Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Was hilft euch Schönheit, junges Blut?

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Update zu München am Meer IX: Schaafswolle to Moby Dick:

Hosenmode, aus der Zeitschrift Das Magazin, 1931, Münchner Stadtmuseum 2015Das ganz und gar unverächtliche, gelegentlich sogar angenehm undergroundige Münchner Stadtmuseum macht mal wieder eine temporäre Ausstellung: Vom 25. September 2015 bis 29. Mai 2016 gibt’s Gretchen mag’s mondän – Damenmode der 1930er Jahre. Fangen wir an mit der ungekürzten Eigenbeschreibung, weil die nach Ausstellungsende gewiss keine Ewigkeit mehr stehen bleiben wird. Der 29. Mai 2016 ist übrigens ein Sonntag, lassen Sie sich also ruhig Zeit, auf den letzten Drücker macht’s immer den meisten Spaß. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen, unermäßigter Eintritt fürs ganze Haus 7 Euro:

Die Damenmode der Dreißigerjahre war international gesehen eine Bekleidungslinie, in der Glamour und Mondänität mit Sportlichkeit und Lässigkeit einhergingen.

Auch das Klischee vom blonden strammen Uniform-Mädel oder der biederen Soldaten-Mutter kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen im Dritten Reich sehr wohl an Schminke, Mode und Zigaretten interessiert waren. Die moderne Frau, an der die Jahre der Neuen Sachlichkeit nicht spurlos vorüber gegangen waren, ließ sich nicht dem Ideal der deutsch-tümelnden Propagandisten unterwerfen, sondern legte auf modische Eleganz und internationalen Flair großen Wert. Selbst Hitler schätzte elegante Frauen, wie durch seine Verehrung für Magda Goebbels, der Repräsentantin des neuen weiblichen Deutschland, deutlich wurde.

Eleganz und französische Modevorbilder wurden selbst nach Kriegsbeginn meist als weibliche Schwäche geduldet, schließlich präsentierte sich das NS-Regime nach außen hin gerne als weltläufig. Außerdem spielte die Modebranche in Deutschland eine bedeutende wirtschaftliche Rolle. Daher wurde in Deutschland, besonders in Berlin, weiterhin internationale Mode aus Paris oder Wien übernommen und an die Frau gebracht, die es nachmittags damenhaft und abends hoch elegant liebte.

Das Phänomen war eine tiefe Kluft in der Mode zwischen Theorie und Praxis, denn die Parolen der Partei forderten zwar eine Rückkehr zum Brauchtum, andererseits wurde im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs Weltoffenheit und Konsum gefördert. Dieser Gegensatz brachte die deutsche Modebranche sowie die Konsumentinnen in eine oftmals schizophrene Lage. In der Ausstellung wird u.a. am Beispiel der 1931 gegründeten Deutschen Meisterschule für Mode München dieser Bruch thematisiert.

Katalog Dr. Isabella Belting, Gretchen mag's mondän, Hirmer Verlag München 2015Für diese Ausstellung wurde der 1930er-Modebestand des Münchner Stadtmuseums gesichtet, erforscht und restauriert, so dass viele der Textilien nun das erste Mal gezeigt werden können. Der abwechslungsreiche Rundgang führt den Besucher durch verschiedene Themenbereiche und macht die modische Vielfalt der Dreißigerjahre anhand von Tages- und Abendmode, Brautkleider, Morgentoiletten, Negligés, Sportbekleidung und Tracht deutlich.

Ca. 150 Damenkleider und Kostüme werden auf handgefertigten Büsten präsentiert, ebenso zahlreiche Accessoires wie Pelze, Schuhe, Taschen, Hüte, Schals, Tücher, Handschuhe, Schmuck und Schmink-Utensilien.

Grafische Abbildungen, Modejournale, Modefotografie und Plakate unterstreichen die Fülle an Kleidungstilen und runden die bunte Schau ab.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog beim Hirmer Verlag mit zahlreichen farbigen Abbildungen.

In Kooperation mit der Deutschen Meisterschule für Mode wird die Thematik der Ausstellung in eine moderne Sichtweise gerückt und präsentiert.

Elegante Tagesmode, Modell von Maggy Rouff, aus der französischen Zeitschrift Vogue, 1939, Münchner Stadtmuseum 2015Klischees von blonden strammen Uniform-Mädels und biederen Soldaten-Müttern, weibliche Schwächen, Rückkehr zum Brauchtum, Schizophrenie gar. Dabei tragen die Damen auf den Beispielbildern zur Ausstellung nicht einmal gretchentypische Zöpfe, schon gar keine blonden. Da wird wohl durch die Namensgebung unterstellt, dass alle deutschen Mädels — jeden Alters — Gretchen heißen. Mehr Bezug zwischen Gretchen mag’s mondän und der ersten und stärksten Assoziation mit allem, was Gretchen heißt — nämlich mit der Faust-Figur — außer einem gewissen Deutschtum besteht auf den ersten Blick nicht.

Auf den zweiten schon.

Belauschen wir dazu Gretchen, die Faust-Figur, bei ihrem mondänen Moment. Es ist ihr einziger. Und sie ist dabei allein in ihrem Kämmerlein.

——— Abend. Ein kleines reinliches Zimmer.

Margarete mit einer Lampe.

[…]

Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen.

Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein.
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn?
Vielleicht bracht’s jemand als ein Pfand,
Und meine Mutter lieh darauf.
Da hängt ein Schlüsselchen am Band,
Ich denke wohl, ich mach‘ es auf!
Was ist das? Gott im Himmel! schau,
So was hab‘ ich mein‘ Tage nicht gesehn!
Ein Schmuck! Mit dem könnt‘ eine Edelfrau
Am höchsten Feiertage gehn.
Wie sollte mir die Kette stehn?
Wem mag die Herrlichkeit gehören?

Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.

Wenn nur die Ohrring‘ meine wären!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schön und gut,
Allein man läßt’s auch alles seyn;
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles. Ach wir Armen!

Abendkleid, aus der Zeitschrift Wiener Mode, 1935, Münchner Stadtmuseum 2015Mondäner wird’s nicht für das Gretchen: Ihr erstes Geschmeide erreicht sie im heiratsfähigen Alter, unverhofft und so zweifelhafter Provenienz, dass sie ein schlechtes Gewissen dabei haben muss. Nebenbei stellt sich ihre Mutter, die ohnehin etwas sinistre Frau Schwerdtlein, als Pfandleiherin heraus, was für Christenmenschen höllisch verboten ist und nur den Juden ansteht, denen dafür das ehrbare Handwerk verwehrt bleibt, und wenn sie den ungerufenen Schmuck, der sonstwem gehören mag, tragen will, macht sie sich allein aufgrund ihres bürgerlichen Standes strafbar — siehe auch: städtische Kleiderordnungen, Ständeordnung zur Unterscheidung adliger Damen von Bürgerlichen und derselben wiederum von Huren. Wie man es auch dreht und wendet, kann Gretchen keinen Schmuck gebrauchen.

Und doch wächst sie schon beim Anblick des Geschmeides und dem völlig neuartigen Gedanken, dergleichen könnte ihr gehören, ein ganzes Stück: Genau auf das Wort Edelfrau lässt der allmächtige Puppenspieler Goethe sie aus ihren üblichen naiven Knittelversen ausbrechen und ihr allererstes Enjambement verwenden. Gut, die Brillanz der mephistophelischen Madrigalverse wird sie nie erreichen — aber überhaupt nicht einsehen, warum sie darein ihren Ehrgeiz wenden sollte. Außerdem hat das brave Bürgermädchen den eloquenten Gelehrten Faust und Mephisto bisher nie so genau zugehört.

Im Metrum nähern sich, wie oft im Faust, die Figuren an, Gretchen überschreitet damit sogar die Standesgrenze vom Bürgermädchen zu etwas Höherem: der Edelfrau.

Meine Gelehrtheiten entnehme ich der Frankfurter Goethe-Ausgabe, also den Anmerkungen von Albrecht Schöne; das sind die reichhaltigsten. Dagegen Erich Trunz in der Hamburger Ausgabe hält dieselbe Stelle für selbsterklärend, verbreitet sich dafür ausführlicher über Gretchens unmittelbar vorausgehendes Lied Es war ein König in Thule: Das ist eine Ballade, die aus einem idealisierten Mittelalter handelt, daher uralthergebracht wirken soll und sich für eine Bassstimme eignet, aber von Goethe eigens für den Faust verfertigt wurde, um sie ausgerechnet einem — noch — unschuldigen jungen Mädchen in den Mund zu legen.

Unpassend erscheint das wegen Thema und Tonfall der Ballade, passend erscheint es wegen der paradoxen Situation: Niemals ist ein Mädchen privater für sich allein als in seinem eigenen Zimmer beim Auskleiden zur Nacht — vor allem, wenn es zuvor am selben Tag von einem schmucken Herrn angesprochen wurde, den sie abgewiesen hat und dem sie jetzt gedanklich nachhängt. Und der feine Herr war in der Zwischenzeit in Gesellschaft des Teufels persönlich in ihrer Stube, um fragwürdige Geschenke zu hinterlassen.

Ein klarer Vertrauensbruch, bevor überhaupt irgend ein Grund zum Vertrauen entstehen konnte. Wenn Gretchen das wüsste statt nur halbbewusst ahnte, sie würde Faust noch ganz anders anzicken als mit „Kann ungeleitet nach Hause gehn“, und damit hätte sie recht.

Paul Mila, 3. Abend. Gretchen betrachtet den von Mephistopheles zurückgelassenen Schmuck, 1834, GoethezeitportalSo aber wabert die Atmosphäre für das als feinfühlig einzuschätzende Gretchen noch von den zwei Eindringlingen, die jetzt schon wissen, wie ihr Bett aussieht: „Mephistopheles herumspürend: Nicht jedes Mädchen hält so rein. Ab.“ Und da kommt ihr das „alte“ Lied in den Sinn, das so gar nichts mit ihr zu tun hat, eigentlich ein Fremdkörper in dem Repertoire, das sie singen kann, über das sie sich gar nicht jeden Tag bewusst ist, dass es in ihr wohnt.

Es sind also schlimme Zeiten, schlimmere brechen an: Überwacht wird sie schon — und durch solche nur halb willkommene Nachstellung auf den besten Weg geschubst, sich unschuldig schuldig zu machen. Die Definition einer Tragödie. „Trank nie einen Tropfen mehr“ — „und erblickt das Schmuckkästchen.“ — „Ach wir Armen!“ Gute Nacht, Gretchen.

Das Münchner Stadtmuseum behandelt das nicht — weil es einen anderen Anspruch stellt: Es lässt alle „Gretchen“ Gretchen sein, indem es eben nicht die Adligen und die Huren, sondern die bürgerlichen Frauen zeigt — bei dem Versuch, in schlimmen Zeiten Anmut und Würde zu bewahren.

Eine lehrreiche Dimension des Ausstellungsthemas, mit der die Aussteller selbst gar nicht gerechnet haben (genau kann ich das nicht wissen, lasse mich aber durch deren Widerspruch belehren; für mich sind das von der Haustür weg keine 15 Minuten mit dem 62er).

Wir merken uns jetzt, wenn wir die Ausstellung besuchen: Auch ein deutsches Mädel ist dann eine Edelfrau, wenn man es so behandelt.

Gretchenbilder: Hosenmode, aus der Zeitschrift „Das Magazin“, 1931;
Dr. Isabella Belting (Kuratorin): Gretchen mag’s mondän, Ausstellungskatalog Hirmer Verlag München 2015,
Elegante Tagesmode (Modell von Maggy Rouff), aus der französischen Zeitschrift „Vogue“, 1939;
Abendkleid, aus der Zeitschrift „Wiener Mode“, 1935,
alle via Münchner Stadtmuseum 2015;
Paul Mila: 3. Abend. Gretchen betrachtet den von Mephistopheles zurückgelassenen Schmuck, 1834,
via Goethezeitportal.

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Written by Wolf

6. November 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

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