Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Julia und ihr rechter Fuß

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Update zu Barfußläufte und Dein pöschelochter roter Mund:

Welcome, gentlemen! ladies that have their toes
Unplagued with corns will have a bout with you.

Capulet in Shakespeare: Romeo and Juliet, Act I, Scene 5: A hall in Capulet’s house, 1597.

Juliet —
when we made love,
we used to cry.

Dire Straits: Romeo and Juliet, aus: Making Movies, 1980.

Die Geschichte in einem Satz: 1974 bekam die Stadtsparkasse München von der Sparkasse Fondazione Cassa Di Risparmio Di Verona Vicenza Belluno E Ancona aus Münchens italienischer Partnerstadt Verona zum 150. Jahrestag ihres Bestehens eine Kopie der überlebensgroßen (2,65 Meter) Statue Giulietta geschenkt, die dort im Innenhof, der seit Sommer 2014 drei Euro Eintritt kostet, unter einem Balkon im Innenhof der Casa di Giulietta steht, den nach fadenscheinigster Quellenlage Shakespeare für Romeo and Juliet verewigt haben soll, der aber nicht einmal ein Balkon, sondern ein 1922 umfunktionierter und in dramaturgisch halbwegs glaubwürdiger Höhe angebrachter Sarkophag ist.

Bjs, St. Mary's Place, Munich. Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004Das Original in Verona stammt von Nereo Costantini 1972 und war damit zur Zeit seiner Stiftung durch den Veroneser Lions Club noch nicht gerade historisch. Für zeitgenössische Kunst am Bau zeigte die Statue dennoch sofort ungewöhnlich viel Herzenspotenzial: Giulietta blickt wegen ihres bekannten Schicksals traurig, in trotzigem Kontrast dazu hat sie die linke Faust zu einer kraftvollen Geste erhoben. Immerhin hielten Sparkassenleute eine Replik davon zwei Jahre nach ihrer Aufstellung als Geschenk an befreundete Kollegen im Ausland für geeignet. Seitdem steht „die Münchner Julia“ frei zugänglich am Durchgang unter dem Alten Rathaus gleich neben dem Marienplatz und ist eins der volkstümlichsten Denkmäler Münchens geworden.

Zu allen Jahreszeiten wird Julia gern mit frischen Blumen und Gestecken geschmückt; offenbar sehen verliebte Menschen in ihr eine Patronin ihres Leidens. In jeder Stadtführung, die dort Station macht — und das sind viele — lernen Touristen vom Fremdenführer, dass es Glück bringt, Julias Brüste zu berühren. Besonders auffallend haben sich deshalb im Laufe der Zeit zwei blankgewienerte Stellen an ihrem Körper herausgebildet, an denen die Touristen beim Posieren mit ihr besonders gern herumfingern: ihre gut erreichbare rechte Brust und ihre beim Rasten auf dem Sockel noch besser erreichbare rechte große Zehe.

Ich persönlich mag die Münchner Julia. Sooft ich sie nicht zu lebhaft touristisch umlagert finde, bin ich einer von denen, die sie in etwas abergläubischer Absicht an die Zehe fassen. Das ist nicht so aufwändig und anzüglich wie den Sockel zu erklimmen, um ihre Brust zu betatschen. Außerdem mag ich Mädchenzehen, und die der Julia sehen denen meiner Frau derart ähnlich, als ob Nereo Costantini sie 1972, als meine Frau in Julias Alter war, nach deren Modell geschaffen hätte.

Buchstäblich zu Julias Füßen entspann sich deshalb im Winter 2014 folgender Dialog:

Julia-Statue in München, 1974, Portrait

„Wolf!“

„Mein halbes Leben?“

„Du knipst Füße!“

„Gar nicht wahr. Ich knipse einen einzelnen Fuß.“

„Ja — weil man an der Statue bloß den einen sieht!“

„Steck einer in der Kunst. Überhaupt knipse ich gar nicht, ich dokumentiere.“

„Weißt du, wer Füße fotografiert?“

„Im Moment seh ich bloß mich …“

„Fußfetischisten fotografieren Füße! Schwitzende alte Säcke mit einer infantilen Sexualität!“

„Sie schwitzen?“

„Sie ächzen und sabbern sogar!“

„So anstrengend hab ich’s jetzt gar nicht gefunden. Ich muss ihn ja nicht aus Bronze nachmeißeln.“

„Jedenfalls machen sie heimlich Fotos von wehr- und ahnungslosen Frauen, tragen feige Beute nach Hause und ergötzen sich an Geschlechtsmerkmalen, die gar keine sind!“

„Wölfin, mein pochend Herz, flackernde Funzel meiner trüben Tage, gefügiges Gefäß meiner tätigen Liebe, weißt du, warum ich den ehernen Fuß unserer ebensolchen Statue dokumentiere?“

„Hab ich doch grade gesagt!“

„Hast du nicht. Ich dokumentiere das Detail der Münchner Julia, weil er deinem — jawohl, deinem — Fuß verblüffend ähnlich sieht.“

„Ach was.“

„Ja, guck doch.“

„Solche Gnubbelzehen soll ich haben?“

„Sag das nicht. Das ist nur weder ägyptische noch griechische noch römische Zehenform — eben nicht nach einem künstlerischen Ideal der Renaissance gebildet. Den Fuß unserer wegen ihres zeitigen Liebestodes so betrübt dreinschauenden Münchner Julia halte ich demnach wie ihre gesamte Gestalt für den Abguss einer lebendig barfuß einhergehenden Veronseserin. Die sogar dein Jahrgang sein müsste.“

„Und die Füße hat wie ich.“

„Warum nicht? Die in München, deren Fetischqualität du mir vorwirfst, ist ja selber eine Kopie. Von der in Verona.“

„Ich hab Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin. Toll, du Charmeur.“

„Und wenn du, leichtfüßiges Licht meines Lebens, die du noch jahrzehntelang lebendig barfuß einhergehen sollst, deine Füße nebeneinander zusammenstellst, bilden sie ein nahezu makelloses Rund.“

„Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin mit halbkreisförmigen Füßen. Überleg dir langsam, was du sagst.“

„Was du nur hast. Das heißt doch nur, dass sie von der großen zur kleinen Zehe gleichmäßig absteigend kleiner werden. Wie sich das gehört.“

„Und der Rest?“

„Der Rest zehenaufwärts von der Julia? Ach, lang nicht so hübsch wie du.“

„Red dich nur raus.“

„Muss ich gar nicht. Ich mag meine Mädels lieber lebendig und nicht so suizidal, meine rosenzehige, -fingrige und -wangige Gespielin. Die Julia da ist schon ungefähr dein Typ. Die Frisur stimmt halt nicht. Und das Kleid.“

„Soll ich jetzt auch noch den ganzen Tag bodenlange Nachthemden tragen?“

„Quark, außer, du willst. Findest du den julianischen Fuß, den uns Signor Costantini überliefert hat, denn echt so grausig?“

„Gnubbelzehen hast du gesagt!“

„Ich?“

Julia-Statue in München, 1974, Fuß

Komplimente sind Glückssache. Daheim wird’s spannend. Wenn wir durch die Haustür sind, vernascht sie mich entweder gleich im Korridor oder das ganze Jahr nicht mehr, je nachdem, was zuerst kommt. Es wird ein langer Sommer. Hätten die dussligen Veroneser ihre Julia nicht zu Weihnachten verschenken können?

Julia-Statue in München, 1974

Bilder: Das Nachtbild ist von Bjs: Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004;
die anderen sind selber gemacht, Winter 2014, in aller Frühe in den seltenen Minuten zwischen nicht mehr finster und noch nicht bevölkert.

(Eigentlich hab ich das alles nur wegen der Dobro-Läufe von Mark Knopfler geschrieben.)

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Written by Wolf

1. April 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance

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