Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Japanischer Frühling (Hammer)

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Unsereins, dem weder Beleg- noch Presseexemplare neuer Bücher zustehen, muss ja immer glauben, was in der Zeitung steht. Die Kehrseite ist: Will man wirklich auch noch neue Bücher herumgilben haben?

Ja, wenn sie alte sind, die schon einmal geliebt wurden, das schafft Vertrauen. Wie ich mich kenne, warte ich auch diesmal wieder aufs Taschenbuch. Und dann aufs gebrauchte Taschenbuch, um es antiquarisch zu nennen. Und das sieht dann dermaßen runtergewanzt aus, dass ich’s bleiben lasse. Am besten warte ich, bis das Original von 1963 wegen Konkurrenz der Neuausgabe auf dem Amazon Marketplace in ordentlichem Zustand nur noch 1 Cent kostet. Das kann ich jahrzehntelang durchhalten.

Irgendwie klar, dass der Buchhandel mit unsereinem keinen Schnitt macht. Die Begeisterung des ungenannten Kolumnisten in der Welt vom 28. Februar kann ich nachvollziehen — und ihm deshalb sogar seine Auswahl nachsehen, die sich bei einer viel größeren Auswahl über 400 Seiten wiederholen zu müssen meint und aus dreizehn Jahrhunderten gerade mal zweieinhalb berücksichtigt. An der nicht ganz unumstrittenen Übersetzung von 1963 wiederum fällt angenehm auf, dass die ebenfalls umstrittene Übertragung der japanischen Moren auf 5—7—5 Silben immerhin durchgehalten ist. Es ist schon gut, wie es ist: Kitô und Issa sind den wenigsten von uns geläufig, und Haikai sind sowieso was herrlich Skurriles.

——— Punkt für Punkt in: Die Welt, Samstag, 28. Februar 2015, Die Literarische Welt, Seite 2:

Bücherfrühling 1664 ff.

Diese Zeit im Jahr, wo das Wort „Auslieferung“ Doppelsinn erhält. Die Frühjahrsbücher treffen postkistenweise ein, vom Krimiquatsch an der Côte d’Azur bis zu „Strategien für mehr Energie in der Führungsrolle“. Und plötzlich das: „Japanische Jahreszeiten. Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten“. 400 Seiten. Bibliophile Neuausgabe des Klassikers von 1963, zusammengestellt und übersetzt von Gerolf Coudenhove. Hammer. Ein Buch, das für ein ganzes Leben reichen würde, oder jedenfalls bis zum nächsten Winter. Danke, Horst Lauinger.

  1. Wenn man stehenbleibt,
    schneit es stärker als zuvor.
    Abendlicher Weg.

    (Kitô, 1740–1789)

  2. Ohne einen Schirm
    regnet es auf mich herab —
    Ja, was soll denn das?

    (Bashô, 1644–1694)

  3. Seht, an jeder Tür
    stehn jetzt Schuhe voller Kot —
    Ja, der Lenz ist da!

    (Issa, 1763–1852)

  4. Im Papiergeschäft
    Briefbeschwerer überall —
    Frühlingsstürme wehn.

    (Kitô, 1740-1789)

  5. Wenn die Kirschen blühn,
    ist in ihrem Schatten sich
    keiner völlig fremd —

    (Issa, 1763–1852)

  6. Laue Frühlingsnacht —
    Ist denn niemand, der mit mir
    heute wachen will?

    (Bokusui, 1720–1783)

  7. In die Truhen wird
    heut der Frühling eingepackt —
    Kleiderwechseltag!

    (Saikaku, 1641–1693)

  8. Unbekümmert sitzt
    dieser Große Buddha still
    in der Kühle da.

    (Shiki, 1866, 1902)

  9. Wird man einmal alt,
    ist sogar ein langer Tag
    Grund zum Traurigsein —

    (Issa, 1763–1852)

  10. Alles ging nach Haus.
    nach dem schönen Feuerwerk,
    welche Finsternis!

    (Shiki, 1866–1902)

  11. Welch ein selt’ner Mensch,
    der den blätterlosen Baum
    anzusehen wünscht!

    (Onitsura, 1660–1738)

  12. Mit dem letzten Zahn
    tau‘ ich meinen Pinsel auf —
    Kalte Winternacht!

    (Buson, 1715–1783)

Kitagawa Utamaro, Utamakuru, Poem of the Pillow, Gedicht der Kissen. Ukiyo-e Shunga, 1788

Bild: Kitagawa Utamaro: Utamakuru (Gedicht der Kissen), Ukiyo-e Shunga, 1788.
Shunga heißt Porno, Erotikum — oder eben tatsächlich: Frühlingsbild.

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Written by Wolf

20. März 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

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