Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Das ihrer wartende Reich der Unschönheit. Nicht auf Hofburgen und in Zaubergärten

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Update zu Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht:

Date a girl who reads. Marry the girl you met barefoot in the library.

Volksgut.

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Wenigstens in der Schweiz, wo er nach anderer Faustregel eines Größeren als er selbst und wir alle am wenigsten gelten müsste? Was ihm wiederum wenig ausmachen müsste, weil er einer jener Propheten der und des Kleinen war, einer, dem man mit Größe gar nicht kommen muss, weil ihn die nicht beschreibt?

Sara Riches, Lost in Words, 14. Januar 2014, Tinte und Wasser auf BuchseitenIst Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Wenigstens Der grüne Heinrich, dieser Wilhelm Meister und Zauberberg der Schweiz in einem? Bei dem man nie weiß, ob man die erste oder zweite Fassung vor sich hat, ja nicht einmal, welche man sich gerade wünschen soll? Bei dem es auch nicht so drauf ankommt, weil kein Mensch ohne literaturwissenschaftliche Ausbildung ihn je verstanden hat? Bei dem es so drauf ankommt wie bei keinem anderen Backsteinroman, weil die zweite Fassung keine Überarbeitung der ersten mit ein paar Verbesserungen hie und da ist, sondern von Grund auf ein zweites Mal aus dem kargen, dem fruchtbaren Schweizer Boden gestampft?

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Woher erfahren dann die Kinder heute noch, wie das erste der großen deutschen Bücher, die Manessische Liederhandschrift, aus Zürich stammt und warum sie ist, was und wie sie ist, wenn nicht aus dem Hadlaub? Woher die kleinen Mädchen, dass ein alter Sack im 58. Jahr sie wohlwollend beschreiben kann, ohne dass es zur schmierigen Anwanze gerät, schlimmstenfalls zur wehmütigen Nostalgie?

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Hoffentlich wenigstens Die Leute von Seldwyla und die Züricher Novellen.

Beide folgenden Ausschnitte stammen aus den Züricher Novellen 1876 f.: der erste aus der Rahmenhandlung, die ihrerseits eine eigene Novelle bildet, der zweite aus der ersten Novelle Hadlaub. Alle Absätze des ersten Ausschnittes bilden im Original ohne den letzten einen einzigen Absatz. Hier wurde dieser große Absatz entzerrt, um Platz für die Bilder und die internettypische Aufmerksamkeitsspanne zu schaffen. In den zweiten Ausschnitt wurde nicht eingegriffen.

——— Gottfried Keller:

Züricher Novellen

1. Band, 1877, Rahmenhandlung:

Michael Fitzpatrick, Arte contemporaneaDer Herr Pate nahm ihn aber unter den Arm und sprach „Kommt, Meister Jakobus! Ich will Euch den Überbleibsel dieses heiteren Tags widmen, da wir beide wohl nicht mehr viel zur Arbeit taugen werden! Wir wollen einen Gang auf die Manegg machen und bis dahin des lieblichen Waldes genießen.“

Sie spazierten also über die weite Allmende und über den Sihlfluß, stiegen durch schönes junges Buchengehölz die jenseitigen Höhen empor und gelangten auf einen ebenen Absatz, von zwei mächtigen, breitästigen Buchen beschattet, wo aber schon ein neues Abenteuer auf den jungen Verehrer der Sapientia heranstürmte. Die Terrasse war bevölkert und belebt von einer Schar junger Schulmädchen, welche zur Begehung des jährlichen sogenannten Lustigmachens aus der engen Stadt ins Freie geführt worden waren und hier unter der Obhut einiger Herren Vorsteher und Lehrerinnen ihren unschuldigen Ringeltänzen und Fangspielen oblagen.

Sie waren alle weiß oder rosenrot gekleidet; einige trugen zur Erhöhung der Lust bunte Trachten als Bäuerinnen oder Hirtinnen, wie zu solchem Behufe die geeigneten Gewänder da und dort in den Familien aufbewahrt und im Stande gehalten wurden. Das alles verursachte eine heitere und glänzende Erscheinung in der grünschattigen Umgebung, und gern hielt der Herr Pate einen Augenblick an, um sich an dem lieblichen Anblick zu erfrischen. Er begrüßte die ihm bekannten Vorsteher und scherzte mit den verkleideten kleinen Schönheiten, sie nach Stand und Herkommen befragend, ob sie hier in Dienst zu treten oder weiterzureisen gedächten usw.

Sogleich kam aber die ganze Mädchenschar herbeigelaufen und umringte den alten Herrn samt seinem jungen Schützling, welcher jetzt in noch größere Bedrängnis geriet, als er heute je erlebt.

Wo er hinsah, erblickte er in dichter Nähe nichts als blühende und lachende Gesichter, die an der Grenze der Kindheit noch alle frisch und lieblich waren und das ihrer wartende Reich der Unschönheit noch nicht gesehen hatten.

Alfred Kraus, Steampunk Girl, März 2015Hier das schönäugige Gesichtchen mit den etwas starken, familienmäßigen Vorderzähnchen ahnte nicht, daß es in weniger als zehn Jahren ein sogenannter Totenkopf sein würde; dort das regelmäßige ruhige Engelsantlitz schien unmöglich Raum zu bieten für die Züge anererbter Habsucht und Heuchelei, welche in kurzer Zeit es durchfurchen und verwüsten sollten; wer glaubte von jenem rosigen Stumpfnäschen, daß es zu einem Thron und Sitz unerträglicher Neugierde und Spähsucht bestimmt war und die beiden Sternäugelein links und rechts in falsche Irrlichter verwandeln würde? Wer hätte von dem küßlichen Breitmäulchen da denken können, daß seine jetzo so anmutigen Lippen dereinst, von ewiger Bewegung kleiner Leidenschaften und Müßigkeiten ausgedehnt und formlos geworden, sich bald gegen das rechte, bald gegen das linke Ohr hin verziehen, bald die untere die obere, bald die obere die untere bedecken, dann plötzlich wieder beide vereint sich verlängern und als Entenschnabel schnattern würden? Ei, und dort das angehende Spitznäschen, das die erhabene Beatrix für einen kommenden Dante zu verkünden scheint und sich zu einem Geierschnabel auswachsen wird, der einem ehelichen Dulder täglich die Leber aufhacket, unversehrt von seinem schweigenden Hasse! Und wiederum diese in gleichmütiger Unschuld und zarter Heiterkeit lachende junge Rose, die vor der Zeit entblättert sein wird von tausend Sorgen und ungeahnten Erfahrungen, gebleicht von Kummer und zu schwach auch nur für den Widerstand der Verachtung!

Nichts von alledem war hier zu ahnen; wie eine lebendige Rosenhecke umdrängte das Mädchenvolk den hochragenden Herren Paten und den etwas kürzeren Herren Jakobus, welchen die losen Kinder so oft auf dem Schulwege als ernsthaften, pedantischen Großschüler trafen, schwere Bücher unter dem Arm.

Marie Bashkirtseff, At a Book, ca. 1882Neugierig betrachteten sie ihn jetzt nach Herzenslust und so recht in der Nähe und erforschten unverzagt sein tiefsinniges Gesicht, seine verlegene Haltung, seine etwas langen Hände und Füße und kicherten dabei fortwährend, so daß es ihm unangenehm zu Mute wurde. Während der Alte fortfuhr, mit ihnen zu scherzen, und das eine oder andere Köpfchen streichelte, drängten sie sich immer näher und schoben dabei diese oder jene im Hintertreffen Stehende mutwillig in den Vordergrund.

Plötzlich stieß auf diese Weise ein langes, stärkeres Mädchen, das allgemein der Holzbock genannt wurde, eine zarte Gestalt so gewaltsam hervor und gegen den Herrn Jacques, daß sie errötend und aufschreiend die Hände wider seine Brust stemmen mußte, um nicht an dieselbe hinzufallen, während er überrascht und erschrocken die Ärmste gleicherweise von sich stieß wie ein unvorhergesehenes großes Übel.

Und doch war es seine von ihm selbst erwählte und festgesetzte erste Liebe, seine Jugendflamme, welche, ohne zu brennen, still auf allen seinen Pfaden leuchtete, ein schmales Jungfräulein mit sieben oder acht langgedrehten, auf den Rücken fallenden blonden Locken, angetan mit einem blendendweißen Kleide und himmelblauen Schuhen mit kreuzweise um die Knöchel gewundenen Bändern.

Ein Beispiel aus dem so beschworenen Reich der Unschönheit ist die Frau des Herrn Rüdiger Manesse und sein denkbar souveräner Umgang mit ihr. Nicht alles, lehrt er uns, ist ideal, aber gut kann es noch werden. Am zuversichtlichsten dann, wenn einer, wie der Manesse, sich am Projekt einer Liederhandschriftensammlung für die Ewigkeit geistig aufspulen kann. Wie gesagt: zum Beispiel.

——— Gottfried Keller:

Hadlaub

1876:

Wilson Cutler, Collier's Magazine August 1948Bei allem ehelichen Frieden war die gestrenge Frau doch über viele Umstände des äußerlichen Lebens anderer Meinung als ihr Eheherr, und sie führte einen steten geheimen Krieg mit ihm, der wegen der guten Lebensart niemals Geräusch machte. Sie war ohne Zweifel ein Urtypus jener Zürcherinnen, die einer um das Jahr 1784 im Schweizerischen Museo also geschildert hat „Noch gegen End vorgehenden Saeculi war unser Frauenzimmer vom Schrot und Korn früherer Jahrhunderte. Sie konnten unsere Älterväter bereden, Eingezogenheit und haushälterisches Wesen überwäge bei demselben (dem Frauenzimmer) manche andere, glänzendere Eigenschaft; diese Einbildung war allgemein und beherrschte unsere Frauen so stark, daß sie sich auf kein anderes als die Hausgeschäfte legten, die sie mit der genauesten Aufsicht besorgten und ihr scharfes Regiment und Sparsamkeit bisweilen wirklich so weit ausdehnten, daß man es dem Eheherrn und den Kindern an den dünnen Lenden und schmalen Backen wohl ansehen mochte. Eine solche Frau war in ihrem Haus immer die erste aus dem Bett und die letzte darin; keine Kleinigkeit entging ihrem wachsamen Aug; aller Orten trat sie den Mägden auf die Eisen; in Kleidern, Speis und Trank wurden Mann und Kinder geschmeidig gehalten.“

Unattributed as unknownVon solcher Gesinnung war die Frau, die in Rede steht, und sie erstreckte dieselbe auf alle häuslichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten, während der Mann, sonst klug, edel und gerecht, gerade in allen jenen Dingen auf eine ihr widerstrebende Weise sich liberal bezeigte. Er war leutselig, gastfrei und glänzend und wußte den heimlichen Krieg ärgerlicherweise bald durch listige Überraschung, bald durch freundliche Ruhe mit wenigen Worten und Blicken stets so zu führen, daß er fast immer mit einer Niederlage der leise fechtenden Frau endigte, oft ehe sie nur das Gefecht in Gang gebracht. Hatte aber das Schicksal des Tages oder der Stunde sich entschieden, so nahm alles den besten Verlauf, da die Besiegte für diesen Fall trefflich erzogen und unterrichtet war. So kam es, daß nirgends so stattlich und anmutig gelebt wurde wie auf dem Manesseschen Hof, wenn der Herr zu Hause war und Gäste lud.

Photosensualis, Melissa in the Library, 25. Juli 2014Auch in der vorliegenden Sache stellte sie sich sofort der Meinung ihres Gemahls entgegen, welche Fides ihr vertraut hatte, und sie rief „Das fehlte uns, daß wir dergleichen Mummenschanz in unserm Hause aufführen! Wir leben hier an der Stadt bei Handel und Wandel und nicht auf Hofburgen und in Zaubergärten. Alte Mären lesen wir in den Büchern, aber wir spielen sie nicht selbst wieder ab; denn wir Bürgerinnen müssen für Kraut und Gemüse sorgen und an Haber und Hirse denken für das Gesinde!“

[…]

Noch andere Herren, Pfaffen und Frauen, die für die Jagd zu bequem waren, wollten sich später auf Manegg einfinden, wo die Manessin inzwischen ihre verzauberte Mahlzeit richtete, die sich ihr, wie gewohnt, unter den Händen aus einem Käse- und Wurstimbiß in eine Hoftafel umgewandelt hatte; gewiß zum letzten Male! nahm sie sich mit unzerstörlichem Vertrauen auf die Zukunft vor, den tröstlichen Leitstern alles Menschentumes.

Welche Schwäche! würde jetzt manche Frau ausrufen; aber wie liebenswürdig war dagegen jene stets für ihren Geiz kämpfende und unterliegende Wirtin, die wegen der Salz- und Pfefferfrage nicht den Hausfrieden brach und es nicht biegen oder brechen ließ, sondern dachte, morgen ist auch wieder ein Tag, und die mildere Zeit, die seldenbäre, wird auch mir noch aufgehen! Und wie schad ist es, daß wir ihren vollen Namen nicht mehr wissen, der von seltenem Wohllaute hätte sein müssen.

Svyatoslav Balan, 25. Dezember 2013

Bilder: Frontal:

  1. Sara Riches: Lost in Words, 14. Januar 2014, Tintenlavur auf Buchseiten;
  2. Michael Fitzpatrick: Arte contemporanea;
  3. Alfred Kraus: Steampunk Girl, März 2015;
  4. Marie Bashkirtseff: At a Book, ca. 1882, Öl auf Leinwand;
  5. Wilson Cutler, Collier’s Magazine August 1948;
  6. unattributed as unknown;
  7. Photosensualis: Melissa in the Library, 25. Juli 2014;
  8. Svyatoslav Balan, 25. Dezember 2013.
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Written by Wolf

5. Juni 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Hochmittelalter

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