Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Nun könnte ich nach Hause gehen: Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit und verschollene Klaviersonaten

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Hört zu und berstet vor Langerweile:

Ein‘ hab ich noch.

Eilert, Gernhardt, Knorr, Waalkes: Hilfe, Otto kommt, 1983 ff.

Jetzt hab ich doch nochmal nachgeschaut: Wie wir heuer schon den E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters musikalische Leiden von 1810 erst auf seinen alkoholischen und dann auf seinen musikalischen Gehalt abgesucht haben, das hat ja durchaus Ergebnisse gebracht. Die zwei Artikel finde ich in meiner grenzenlosen Hybris für die Hoffmann-Forschung recht nützlich. Nicht gerade grundlegend, weil ich der bestehenden Buchausgabe von Hartmut Steinecke — immerhin der umfangreichsten und bestkommentierten von allen — unbesehen jedes Wort geglaubt habe, aber so anschaulich und sogar anhörbar wie bei uns waren Anmerkungen zu einer von Hoffmanns Erzählungen wahrscheinlich noch nie.

Luisa Guembes-Buchanan, E.T.A. Hoffmann, Sonatas; Robert Schumann, Kreisleriana; 2 CD's, 2005Zum musikalischen Teil ist mir ein Nachtrag ein- oder vielmehr aufgefallen: In dem erwähnten Kreislerianum kommt der schöne, weil schön resignierende Satz vor:

Nun könnte ich nach Hause gehen und meine neue Klavier-Sonate vollenden: aber es ist noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht.

Wenn wir den Kapellmeister Kreisler als Alter Ego Hoffmanns und seine Leiden und Verwirrungen als dessen eigene ernst nehmen, gibt uns das glatt einen biographischen Hinweis auf Hoffmanns komponistisches Schaffen. Da kann man sowieso jeden Fitzel gebrauchen: Gerade ein paar seiner nachgewiesenen Klaviersonaten sind heute verschollen.

Wenn aber die Geschichte von 1810 stammt, als Hoffmann am Theater in Bamberg angestellt war, und der Satz noch nicht in der Manuskriptfassung vorkommt, sondern erst in der überarbeiteten Druckfassung — ja, was dann? — Hartmut Steineckes Anmerkung dazu:

Wenn man annehmen möchte, daß auch in diesem Satz Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit in die Gestalt Kreislers projiziert ist, stößt man auf eine Schwierigkeit. Man müßte entweder — entgegen der von G. Allroggen vorgeschlagenen Datierung — die Komposition der Sonate in cis-moll (AV 40) ins Jahr 1810 verlegen, oder annehmen, daß Hoffmann noch an einer weiteren (unvollendeten oder verloren gegangenen) Klaviersonate gearbeitet hat. Vgl. Gerhard Allroggen, E. T. A. Hoffmanns Klaviersonaten, in: MHG 16 (1970), S. 1–7 und 17 (1971), S. 17–20.

Damit wären diese zwei offenbar eher kurzen Aufsätze in den MHG (das ist: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, herausgegeben von Hans von Müller) von Gerhard Allroggen, der für Hoffmanns Musik das ist, was Köchel für Mozart war — das „AV“ statt einer Opuszahl hinter Hoffmannschen Kompositionen steht für „Allroggen-Verzeichnis“ — nicht weniger denn bahnbrechend. Auch wenn sie von ihrer thematischen Nische aus selbst Literatur- und Musikwissenschaftler ruhig schlafen lassen werden.

Eine verschollene Sonate, die 1970 anhand eines Halbsatzes in einer letztendlich fiktiven Erzählung vermutet wurde, werden wir mit unseren Mitteln nicht dingfest machen können. Bleiben wir daher pragmatisch und setzen die überlieferte und sogar in zwei Versionen erreichbar aufgenommene Klaviersonate Nummer 5 in cis-Moll voraus, die bis auf weiteres als AV 40 eingeordnet bleibt. Ich war so frei, die Aufnahme von Luisa Guembes-Buchanan in die YouTube-Ecke mit Hoffmanns Muskalien zu gesellen. Das soll als Leistung für einen privaten Weblog hinreichen.

Bilder: Luisa Guembes-Buchanan, Concert Pianist, Musicologist & Educator:
E.T.A. Hoffmann, Sonatas; Robert Schumann, Kreisleriana; 2 CDs, 2005.
Noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht: Ana Jovmir: Piano, 17. April 2010.

Ana Jovmir, Piano, 17. April 2010

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Written by Wolf

26. Juni 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

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