Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

So eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip

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Update zu Anständig essen und Tumultuantenharanguieren (sed iam satis):

Entwarnung: Es besteht kein Grund mehr, sich über altbackenen Studienratshumor zu mokieren. Die ihm ernsthaft obliegen, haben sich im Lauf der Jahrzehnte biologisch selbst erledigt, ihre literarischen Hinterlassenschaften können jetzt getrost dorthin eingehen, wo sie immer hingehört haben: in den Zustand einer liebenswert schrulligen Folklore.

Henrietta Rae, A Bacchante, 1885Mittlerweile konnte ich es sogar moralisch vertreten, von meinen Eltern im Mittelfränkischen — lang sollen sie leben — meine Kindheitserinnerung in Gestalt von Einfach köstlich als eine Art vorgezogenes Erbteil zu bestellen; materieller Wert auf Amazon.de: 1 Cent plus 3 Euro Porto.

Geschichten über Versorgerehen, in denen ein Patriarch aus der Mittelschicht, der über eine Sekretärin verfügt, mit seiner Frau ernsthaft über die Zusammenstellung eines Mittagessens aneinandergerät; Anekdoten über gehobene militärische Dienstgrade, deren Witz darin liegt, dass jemand mit ihnen redet wie mit normalen Menschen; behandlungswürdige Alkoholkrankheit als hinzunehmender, wenn nicht gar erheiternder Charakterzug und als sozial förderliche und vor allem „typische“ Verhaltensweise ganzer Völkerschaften, meist der eigenen Region, immer aber der Russen, Franzosen und Iren, gern dargestellt anhand von Männern, die sich auf dem Heimweg an biegsame Laternen klammern und zu Hause von unermüdlich wartenden Ehefrauen mit Nudelhölzern empfangen werden; gutmütige, lebenslustige Mönche, deren Hauptaufgabe in Bierbrauen und deren Seelsorge im Verführen von Frauen aller Altersstufen besteht; gereimte Kochrezepte in abenteuerlicher Umschrift deutscher Dialekte.

Die lyrischen Formen und die Zeichnungen sind technisch einwandfrei gebaut: Bei allem, was recht ist, geraten in so eine studienrätliche Anthologie keine Pfuscher, eher schon gelernte Reklametexter, Schildermaler und richtige Schriftsteller — zur Würze und zur Rechtfertigung des lukullischen Wohllebens, das immer mit einem gewissen schlechten Gewissen einhergeht und von ordentlichen Bürgern nur an Sonn- und Feiertagen mit dem gleichen schlechten Gewissen unterlassen würde, durchsetzt mit anerkannten Klassikern von allerhand regional noch nicht ganz verdrängten Mundartverseschmieden, die offenbar die Lateinschule absolviert haben, Roda Roda bis zu Wilhelm Busch aufwärts, weil schließlich „schon Goethe“ einen „guten Tropfen“ zu schätzen wusste.

Als Kind war mir dergleichen noch genießbar, weil erlaubt, ja unterstützt von einem kulturell nicht übermäßig beflissenen, aber kulturelle Errungenschaften wertschätzenden Eisenbahnerehepaar, und für den kindlich unausgebildeten Geschmack dann doch irgendwie lustig, darin ähnlich den Schwedischen Liebesgeschichten in der Regalreihe dahinter, die keineswegs erlaubt waren —

— und einen sehr viel höheren Frauenanteil unter den Beitragsstiftern haben als der Sampler über „Tafel- und Gaumenfreuden“. In demselben zuckt man ganz zusammen, wenn wirklich mal eine Frau aufgenommen wurde. Unter den drei Illustratoren sind die Bilder der Trude Richter (nicht verwandt) nicht von den anderen unterschieden, dafür erinnert man sich daran, dass der Herr Hirnbeiß in der Münchner Abendzeitung all die Jahrzehnte von Franziska Bilek getextet wurde; bei dem bald überschauten, weil ständig wiederholten Bildmaterial muss der Hirnbeiß weniger eine Zeichenarbeit denn eine Pointenfabrikation aus tagesaktuellen Schnellschüssen gewesen sein.

Über das vermittelte Frauenbild der Frau Bilek würde man heute mindestens diskutieren. Gerettet wird sie durch ihre Selbstironie, das funktioniert meistens. Historisch schätzbar wird ihr Textbeitrag für Einfach köstlich durch die selbstverständlich benutzte Bezeichnung „Schwips“ und das Rezept für die meines Wissens exklusiv bei dem Römer Horaz belegte Fünffache Schale der alten Griechen.

Ferdinand Leeke, Fliehende Nymphen, 1923

——— Franziska Bilek:

Der Festzug des Dionysos

in: Einfach köstlich. Heitere Geschichten von Tafel- und Gaumenfreuden.
Herausgegeben von Helmuth Leonhardt.
Mit über 120 farbigen und einfarbigen Illustratiionen (Trude Richter, Alfred Resch, Willi Wörmann),
Mosaik Verlag, Hamburg ca. 1960:

Cover Helmuth Leonhardt, Hg., Einfach köstlich, ca. 1960Dionysos ist der Gott des Weines, ja, er hat sogar den Weinbau erfunden, wohlgemerkt den Weinbau, nicht die Fabrikation des Weines. Für alkoholfreie Getränke ist er nicht zuständig. Er ist ein sehr vergnügter Gott und hat, wo es nur immer ging, Festzüge veranstaltet. Er selbst fuhr dabei auf einem von ersten Künstlern entworfenen Wagen, der von Tigern gezogen wurde. Bei diesen Zügen ging es recht toll zu. Ein dicker Herr, der auf einem Esel ritt und das Festprogramm durch seine unprogrammäßigen Späße fast in Unordnung brachte, wurde als sein Ziehvater Silen bezeichnet.

Die Frauen, die bei dem Festzuge mitwirkten, stammten aus Thrazien. Diese Mädchen, Mänaden oder Bacchantinnen genannt, eigneten sich ganz besonders dazu, denn sie waren sehr lustig, und die Polizei hatte alle Augen zuzudrücken. Ihre Uniform bestand in zerzausten Haaren, Kränzen aus Efeu und mit Schlangen umwundenen Thyrsusstäben. Dionysos wußte genau, was ein Gläschen Wein bei jungen Mädeln ausrichtet. Als er einmal hinter der Nymphe Nicäa, die nichts von ihm wissen wollte, her war, verwandelte er das Flüßchen, aus dem sie gerade Wasser trinken wollte, in schieren Wein. Die Kleine bekam einen Schwips, und so ging alles viel besser. Man sollte gar nicht meinen, daß Dionysos auch die Mischgetränke erfunden hat. Aber man höre: Beim Dionysosfest in Athen erhielt der Sieger nach einem Wettlauf die sogenannte „Fünffache Schale“. Das Getränk war eine Mischung aus Wein, Honig, Käse, Mehl und Öl. Das muß so eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip gewesen sein.

John Collier: Maenads, 1886

Bacchantinnen: Henrietta Emma Ratcliffe Rae: A Bacchante, 1885;
Ferdinand Leeke: Fliehende Nymphen, Öl auf Leinwand, München 1923;
John Collier: Maenads, 1886, Öl auf Leinwand, Southwark Art Collection;
Bacchus: Trude Richter, Alfred Resch oder Willi Wörmann für Einfach köstlich,
Lizenzausgabe Bertelsmann, ca. 1960.

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Written by Wolf

12. Juni 2015 um 00:01

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