Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Selige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest

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Update zum Streckvers 1:

„Wem der alte preußische Grenadier Franz Koch mit seiner Maultrommel begegnet, der versäume nicht, ihn zu hören.“

Zuschreibung von Gustav Schilling und Gottfried Wilhelm Fink in der Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, 1837
an Jean Paul: Hesperus, 1795, sonst nicht nachweisbar.

Zu Zeiten der Romantik ist tatsächlich ein ernstzunehmendes Musikrepertoire für Maultrommel entstanden, allem voran sieben nachgewiesene, leider nur drei erhaltene Konzerte für Maultrommel, Mandora und Orchester von Johann Georg Albrechtsberger — Österreicher, wie zu erwarten.

Den beiden immer noch leicht zugänglichen Konzerten dieser Machart haftet nichts Parodistisches oder sonst Ironisches an, vielmehr klingen sie heiter, in Aufbau und Anspruch etwa wie einer der „Musicalischen Scherze“ von Mozart. Aufbereitet habe ich das F-Dur-Konzert, in dem der 3. Satz – wiederum ungewohnt – eingängiger und tragfähiger klingt als wie üblich der 1. Satz.

Wahrscheinlich aus den gleichen Gründen, aus denen gerade Volkskunst, Volkslieder und Volksmärchen als vollwertige Schöpfungen entdeckt wurden, konnte Albrechtsberger die ausgesprochen schusterjungenhafte Maultrommel in die Kammermusik einführen, ohne das volkstümliche Instrument oder sich selbst lächerlich zu machen. Heute wirkt dergleichen so angenehm außer der Reihe, dass man sich fragt, warum die deutsch-romantischen E-Musiker eigentlich nicht öfter mal Korpora für Baritondudelsack, Dulcimer oder Hirtenschalmei geschaffen haben.

Sehr viel gewöhnungsbedürftiger, ja schmalzig bis zur Peinlichkeit wirkt dagegen heute der literarische Bestseller Hesperus von unserem alten Liebling Jean Paul an den Stellen, wo er seine geballte Melodramatik austobt. 1795 waren derlei unverhohlene Gefühlsausbrüche gewünscht und kein Privileg der Trivialliteratur. Das ist kein „im Volk“ auf unerfindliche Weise plötzlich entstandener Effekt, sondern ein Ausfluss der Hochkultur und daher besser belegt. Wesentlich dazu beigetragen hat ganz sicher Schiller, der erst 1793 dem Faktischen seine normative Kraft verliehen hatte: In Ueber das Pathetische fordert er für das Theater alternativlos eine pathetisch-erhabene Darstellungsweise. Und weil Schiller immerhin Schiller war, ein anerkannter Olympier mit dennoch großer Breitenwirkung seit seinem Erstling Die Räuber (1782), herrschte fortan die Lizenz, wo nicht gar die Pflicht zu niemals genug Pathos, Erhabenheit, Melodramatik und Schmalz.

Dass Volkstreiben auf die Hochkultur einwirkt, war in der Klassik eine neuartige, zumindest kuriose Feststellung, daher haben wir Biedermeier, Kunstmärchen und – wenige – Maultrommelkonzerte. Dass eine Hochkultur überhaupt existiert und sogar auf volkstümliche Kunstformen einwirkt, muss hingegen heute eigens erklärt werden, daher haben wir konzertante Blasmusik, Hipster und eine nur zäh fortschleichende Erkenntnis, dass Comics Literatur sein können – ohne etwas davon zu bewerten.

Das Volk ist nicht tümlich, erkannte Brecht endlich um 1930. Wir Heutigen müssen uns trotzdem nicht einbilden, klüger oder dümmer als um 1800 zu sein.

——— Jean Paul:

28. Hundposttag

in: Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Lebensbeschreibung,
Karl Matzdorff, Berlin 1795, Drittes Heftlein,

Dritter Osterfeiertag
F. Kochs doppelte Mundharmonika – die Schlittenfahrt – der Ball – und ….

Ich fuhr in die Höhe beim Namen Franz Koch in des Hunds Papieren. Wenn einer von meinen Lesern ein Karlsbader Brunnengast ist oder Se. Majestät der König von Preußen Wilhelm II. oder von dessen Hof oder der Kurfürst von Sachsen oder der Herzog von Braunschweig oder eine andre fürstliche Person: so hat er den guten Koch gehört, der ein bescheidner abgedankter Soldat ist und der überall mit seinem Instrument herumreiset und spielet. Das letzte, das er doppelte Mundharmonika nennt, besteht aus einem verbesserten Paar zugleich gespielter – Maultrommeln oder Brummeisen, die er immer nach den Spiel-Stücken umwechselt. Seine Brummeisen-Handhabung verhält sich zur alten wie Harmonikaglocken zu Bedientenglocken. Es ist meine Schuldigkeit, solche von meinen Lesern, deren Phantasie Zaunkönigs-Schwingen hat, oder die wenigstens vom Herzen an Lithopädia (Stein-Fötus) sind, oder die das Ohrentrommelfell zu nichts haben als zum Trommeln darauf, solche Leser mit der wenigen Oratorie, die ich habe, dahin zu bringen, daß sie den besagten Franz aus dem Hause werfen, wenn er kommen und vor ihnen summen will. Denn es ist nichts daran, und die elendste Bratsche und Strohfiedel schreiet meines Bedünkens lauter; ja sein Getöne ist so leise, daß er im Karlsbade vor nicht mehr als 12 Kunden auf einmal aufspielte, weil man nicht nahe genug an ihm sitzen kann, wie er denn sogar bei seinen Hauptliedern das Licht wegtragen lässet, damit weder Aug‘ noch Ohr die Phantasien störe. – Ist aber freilich ein Leser anders – etwan ein Dichter – oder ein Verliebter – oder sehr zart – oder wie Viktor – oder wie ich: so horch‘ er ohne Bedenken mit stiller zerfließender Seele dem Franz Koch – oder – denn heute wird er nicht gerade zu haben sein – mir zu.

Dirck van Baburen, Young Man With Jew's Harp, 1621Der lustige Engländer hatte Viktor diesen Harmonisten mit der Karte geschickt: „Überbringer dieses ist der Überbringer eines Echo, das er in der Tasche führt.“ – Viktor nahm ihn daher lieber zur Freundin aller schönen Töne hinüber, damit ihre Abreise sie nicht um diese melodische Stunde bringe. Es war ihm, wie wenn er durch eine lange Kirche ginge, da er in Klotildens Lorettohaus eintrat; ihr einfaches Zimmer war, wie Marias Wohnzimmer, von einem Tempel eingefasset. Sie hatte schon ihre schwarze Putzkleidung vollendet. Die schwarze Tracht ist eine schöne Verfinsterung der Sonne, worin man das Auge von ihr gar nicht wegzubringen vermag. Viktor, der bei seiner sinesischen Achtung für diese Farbe heute dieser schwarzen Magie eine wehrlose Seele, ein entzündetes Auge mitbrachte, wurde blaß und verwirrt über das aufgehellte Angesicht Klotildens, über welches der Zug eines herabgeregneten Kummers so wie ein Regenbogen über den hellen blauen Himmel schwebte. Es war nicht die Heiterkeit der Zerstreuung – die jedes Mädchen durch das Ankleiden bekömmt –, sondern die Heiterkeit der frommen Seele voll Geduld und Liebe. Er besorgte, in zweierlei Disteln zu treten, in die gemalten des Fußbodens, über die er immer wegschritt, und in die satirischen der feinen Beobachter um ihn, an die er sich immer stieß. Ihre Stiefmutter war noch über der Stukkatur und Appretur ihres Madensacks, und der Evangelist war in ihrem Ankleide-Zimmer als Putz-Meßhelfer und Mitarbeiter. Daher hatte Klotilde noch Zeit, den Mundharmonisten zu hören; und der Kammerherr bot sich der Tochter und meinem Helden – denn er war ein Vater von Lebensart gegen seine Tochter – zu einem Teil der Zuhörerschaft an, ob er gleich aus der Musik sich wenig machte, Tafel- und Ball-Musik ausgenommen.

Viktor sah jetzt erst aus Klotildens Freude über den mitgebrachten Musiker, daß ihr harmonisches Herz gern mit den Saiten zittere; überhaupt wurd‘ er oft über sie irre, weil sie – wie du, teuerster ** – sowohl ihr höchstes Lob durch Schweigen sagte als ihren höchsten Tadel. Sie bat ihren Vater, der die Mundharmonika schon im Karlsbad gehöret hatte, ihr und Viktor eine Idee davon zu geben – er gab sie: „sie drücke nicht sowohl das fortissimo als das piano-dolce meisterhaft aus und sei wie die einfache Harmonika dem Adagio am angemessensten.“ Sie antwortete darauf – an Viktors Arm, der sie in ein dazu verfinstertes stilles Zimmer führte –: „die Musik sei vielleicht zu gut für Trinklieder und für lustige Empfindungen. Da der Schmerz den Menschen veredle und ihn durch die kleinen Schnitte, die er ihm gebe, so regelmäßig entfalte, wie man die Knospen der Nelke mit einem Messer aufritze, damit sie ohne Bersten aufblühen: so ersetze die Musik als künstlicher Schmerz den wahren.“ – „Ist der wahre so selten?“ sagte Viktor in dem dunkeln, von einem Wachslicht beschienenen Zimmer. – Er kam neben Klotilde, und ihr Vater saß ihm gegenüber. –

John Moore, Jew's HarpSelige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest – fliehe noch einmal vorüber, und der Nachklang jenes Echos klinge wieder um dich! –

Aber als der bescheidne stille Virtuos das Geräte der Entzückung kaum in die Lippen geleget hatte: so fühlte Viktor, daß er es jetzo (bevor das Licht hinauskäme) nicht so machen dürfe wie sonst, wo er sich zu jedem Adagio eigne Szenen vormalte und jedem Stücke besondere Schwärmereien seiner Texte unterlegte. Denn es ist ein unfehlbares Mittel, den Tönen ihre Allmacht zu geben, wenn man sie zu Ripienstimmen unserer Stimmung und so aus Instrumental-Musik gleichsam Vokal-Musik, aus unartikulierten Tönen artikulierte macht, anstatt daß die schönste Reihe Töne, die kein bestimmter Gegenstand zu Alphabet und Sprache ordnet, abgleitet vom bespülten, aber nicht erweichten Herzen. – Als daher die holdesten Laute, die je über Menschenlippen als Mitlauter der Seele flossen, von der bebenden Mundharmonika zu wehen anfingen; als er fühlte, daß diese kleinen Stahlringe gleichsam als Fassung und Griffbrett seines Herzens ihre Erschütterungen zu seinen machen würden: so zwang er sein fieberhaftes Herz, an dem ohnehin heute alle Wunden aufgingen, sich gegen die Töne zusammenzuziehen und sich keine Szenen vorzuzeichnen, bloß damit er – – nicht in Tränen ausbräche, bevor das Licht weg wäre.

Immer höher stieg das Zuggarn hebender Töne mit seinem ergriffenen Herzen empor. – Eine wehmütige Erinnerung um die andere sagte in dieser Geisterstunde der Vergangenheit zu ihm: „Erdrücke mich nicht, sondern gib mir meine Träne“ – Alle seine gefangnen Tränen wurden um sein Herz versammelt, und sein ganzes Innere schwamm, aus dem Boden gehoben, sanft in ihnen – Aber er faßte sich: „Kannst du noch nicht entbehren,“ (sagt‘ er zu sich) „nicht einmal ein nasses Auge? Nein, mit einem trocknen nimm dieses beklommene Echo deiner ganzen Brust, nimm diesen Nachhall aus Arkadien und alle diese weinenden Laute in eine zerstörte Seele auf“ – Unter einer solchen überhüllten Zerfließung, die er oft für Fassung nahm, wars allemal in ihm, als wenn ihn aus einer fernen Gegend eine brechende Stimme anredete, deren Worte den Silbenfall von Versen hatten; die brechende Stimme redete ihn wieder an: „Sind nicht diese Töne aus verklungenen Hoffnungen gemacht? Rinnen nicht diese Laute, Horion, wie Menschentage ineinander? O blicke nicht auf dein Herz! in das stäubende Herz malen sich wie in einen Nebel die vorigen schimmernden Zeiten hinein“ – Gleichwohl antwortete er noch ruhig: „Das Leben ist ja zu kurz für zwei Tränen, für die des Kummers und für die andre“ …. Aber als jetzt die weiße Taube, die Emanuel im Gottesacker niederfallen sah, durch seine Bilder flog – als er dachte: „Diese Taube hat ja schon in meinem Traum von Klotilden geflattert und sich an die Eisberge geklammert: ach sie ist das Bild des verwelkenden Engels neben mir“ – und als die Töne immer leiser flatterten und endlich in dem flüsternden Laube eines Totenkranzes umherliefen – und als die brechende Stimme wiederkam und sagte: „Kennst du die alten Töne nicht? – Siehe, sie gingen schon in deinem Traum vor ihrem Wiegenfeste und senkten dort bis ans Herz die kranke Seele neben dir ins Grab, und sie ließ dir nichts zurück als ein Auge voll Tränen und eine Seele voll Schmerz“ – – – „Nein, mehr ließ sie mir nicht“, sagte gebrochen sein müdes Herz, und alle seine bekämpften Tränen drangen in Strömen aus den Augen….

Aber das Licht ward eben aus dem Zimmer getragen, und der erste Strom fiel ungesehen in den Schoß der Nacht.

Sir Peter Lely, Boy Playing a Jew’s Harp, ca.1648Die Harmonika fing die Melodie der Toten an: „Wie sie so sanft ruhn! etc.“ – Ach in solchen Tönen schlagen die zerlaufenden Wellen des Meeres der Ewigkeit an das Herz der dunklen Menschen, die am Ufer stehen und sich hinübersehnen! – Jetzo wirst du, Horion, von einem tönenden Wehen aus dem Regendunst des Lebens hinübergehoben in die lichte Ewigkeit! – Höre, welche Töne umlaufen die weiten Gefilde von Eden! Schlagen nicht die Laute, in Hauche verflogen, an fernen Blumen zurück und umfließen, vom Echo geschwollen, den Schwanen-Busen, der selig-zergehend auf Flügeln schwimmt, und ziehen ihn von o melodischen Fluten in Fluten und sinken mit ihm in die fernen Blumen ein, die ein Nebel aus Düften füllt, und im dunkeln Dufte glimmt die Seele wieder an wie Abendrot, eh‘ sie selig untergeht? – – –

Ach Horion, ruht die Erde noch unter uns, die ihre Todeshügel um das weite Leben trägt? Zittern diese Töne in einer irdischen Luft? O! Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsre Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? – Ja, deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, um in unsre öde Nacht das verwehte Lenzgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken! Und du, verklingender Harmonikaton! du kömmst ja aus einem Jauchzen zu uns, das, von Himmel in Himmel verschlagen, endlich in dem fernsten stummen Himmel stirbt, der aus nichts besteht als aus einer tiefen, weiten, ewig stillen Wonne….

„Ewig stille Wonne,“ (wiederholet Horions aufgelöste Seele, deren Entzücken ich bisher zu meinem machte) „ja, dort wird die Gegend liegen, wo ich meine Augen aufhebe gegen den Allgütigen, und meine Arme ausbreite gegen sie, gegen diese müde Seele, gegen dieses große Herz – Dann fall‘ ich an dein Herz, Klotilde, dann umschling‘ ich dich auf ewig, und die Flut der ewig stillen Wonne hüllt uns ein – Wehet wieder nach dem Leben, Erdentöne, zwischen meiner und ihrer Brust, und dann schwimme eine kleine Nacht, ein wallender Schattenumriß auf euren lichten Wogen daher, und ich werde hinsehen und sagen: das war mein Leben – dann sag‘ ich sanfter und weine stärker: ja der Mensch ist unglücklich, aber auf der Erde nur.“

O gibts einen Menschen, über welchen bei diesen letzten Worten die Erinnerung große Regenwolken zieht, so sag‘ ich zu ihm: Geliebter Bruder, geliebte Schwester, ich bin heute so gerührt wie du, ich achte den Schmerz, den du verbirgst – ach du entschuldigst mich und ich dich….

Das Lied stand still und tönte aus. – Welche Stille jetzt im Dunkel! Alles Seufzen war in ein zögerndes Atmen eingekleidet. Nur die Nebelsterne der Empfindung funkelten hell in der Finsternis. Keiner sah, wessen Auge naß geworden war. Viktor blickte in die stille schwarze Luft vor ihm, die vor wenig Minuten mit hängenden Gärten von Tönen, mit zerfließenden Luftschlössern des menschlichen Ohrs, mit verkleinerten Himmeln erfüllt gewesen und die nun dablieb als nacktes schwarzes Feuerwerks-Gerüst.

Krister P., The Young Jew's Harp Player, 2011Aber die Harmonika füllte dieses Dunkel bald wieder mit Lufterscheinungen von Welten an. Ach warum mußt‘ es denn gerade die meinen Viktor nagende Melodie des „Vergißmeinnicht“ treffen, die ihm die Verse vortönte, als wenn er sie Klotilden vorsagte: „Vergiß mein nicht, da jetzt des Schicksals Strenge dich von mir ruft – Vergiß mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das zärtlich für dich schlug – Denk, daß ichs sei, wenns sanft in deiner Seele spricht: vergiß mein nicht“… O wenn noch dazu diese Töne sich in wogende Blumen verschlingen, aus einer Vergangenheit in die andre zurückfließen, immer leiser rinnen durch die vergangnen, hinter dem Menschen ruhenden Jahre – endlich nur murmeln unter dem Lebensmorgenrot – nur ungehört aufwallen unter der Wiege des Menschen – und erstarren in unsrer kalten Dämmerung und versiegen in der Mitternacht, wo jeder von uns nicht war: dann hört der gerührte Mensch auf, seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichen Schmerzen.

Der stille Engel neben Viktor konnte sie nicht mehr verhüllen, und Viktor hörte Klotildens ersten Seufzer. –

Ja, dann nahm er ihre Hand, als wenn er sie schwebend erhalten wollte über einem offnen Grabe.

Sie ließ ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlugen bebend mit seinen zusammen. –

Endlich warf nur noch der letzte Ton des Liedes seine melodischen Kreise im Äther und floß auseinander über eine ganze Vergangenheit – dann hüllte ihn ein fernes Echo in ein flatterndes Lüftchen und wehte ihn durch tiefere Echo hindurch und endlich an das letzte hinüber, das rings um den Himmel liegt – dann verschied der Ton und flog als eine Seele in einen Seufzer Klotildens. –

Da entfiel ihr die erste Träne, wie ein heißes Herz, auf Viktors Hand.

Ihr Freund war überwältigt – sie war dahingerissen – er preßte die sanfte Hand – sie zog sie aus seiner – und ging langsam aus dem Zimmer, um dem zu weichen Herzen, über dessen holde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wieder zu Hülfe zu kommen….

Das kommende Licht nahm diese Traumwelten hinweg. – Matthieu und die Kammerherrin erschienen auch. Wir wollen aber in dieser weichen Stimmung, wo man gerade gegen Schlimme in der härtesten ist, nichts sagen und nichts denken über das neue Paar, das für den Abstich gegen unsere Erweichung nichts kann. Viktor sagte sich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich die vom Apotheker erlogne Vermählung Klotildens mit Matthieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang, ähnlich jener platonischen Verbindung, wo der reine Geist aus seinem Äther getrieben und mit zusammengekrümmten Flügeln in einen befleckten Leib gemauert wird. Klotilde kam zurück. Sie war in Verlegenheit gegen Viktor, bloß weil er darin war oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehr darin sein mußte – ihren geschwollenen Augapfel entfernte sie vom Licht. – Da Tränen-Versetzungen wie Milchversetzungen drücken und zerstören: so suchte die in sein Inneres zurückgedrückte Wehmut einen Ausgang durch die Stimme, die heftig und abgebrochen war, durch die Bewegungen, welche schnell waren, sogar durch die Lebhaftigkeit des Ausdrucks – kurz es war gut, daß sie fuhren.

Als Bonus-Tracks erscheint eine Playlist mit einiger Maultrommelmusik sinnvool, angefangen mit dem 1. Satz von Albrechtsbergers E-Dur-Konzert.

Bilder: Dirck van Baburen: Young Man With Jew’s Harp, 1621,
Höhe 84 mm, Breite 70,7 mm, Centraal Museum, Utrecht,
mit allen riesenhaft hochauflösenden Details im Google Art Project;
John Moore: Jew’s Harp, via Ramshorn Studio;
Sir Peter Lely: Boy Playing a Jew’s Harp, ca.1648, via Tate Gallery;
Krister P.: The Young Jew’s Harp Player, 2011, Original bei La Perm leider gelöscht.
Soundtrack: Johann Georg Albrechtsberger: Konzert für Maultrommel, Mandora und Orchester F-Dur:
I. Allegro Moderato; II. Andante; III. Menuett: Moderato; IV. Finale: Allegro molto;
Fritz Mayer: Maultrommel; Dieter Kirsch: Mandora; Münchener Kammerorchester unter Hans Stadlmaier, 1981.

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Written by Wolf

9. Oktober 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse

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