der Fakultät, die er erwählt, die geheime Kränkung zurückdrängte, die seine geringschätzige Mühelosigkeit ihnen immer zugefügt hatte. Immerhin hatte der würdige Direktor der Gelehrten Schule der Brüder vom gemeinen Leben, ein Pommer namens Dr. Stoientin, der sein Professor im Griechischen, Mittelhochdeutschen und Hebräischen gewesen war, es bei der privaten Abschiedsaudienz an einem Mahnwort in dieser Richtung nicht fehlen lassen.

„Vale“, hatte er gesagt, „und Gott mit Ihnen, Leverkühn! — Der Segensspruch kommt mir vom Herzen, und ob nun Sie dieser Meinung sind oder nicht, ich fühle, daß Sie ihn brauchen können. Sie sind ein Mensch von reichen Gaben, und Sie wissen es — wie sollten Sie es nicht wissen? Sie wissen auch, daß Der dort oben, von dem alles kommt, sie Ihnen anvertraute, denn ihm wollen Sie sie ja darbringen. Sie haben recht: Natürliche Verdienste sind Verdienste Gottes um uns, nicht unsere eigenen. Sein Widerpartner ist es, durch Hochmut zu Falle gekommen er selbst, der trachtet, es uns vergessen zu lassen. Das ist ein arger Gast und brüllender Löwe, der geht und sucht, welchen er verschlinge. Sie sind von denen, die allen Grund haben, vor seinen Schlichen auf der Hut zu sein. Es ist ein Kompliment, das ich Ihnen da mache, nämlich dem, was Sie von Gottes wegen sind. Seien Sie’s in Demut, mein Freund, nicht in Trutz und Poch; und bleiben Sie eingedenk, daß Selbstgenüge dem Abfall gleichkommt und dem Undank gegen den Spender aller Gnaden!“

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Himmel, Stiftsbibliothek AdmontSo der wackere Schulmann, unter dem ich später noch an dem Gymnasium Lehrdienst versah. Adrian berichtete mir lächelnd von der Kommunikation auf einemder vielen Feld- und Waldspaziergänge, die wir in jener Osterzeit vom Hofe Buchel aus machten. Denn dort verbrachte er nach dem Abitur einige Wochen der Freiheit,und mich hatten seine guten Eltern zu seiner Gesellschaft mit eingeladen. Ich erinnere mich wohl des Gesprächs, das wir damals im Schlendern über Stoientins Mahnworte führten, besonders über die Redensart „Natürliche Verdienste“, deren er sich bei seiner Handschlagrede bedient hatte. Adrian wies nach, daß er sie von Goethe entlehnt übernommen habe, der sie gern gebraucht oder auch häufig von „angeborenen Verdiensten“ spreche, indem er durch die paradoxe Verbindung dem Wort „Verdienst“ seinen moralischen Charakter zu nehmen und, umgekehrt, das Natürlich-Angeborene zu einem außer-moralisch-aristokratischen Verdienst zu erheben suche. Darum habe er sich gegen die Forderung der Bescheidenheit gewandt, die immer von den Natürlich-Benachteiligten komme, und erklärt: „Nur die Lumpe sind bescheiden„. Direktor Stoientin aber habe das Goethe’sche Wort vielmehr im Geiste Schillers gebraucht, dem an der Freiheit alles gelegen gewesen sei, und der darum zwischen Talent und persönlichem Verienst moralisch unterschieden, Verdienst und Glück, die Goethe untrennbar verschränkt sehe, scharf voneinander getrennt habe. Das tue auch der Direktor, wenn er die Natur Gott nenne und angeborene Talente als die Verdienste Gottes um uns bezeichne, die wir in Demut zu tragen hätten.

„Die Deutschen“, sagte der neugebackene Student, einen Grashalm im Munde, „haben eine doppelgeleisige und unerlaubt kombinatorische Art des Denkens, sie wollen immer eins und das andere, sie wollen alles haben. Sie sind imstande, antithetische Denk- und Daseinsprinzipien in großen Persönlichkeiten kühn herauszustellen. Aber dann vermantschen sie sie, gebrauchen die Prägungen der einen im Sinn der andern, bringen alles durcheinander und meinen, sie können Freiheit und Vornehmheit, Idealismus und Naturkindlichkeit unter einen Hut bringen. Das geht aber wahrscheinlich nicht.“

„Sie haben es eben beides in sich“, erwiderte ich, „sonst hätten sie’s in jenen Beiden nicht herausstellen können. Ein reiches Volk.“

„Ein konfuses Volk“, beharrte er, „und für die andern verwirrend.“

Als Kuriosität ein hypothetisches Flickwerk aus den Informationen in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe des Doktor Faustus, S. Fischer Verlag auf dem Stand von 2007: Nach allen Vorstufen und Verbesserungen in seiner Rede zu schließen, hätte Direktor Stoientin schlimmstenfalls sagen können:

Seid nüchtern und wachet, denn das ist ein arger Gast und Wendenschimpf, der mit der Leimstange geht wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er bescheiße. Der hat schon manchen, mit dem es in floribus herging, über den Tölpel geworfen und ihn am goldnen Seil der Hoffart in die Patsche gelockt.

Ist das nicht eine herrliche Pracht? Jedes Wort davon wäre zu begründen, steht aber hier nur zur Kurzweil — und keinesfalls in eurer Deutsch-Hausarbeit, liebe Kinder.

Vier letzte Dinge: Josef Stammel für die Stiftsbibliothek Admont:

Stiftsbildhauer Josef Stammel (1695–1765) hat die umfangreichen, in Lindenholz geschnitzten bildhauerischen Kunstwerke des Prunksaales geschaffen. Besonders beeindruckend sind die Vier letzten Dinge, eine Gruppe von vier überlebensgroßen Darstellungen von Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Sie sind allerdings früher als die Bibliothek entstanden und stehen im Kontrast zum aufgeklärten Konzept des Architekten.

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Written by Wolf

13. November 2015 um 00:01

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