Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

So mochte mir und dir, die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das Mädchen eben ganz recht sein.

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18):

Christian Werdin, Candida Terpin aus “Klein Zaches, genannt Zinnober”, Puppentheater Dresden, 1998In diesen unheiligen Hallen sollte es sehr viel öfter um Gretchen gehen denn um E.T.A. Hoffmanns Mädchengestalten. Was aber, bitte, weiß man über Gretchen aus Goethes erster Meisterhand, als dass sie ein durchaus zeittypisch frommes, gutbürgerlich gebildetes, also ungebildetes, aber reichlich zickiges Material Girl war?

Man muss das nicht der gefallenen, weder-Fräulein-weder-schönen Margarete Schwerdtlein ankreiden, wir haben ja nur Goethes tendenziöse Darstellung von ihr. Es mag wiederum an dem zeittypisch weiterentwickelten Blick für Einzelcharaktere liegen oder an einem „Märchen“, das satirisch gedacht war und deshalb auch den einen oder anderen Umstand bloßstellen, enthüllen, entlarven, in wertfreiem Sinne jedenfalls aufdecken will, dass E.T.A. Hoffmann – der sich im übrigen nicht scheut, seine Mädchengestalten gerade mit dem Goethischen Gretchen zu vergleichen, wenn’s der Wahrheitsfindung dient – zu Zeiten der deutschen Spätromantik da ganz ungleich genauer hinschaut: Candida Terpin aus Klein Zaches genannt Zinnober wird 1819 als Person ernst genommen und ersteht in höchst moderner Weise mit ihren äußerlichen und inneren Eigenheiten plastisch vor Lesers Augen.

——— E.T.A. Hoffmann:

Klein Zaches genannt Zinnober.
Ein Mährchen

herausgegeben von E. T. A. Hoffmann. Berlin 1819. Bei Ferdinand Dümmler.

Drittes Kapitel.

Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. – Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen dürfen. – Mosch Terpins literarischer Tee. – Der junge Prinz.

cit. Hartmut Steinecke (Hg.): E.T.A. Hoffmann, Sämtliche Werke in sieben Bänden,
Frankfurt am Main 1985: Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816–1820,
Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 36, Seite 565 ff.:

Otto Michael Schmitt Die holde Candida, aus: 35 Zeichnungen zu Klein Zaches von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert ChateletCandida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen, mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen Flechten gar fantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden, je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung die Huld, die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethe’s Wilhelm Meister, Schillers Gedichte und Fouqué’s Zauberring gelesen, und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Francoisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zu viel Kuchen zum Tee verzehrte. Überschwenglichen Dichtern war freilich noch vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles, was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmächtle oder gar zur Zeit erblinde als höchste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden, und selbst auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen wenn es herauskommt, ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben selbst in die Hände spielte, der dann auch seiner Seits vor Entzücken darüber erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein ohne es zu fühlen, sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! –

Otto Michael Schmitt: Zinnober und die verblendete Candida, aus: 35 Zeichnungen zu “Klein Zaches” von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert ChateletCandida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb ging ihr nichts über ein Gespräch, das sich auf den leichten luftigen Schwingen des unverfänglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht herzlich über alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb, oder aller Vorsicht ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es wirklichen Anlaß dazu, ein tiefes inniges Gefühl hindurch, daß nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir, geliebter Leser! die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das Mädchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich anders verhalten! – Doch bald muß es sich ja wohl zeigen, in wie fern der prosaische Fabian richtig prophezeiht hatte oder nicht! –

Bilder: Christian Werdin: Candida Terpin aus „Klein Zaches, genannt Zinnober“,
Puppentheater Dresden, 1998. Lindenholz, geschnitzt, ausgehöhlt und bemalt, 20 x 16 x 13 cm, Schenkung Theater Junge Generation, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden;
Otto Michael Schmitt: Die holde Candida und Zinnober und die verblendete Candida
aus: 35 Zeichnungen zu “Klein Zaches” von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert Chatelet.
Das scheint tatsächlich die gesamte bildliche Coverage zur Candida; nicht einmal Hoffmann selbst hat sie je gestaltet.

Soundtrack: Die Ärzte: Mädchen, aus: Debil (Mädchenseite), 1984.

Bonus Track: dasselbe mit mehr Mädchen.

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Written by Wolf

30. Juli 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

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