Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx

leave a comment »

Update zu Seegespenst Loreley (Doktor, sind Sie des Teufels?):

Eins meiner Lieblingslieder. Erinnert mich an meine Jugendfreundin. Meine Mama hat mal die Statue der Lorelei auf ihrem Felsen im Rhein besucht.

Sie sagt, sie wäre leicht pornografisch. Andererseits glaube ich nicht, dass einer sein Schiff für ein nettes Mädchen in vernünftigem Schuhwerk drangeben würde.

[Original-Kommentar:] One of my favourite songs. Reminds me of a girlfriend when I was young. My mum went to see the statue of the Lorelei on her rock in the Rhine.

She said it’s a bit pornographic. Then again, I don’t suppose you would crash your ship for a nice girl in sensible shoes.

Tommy Tipitcup über The Pogues: Lorelei, 2010.

Schreibkraft, Heinrich-Heine-Denkmal, Bronx, Dezember 2003, Wikimedia Commons

Die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal muss jetzt sehr stark sein. Die Loreley, weltweit am bekanntesten durch Heinrich Heine, ist mitnichten, wie anno 1824 von ihm behauptet, „ein Mährchen aus alten Zeiten“, also keine Volkssage, sondern eine eindeutig nachweisbare Erfindung in einer Ballade von Heines Kollegen Clemens Brentano von gerade mal 1800.

Jemand musste es tun, jemand musste endlich den Gefahren, die an den Untiefen des Rheins die Schifffahrt bedrohen, eine tröstliche Gestalt verleihen. Bis dahin war dort individuell undefiniertes Elfen- und Zwergenvolk unterwegs, ganz geheuer war es also noch nie — jedenfalls nicht 1645 ff. beim „ersten Baedeker in deutscher Sprache“:

——— Martin Zeiller/Lucas Heinrich Wüthrich Matthaeus Merian:

Bacharach.

aus: Topographia Palatinatus Rheni et Vicinarum Regionum,
Merian, Frankfurt am Main 1645–1654:

Besser den Rhein hinunder / gegen dem Hunsruck herüber / nach dem Rhein zu / ligt das Pfältzische Ampt Bacharach / von zweyen kostbarlichen / vnd stattlichen Dingen / sehr ansehenlich. Erstlich vom Weinwachs / so allenthalben den Ruff hat / vnnd hin vnd her weit geführet wird: Vnd dann vom Rheinzoll zu Bacharach / vnd Caub / so der ChurPfältzischen Cammer ein grosses vor diesem eingetragen hat. Es ziehet sich das Gebürg zu beyden seiten deß Rheins, bey Bingen hinab / nach: vnd vnder Bacharach / so von den Alten der Lurleberg ist genant worden / in welchem Gebürg auch ein sonderbar lustig Echo, oder Widerschall / sich befindet; Item an einem Orth ein Zwirbel im Rhein / von welchen beden vielleicht diser Widerschall herrühret / als wann daselbst der Rhein heimbliche Gäng vnder der Erden hätte. In diesem Strich nun ist ein Stein mitten im Rhein / davon etliche die Statt Bacharach hernennen / welchen man bißweilen sihet / wann der Rhein klein ist / vnnd deswegen ein Anzeygen folgenden Jahrs guten Weingewächs gibet; weilen es wenig geregnet / heiß / vnd trucken ist. Man vermeynt / daß diesen Stein vor Zeiten die Teutsche jenseit Rheins / als ein aram, oder Altar / hieher gesetzt, wie es dann ein grosser / gevierter / oder Quadratstein / fast wie ein Altar / ist.

The Interloafer, Heinrich-Heine-Denkmal, Bronx, 17. September 2007, Wikimedia Commons

Der Felsen trägt schon spätestens seit dem Mittelalter Namen, die allesamt eine Variation über „Lorelei“ sind und möglicherweise etwas wie „lauernder“, „schreiender“ oder „Elfen“-Felsen bedeuten. Eine Aufzählung von Wolfgang Minaty (Hg.): Die Loreley. Ein Lesebuch, Insel Verlag 1988 kennt:

Loreley. Lorelei. Lorelej. Lore-Ley. Lore-Lei. Lore Lay. Lorley. Lorlei. Lorely. Lurley. Lureley. Lurelei. Lourley. Lurline. Lorhelia. Laureligh. Lurlaw. Montes Lurleiani. Mons Lurlaberch. Lûrlinberc. Lûrlenberg. Lôrleberg. Lôrberg. Lurleberg. Lurleyberg. Lurleiberg. Lurle-Berg. Lorleberg. Lorberg. Lurleyfels. Lurleifels. Loreleyfelsen. Lure. Lora. Lore. Lenore. Toreloreliese.

Außerdem herrscht speziell an dieser tiefsten Stelle des — sehr prekär — schiffbaren Rheins ein ausgeprägtes, immerhin siebenfaches Echo. Meinem inneren Sprachwissenschaftler sagt deshalb besonders die Deutung von Ernst Moritz Arndt zu: dass lurleien „im alten Teutschen“ nachsprechen bedeute — und dadurch ohne die Bestandteile des Lauerns und des Felsens auskommt. Leider auch ohne haltbar linguistische Belege.

Das Wunder liegt also zugegeben darin, dass Brentano anno 1800 noch keine uralte Volkssage vorfinden konnte. Kein Geringerer als Arno Schmidt (dem ich jedes Wort glaube) lässt gerade einmal vier „echte“ deutsche Romantiker gelten: Fouqué, Hoffmann, Tieck und eben Brentano — und tatsächlich wirkt gegen dessen „verwilderten Roman“ Godwi, in dem seine Lore Lay vorkommt, das Gesamtwerk des Paraderomantikers Eichendorff geradezu kindlich bemüht, bestenfalls ganz nett. Gerade dem heute entschieden vernachlässigten Brentano ist es deshalb zu gönnen, dass er mit einem dazwischengeworfenen Nebenwerk, das in seiner umgebenden Hauptsache gar keine herausragende Rolle spielt, dermaßen tief im kollektiven Gedächtnis der ganzen Welt bleibt.

Die Wölfin, die natürlich wie so ziemlich jeder, der lesen und schreiben gelernt hat, das Lied von Heine kennt, nennt das blonde Gift, den männermordenden Unschuldsengel Loreley einen feuchten Männertraum. Und wenn schon, damit hat sie aus küchenpsychologischer Sicht bestimmt recht und ist bei weitem nicht allein. Der Topos der unmöglichen Liebe zwischen Menschen und Wasserwesen reicht bis in die Antike zurück, und eigentlich tut die Loreley nichts anderes als die homerischen Sirenen auch. In der Odyssee waren die Sirenen übrigens zu zweit; bei Brentano ist die „Zauberin“ — also Hexe — Lore Lay sich ihrer Gabe und ihres Fluchs, der ihr Pech in der Liebe gebracht hat, so schmerzlich bewusst, dass sie den Tod sucht — was sie in der Antike in die größte Nähe zur Nymphe Echo rückt, die aus Gram über ihre unglückliche Liebe zu Narziss zu Stein erstarrt.

Beide Aspekte sind seit Heine verloren gegangen: Typischerweise singt die Loreley solo, und es bleibt ungewiss, ob sie nicht doch absichtsvoll, folglich bösartig oder wenigstens aus Rache für ihre verlorene Liebe handelt. Ein erklärtes Ziel, etwa ihre Liebe wiederzufinden, hat sie nicht mehr. Eine Fee in der Eigenschaft eines Elementargeistes, der so unausweichlich wie eine personifizierte Naturgewalt auftritt, wird sie dadurch, dass die fehlbaren, mit Trieben ausgestatteten Menschen ihr nur wehrlos begegnen können.

Das Anrührende an ihr ist seitdem ihre regionale Verankerung und damit ihre Zugänglichkeit: Heines „Schiffer im kleinen Schiffe“ müssen beruflich an ihr vorbei, sie können sie gar nicht vermeiden. Alle müssen sich in sie verlieben und gehen in Ausübung ihrer lebensnotwendigen Arbeit an ihr zugrunde. Und das passiert nicht in einer vage behaupteten Sagenwelt, sondern an der bekanntermaßen kitzligen Stelle Rheinkilometer 555 zwischen Kaub und Sankt Goarshausen in Rheinland-Pfalz.

Loreleys Eigenleben in den zahllosen Versionen und Verarbeitungen ist eine Legende für sich. Heines Version im Buch der Lieder 1823 (veröffentlicht 1826) war keineswegs die erste nach Brentano, nur die mit Abstand erfolgreichste, bestimmt auch durch die kongenial volksnahe Vertonung von Friedrich Silcher.

Am frappierendsten finde ich den Teil der realen Legende, dass Heinrich Heine ein Denkmal in New York City hat — und zwar keine dreiviertelmannshohe Anstandswürdigung in einer touristisch belebten Ecke auf Antreiben der German Community, sondern einen sehr präsenten und elaborierten Lorelei-Brunnen von Ernst Härter, 1888 in Auftrag gegeben vom Heine-Fan Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich, der in der Neuen Welt einst den Eingang zum Central Park zieren sollte und nach etlichen Wirren 1940 dauerhaft in der Bronx angekommen ist: am nördlichen Ende des Joyce Kilmer Parks, ehemals Franz-Sigel-Park, East 161st Street in Melrose/Morrisania, neben dem Gerichtsgebäude Bronx County Courthouse und in Sichtweite des Yankee-Stadions, wo das Salz der Erde lebhaft durcheinanderrieselt.

Wenn Brentano das geahnt hätte.

Schreibkraft, Heinrich-Heine-Denkmal, Bronx, Dezember 2003, Wikimedia Commons

Fotos: Schreibkraft, Dezember 2003 und The Interloafer, 17. September 2007.
Soundtrack: The Pogues: Lorelei, aus: Peace and Love, 1989.

Advertisements

Written by Wolf

16. Oktober 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: