Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archegonus aus der Unterwelt: Tiefer verankert als derzeit absehbar

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Update zu Nackt fällt sie ihm an seinen Mund
und vor allem Faustisches in Moby-Dick:

Eigentlich ist Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt nichts als ein staubiges Kinderzimmer, dazu noch das eines Einzelkindes — im Vergleich zu dem, was vorher war: Moby-Dick™ — Leben mit Herman Melville, ja, das war noch ein Weblog, wie Weblogs mal gemeint waren: ein gemeinschaftliches Leseprojekt über ein weit gefasstes, aber eindeutig begrenztes Thema, an dem vielen Beteiligten etwas liegt, oft bestückt, engagiert vorangetrieben, in aller Länge, Breite und Tiefe vermessen, von vier Wikipedia-Artikeln verlinkt und gern gelesen.

Bente Schlick, Message in a Bottle, 2015Vermessen wäre in DFWuH allenfalls der Glaube, dass man mit Deutschunterricht einen müden Leser zum Blinzeln bringt. Die meisten Moby-Dick-Schreiber haben sich verlaufen, teils abgeheuert, teils gar desertiert, teils sogar noch entspannt auf Deck, und seitdem liegt das Wrack davon auf dem Trockendock und glitzert im Mondlicht.

Wären da nicht ein, zwei unverwüstlich treue Leser, die inzwischen ihre eigenen besten Schreiber geworden sind. Dem längst nicht mehr unbekannten Kollegen Archegonus schien es sogar angezeigt, mich wegen der einst fruchtbar bewirtschafteten Alm hier in der Schüssel getretnen Quarks (voller humpelnder Vergleiche) aufzusuchen:

——— Archegonus, 14. Juni 2015:

Lieber Wolf,

ARTE hat vor einer Woche eine kleine Dokumentation über den Walfang im Allgemeinen und Melville im Besonderen gezeigt – aber zum Werk „Moby Dick“ doch mit einer Menge Fehlschlüsse: Melville als (politischer) Mahner vor der Ausbeutung der Ressourcen unseres Planeten etc. Alles von tieferer Bedeutung wurde dort ausgeblendet. Will sagen: Mit Deinem Blog Ismaels WordPress hast Du die richtige Fährte aufgenommen – nur gleich Melville seinen Moby Dick – schlechterdings zu früh. Die verborgenen Botschaften und die Einblicke in die Seele des Menschen werden in den Strömungen der Interessen der Massen sich als tiefer verankert erweisen, als es vielleicht derzeit absehbar ist. Also ein Grund, aber dafür ein unergründlicher, den Blog weiterzuführen! In der Feder führe ich derzeit übrigens eine Besprechung unter der Überschrift: „Kap 45 und 46: Über ein Kapiteldoppel, in dem Melville ’so tut als ob‘ – uns also schlechterdings in die Irre führen will.“

Grüße aus der Unterwelt,
Archegonus

Welche Dokumentation auf ARTE das sein könnte, wäre früher in Moby-Dick™ schon den nächsten eigenen Artikel wert gewesen: In Frage kommen Der Aufstand der Wale, die allerdings den auffindbaren Daten nach eine Wiederholung von mindestens Januar 2015 sein müsste — deren Besprechung allerdings schon so interessant klingt wie alles, was man gern aus der Primärquelle gezogen hätte:

So erfährt man zum Beispiel, wie Pottwale schlafen: senkrecht nämlich, mit der Nase über Wasser. Dösende Pottwale sehen von oben aus wie riesige schwimmende Korken.

Très Melville. Die anderen möglichen ARTE-Sendungen wären noch Der Killerwal, außer dass der als Spielfilm ausgewiesen wird, und Auf den Spuren von Moby Dick — mindestens von 2013, aber anscheinend richtig gut: „Die 300-jährige Geschichte des amerikanischen Walfangs ist eng verknüpft mit der Geschichte des amerikanischen Kapitalismus“ — ein weiterer Fall zur Forschung in der Primär- und zahlreichen anderen, im Verborgenen sprudelnden Quellen, so hat sich das vor ein paar Jahren noch gehört.

Auch war mir nicht bewusst, wie avantgarde diese kleine Lesegruppe ab dem 18. August 2006 war: „Die verborgenen Botschaften und die Einblicke in die Seele des Menschen werden in den Strömungen der Interessen der Massen sich als tiefer verankert erweisen, als es vielleicht derzeit absehbar ist“, aber holla! Drauf gekommen wär ich nie, aber meinen Lesern glaub ich alles, vor allem, wenn sie zugleich die treuesten Schreiber sind.

In Moby-Dick-Belange musste ich mich schon vor Jahren jedesmal wieder neu einlesen, da ist es gut, wenn wenigstens einer dauerhaft dran und drin bleibt — in der Seemannswelt und auf den wechselnden — philosophischen, religiösen, eschatologischen, politischen, you name them — Meta-Ebenen.

War das ein Versprechen für eine Abhandlung der nächsten zwei Kapitel? — Die bescheidenen Buchpreise für anderleuts Material, das ich in Moby-Dick&trade, veröffentlichen darf, sind und bleiben versprochen.

Bild: Bente Schlick: Message in a Bottle, 2015.

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Written by Wolf

16. Juni 2015 um 08:19

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

2 Antworten

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  1. Lieber Wolf,
    ich war weg, weit weg. In der Arktis. Unbedarft kann man nur im Sommer dorthin reisen, in eine Einsamkeit, die wir nicht mehr kennen, in einen Sommer der Kühle und der absoluten Ruhe – uns nicht mehr vorstellbar, noch dazu ohne Nacht. Ich traf einen Menschen der schrieb, über Schnee! Ansonsten eine so gottverlassene Wildnis, das mir kleinem Mensch gewahr wurde: Hier lebst Du allein, ohne Verfassung, Regierungsform, Religion oder sonstwie irgendeine Haltung, Fassung oder Auffassung, die hier von Bedeutung wäre. Der Mensch fällt zurück auf sein innerstes Wesen.
    Es soll einst Wale gegeben haben, so habe ich dort gelernt, mehr als Menschen sich heute vorstellen können. Aber das war schon vor Zeiten unseres so geschätzten Herman Melville.
    Binnen Jahresfrist hoffe ich mehr vermelden zu können!
    Herzlichst
    Dein Archegonus

    Archegonus

    1. Oktober 2015 at 20:45

    • SChön erzählt, und dabei erst angekündigt. Das riecht nicht nach einem Blog-Eintrag, das riecht nach einem Blog. Man hat schon Blogs über geringere Themen getroffen. Und merkt erst bei diesem Thema, in wie digitalen Katgorien es sich ganz von selber denkt.

      Wolf

      2. Oktober 2015 at 11:41


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