Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich

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Update zu Willkomm und dervoo und Totensonntag:

Als letzte Geschichte des Jahres bringt Jean Paul eine meiner eigenen Jugenderinnerungen, die er schon Ende Dezember 1818 niedergeschrieben haben muss, 170 Jahre vor meiner.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleIm Textteil unten beschreibt er seine Verliebtheit als blatternarbig – eine damals verbreitete Spur meist kindlicher Erfahrungen, mit der er sich an seinen Verliebtheiten nach wiederholtem Bekunden öfter und nicht ungern auseinandersetzte –, meine war sommersprossig – eine viel zu wenig verbreitete Spur segnender Berührungen der Engel, mit der man sich gar nicht genug auseinandersetzen kann. Im dazwischengeflochtenen Bildteil dokumentiere ich deshalb eine junge Dame, die der Erinnerung an meine Verliebtheit erschreckend nahekommt. Jean Pauls Text bleibt im Vergleich zu Luca Hollestelle von Agata Serge in seinen Abweichungen von meiner Lebenswirklichkeit angenehm diskret.

Der literaturwissenschaftliche Absatz: Eine Selberlebensbeschreibung, wie die Autobiographie eines so grundteutschen, nämlich fränkischen Schreibers heißen sollte, plante Jean Paul als Schlüssel zu seinen „opera omnia“, wie die gesammelten Werke eines sehr belesenen Schreibers heißen sollten, ab etwa 1800 als erklärten Lieblingsgedanken. Ein Versuch 1781, als er 18 war, war mangels verbrachtem Leben gescheitert. Viel wurde auch mit 37 bis 55 Jahren nicht daraus, denn „er sei durch seine Romane so sehr ans Lügen gewöhnt, daß er zehnmal lieber jedes andere Leben beschriebe als sein eigenes“ (3. August 1818 nach der Hanser-Gesamtausgabe Band 6, Seite 1312). Nach drei „Vorlesungen“ brach er die Arbeit am 22. Januar 1819 zugunsten mehrversprechender Alterswerke ab, die ausgearbeiteten Teile des Manuskripts wurden posthum von seinem Freund Christian Otto im ersten „Heftlein“ von Wahrheit aus Jean Pauls Leben bei Joseph Max in Breslau 1826 herausgegeben. Auf diese Bearbeitung in einer abgelegenen Nebenveröffentlichung gehen alle folgenden Ausgaben zurück; die Hanser-Ausgabe folgt der Kritischen Ausgabe, die sich ihrerseits auf Christian Otto bezieht. Ende des literaturwissenschaftlichen Absatzes.

In meiner Biographie war es Winter, zwischen den Jahren 1988 und 1989, im Pêle Mêle, einer Kneipe direkt am Ufer der Pegnitz im Nürnberger Stadtteil Sankt Johannis. Damals war es üblich, dass um Weihnachten und Silvester in deutschen Städten Schnee fiel, Nürnberg nicht ausgenommen, und dass Menschen in Gaststätten öffentlich Zigaretten rauchten, sogar selbstgedrehte. Beides wurde als harmlos bis normal, ja wünschenswert angesehen. Das Pêle Mêle sollte erst 2008 als die erste Kneipe in Bayern hervortreten, die wegen eines erzwungenen Tabakrauchverbots schließen musste. Und das Wetter war früher auch besser.

Ich probierte gerade neue Kneipen aus, wobei meine Kriterien für eine Lieblingskneipe waren: freundliche Bedienung, große Tische, damit man daran auf DIN A4 schreiben konnte, freundliche Bedienung, 0,5 Liter Bier für 2,60, keinesfalls über 3,50 Mark, freundliche Bedienung, andere Musik als Radio Gong, vorzugsweise ohne falsche Scheu vor Blues, der ein umgänglicher Gast schon mal eine eigene Platte beisteuern durfte, freundliche Bedienung, ein Publikumsschwerpunkt, der etwas anderes als BWL studierte, und freundliche Bedienung.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleDie Bedienung im Pêle Mêle war nicht weniger rothaarig und sommersprossig als die auf den Bildern, eher noch hübscher, falls das geht, stellte mir spätestens das dritte Bier (2,80 Mark, damit jeder wusste, wieviel Trinkgeld er geben musste) nach weniger als einer Zigarettenlänge unaufgefordert hin, drehte die LPs (wir sprechen von 1988), die sie mit aus Rotbuche geschnitzten Fingern fast liebevoll nur am Rand anfasste, immer sofort um, besaß zwei kaum verschiedene, wahrscheinlich selbstgestrickte Pullover in allen Farben auf einmal, in denen sie größtenteils verschwand, und nahm sich viel Zeit zum Quatschen an den Tischen, deren das Pêle Mêle Stücker vier zählte. Folglich kam ich zweimal die Woche.

Ich schaute von meinem DIN-A4-Blätterhaufen auf, drehte den Kolbenfüller nach und überlegte in die Luft.

„Was schaust?“ lächelte die Bedienung. Ich merkte erst jetzt, dass ich seit Wochen in sie verliebt war, weil sie mich damit so entwaffnen konnte.

„Lass mich halt schauen.“ Diese Art von Schlagfertigkeit erwirbt sich nur durch jahrelanges Training in knallharten sozialen Situationen.

Sie lachte hell und schätzte kurz ab, ob sie schon mein Bier nachschenken sollte. – „Ja“, schoss ich vorsorglich nach.

Diesen Abend zwischen den Jahren brach ein Schneesturm über der Pegnitz los. Aus den raumhohen Schaufenstern vom Pêle Mêle sah es jedenfalls aus wie ein Schneesturm, weil Freitag war und sich niemand ernsthaft darum riss, das Lokal vor Sperrstunde zu verlassen. Das Flockengestöber über der Großweidenmühle bei Nacht sah dermaßen gut aus, dass ich kaum zum Schreiben kam. Das Pêle Mêle war voll, das heißt, an jedem der vier Tische saß jemand, alle folgten wir dem Naturschauspiel, und die Bedienung hatte kraft ihrer Autorität über den Plattenspieler ein Special mit den schnulzigeren Werken von Tom Waits beschlossen. Das klingt immer noch weihnachtlich und wirkt gegen die Übelkeit von zuviel vorausgegangenem Gänsefett.

„Lieber im Pêle Mêle hocken“, erhob jemand in einer Musikpause seine trunkene Stimme, „lieber im Pêle Mêle hocken und da drüben die Lichter von der Erler-Klinik anschauen, als in der Erler-Klinik hocken und da herüben das Licht vom Pêle Mêle anschauen.“

Niemand wagte zu lachen ob so geballter Weisheit.

„So ein Schmarrn“, erhob sich eine andere trunkene Stimme, „das Pêle Mêle sieht man von der Erler-Klinik aus gar nicht. So ein Schmarrn.“

„Ist doch wurscht.“

„Wieso? Warst du da schon?“ Eine dritte Stimme.

„In der Erler-Klinik? Freilich, da bin ich drin geboren.“

„Schön schaut’s aus.“

„Auch wieder wahr.“

Wenn jetzt nicht ins unterdrückte Losprusten der Bedienung hinein A Sight for Sore Eyes losgegangen wäre, hätten wir womöglich gemeinsam Stille Nacht gesungen. Ab hier verschwimmt meine Erinnerung, weil die Bedienung mir das siebte und keineswegs letzte Bier des Abends hinstellte.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleMeine Erinnerung setzt wieder am selben Abend ein, als die Bedienung mich anlächelte: „Was schaust?“

„Auf deine Hosen.“ Ich musste jedesmal etwas anderes antworten, damit sie nie aufhörte zu fragen. Außerdem stimmte es.

„Was soll sein mit meinen Hosen?“

„Durch dein Loch in der Jeans schaut die schwarze Strumpfhose durch. Durch dein Loch im Socken schaut der blanke Zeh durch. Da fragt sich halt: Was sollen das für Strumpfhosen sein?“

Sie schaute auf ihre offenen Birkenstocksandalen, in die sie auch winters zur Arbeit wechselte: „Sehr aufmerksam, Schlauberger. Das nennt man Leggings.“

„Sag bloß, ich bin der einzige, dem das auffällt.“

„Ist ja sonst keiner mehr da.“

„Warum sagt einem überhaupt keiner, dass ich schon der Letzte bin?“

„Weil du bloß schaust und nicht hörst. Zweimal hab ich dich gefragt.“

„Echt?“

„Ja, echt. Also – noch ein letztes Seidel?“

„Gern auch ein vorletztes.“

„Nix da. Das mein ich schon so, mit dem letzten. Ich hör heut auf.“

„…“

„Ja, so richtig. Ich hab längst meinen letzten Feierabend.“

„Wie soll das gehen?“

„Ganz einfach geht das. Ich hab ein Stipendium an der Uni Cardiff.“

„Und die Kneipe …“

„… findet bestimmt eine andere Bedienung. Ab morgen bedient erst mal der Wirt persönlich. Er kocht auch nicht, hat er versprochen.“

„Aber eine Bedienung ohne Sommersprossen ist doch …“

„… wie eine Nacht ohne Sterne, weiß schon.“

„Und ohne Schneegestöber“, sagte ich mit einem Blick über die Pegnitz. Vor mir stand wie aus der Theke gewachsen ein Seidel.

„Das werd ich jetzt öfter haben, so ein malerisches Sauwetter.“ Ihr Blick fing an zu leuchten. „Cardiff, ist dir das klar? Uralte gälische Unistadt. Vorne dran das Meer, hinten dran die rolling Hills. Büchereien, Pubs, kauzige Profs, einfach jeder, jeder, jeder kann lesen und schreiben und Geschichten erzählen und Musik machen, und sie haben mich sofort genommen und ich fahr hin und treib Gaelic Studies. Und hinter jeder Mauer und jedem Grashügel eine Feenwohnung.“

„Da gehörst du hin.“

„Schön, dass du’s einsiehst.“

„So plötzlich? Fängt denn da jetzt ein Semester an?“

„Trimester haben die. Außerdem hab ich auch schon einen Kneipenjob. Silvester bedien ich schon die Elfen und Trolle.“

„Ein Laden, den man kennt?“

„Die richtigen Leute schon. Heißt aber kymrisch, kann außerhalb Wales kein Mensch aussprechen oder schreiben.“

„Gibst du mir was mit?“

„Na, was denn?“

„Sag ich dir gleich, wenn du mir aufsperrst.“ Bis heute bin ich stolz, dass ich die Würde aufbrachte, das selber zu sagen.

„Ist recht. Trink aus, wir wollen ins Bett.“

„…“

„Jeder in seins, du Dings. Hinterzimmer hab ich hier keins.“

„Hast du gewusst, dass Jean Paul in seiner Stammkneipe ein eigenes Schreibzimmer eingerichtet hat? Im ersten Stock, und die Bedienung hat ihm immer seinen Biernachschub gebracht?“

„Das könnte dir so passen.“

„Den fünften Tisch schaffst du auch noch.“

„Jean Paul? Der von Bayreuth?“

„Wunsiedel, Joditz, Schwarzenbach an der Saale, Hof, Meiningen, Coburg, Bayreuth. Ganz kurz in Weimar und Berlin.“

„Ein Mann von Welt.“

„Ein Mann von Oberfranken.“

„Da war ich noch nie.“

„Dafür in Cardiff.“ Ich trank aus.

„Du wirst lachen, nicht mal da. Erst morgen.“

„Was zahl ich?“

„Du zahlst nix, ich hab dich schon abgerechnet. Das geht auf, so oder so.“

„Dann nimmst du zwanzig, damit man den guten Willen sieht, und wir reden nicht mehr drüber.“

Diolch yn fawr.“

„Eich bod yn croesawu.“

Dann standen wir an der Tür. Sie war fast so groß wie ich, was mir gar nie aufgefallen war, solange ich an der Theke saß. Sie sperrte auf, um mich heimzuschicken.

„Was schaust?“ lächelte sie.

„Dich an. Weißt du, was du bist?“

„Eine walisische Elfe?“

„Ein Mädchen, das Glück bringt.“

„Ich weiß.“

„Und ein kluges Mädchen.“

„Deswegen hab ich auch ein Stipendium.“

„Wenn ich groß bin, will ich auch ein Stipendium.“

„Groß bist du schon. Kannst sitzen und sprechen.“

„Und lesen und schreiben.“

„Dann lernst du jetzt noch weniger zu lallen und mehr zu verstehen, was man dir sagt, dann wird das auch was mit dem Stipendium.“

„Ich hab dich schon verstanden.“

„Du wolltest was mithaben.“

„Ich weiß.“

„Ich auch. Also halt den Mund.“

Dann nahm sie mich in den Arm und küsste mich.

„Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

„Wenn nicht zweimal die Woche.“

„Mach’s gut.“

„Mach ich.“

Draußen war wieder Winter.

Dass die Bedienung wie Jean Pauls erste Liebe tatsächlich Katharina hieß, glaubt mir jetzt sowieso kein Mensch mehr.

— Pausenlied. Drunter geht’s weiter mit dem Primärtext Jean Paul und mehr Bildern von Luca Hollestelle.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Jean Paul:

Kuß

aus: Selberlebensbeschreibung, Dritte Vorlesung. Schwarzenbach an der Saale, 1818:

Agata Serge Photography, Luca HollestelleWie früher dem Kirchenstuhl gegenüber, so konnt‘ ich nicht anders als zur erhöhten Schulbank hinauf – denn sie saß ganz oben, die Katharina Bärin – mich verlieben, in ihr niedliches rundes rotes blatternarbiges Gesichtchen mit blitzenden Augen und in ihre artige Hastigkeit, womit sie sprach und davonlief. Am Schulkarneval, das den ganzen Fastnachtvormittag einnahm und in Tänzen und Spielen bestand, hatt‘ ich die Freude, mit ihr den unregelmäßigen Hopstanz zu machen und so dem regelrechten gleichsam vorzuarbeiten und vorzutanzen. Ja bei dem Spiele „wie gefällt dir dein Nachbar“ – wo man auf das Bejahen des Gefallens zu küssen befehligt wird und auf das Verneinen einem Hergerufnen unter einigen Ritterschlägen des Klumpsackes laufend Platz zu machen hat – trug ich letzte häufig neben ihr davon; eine Goldschlägerei, durch die meine Liebe wie das edelste Metall größer wurde, und ein unterhaltendes Abwechseln wie sie mir immer den Hof verbot und ich sie immer an den Hof rief, waltete ob.

Alle diese böslichen Verlassungen (desertio malitiosa) konnten mir die Seligkeit nicht abschneiden, ihr täglich zu begegnen, wenn sie mit ihrem schneeweißen Schürzchen und Häubchen über die lange Brücke dem Pfarrhause entgegenlief, aus dessen Fenster ich schauete. Sie freilich zu erwischen, um ihr etwas Süßes nicht sowohl zu sagen, als zu geben, z.B. einen Mundvoll Obst – dies war ich, so schnell ich auch durch den Pfarrhof eine kleine Treppe hinablief, um die Vorbeilaufende unten im Fluge zu empfangen, meines Wissens nie imstande. Aber ich genoß genug, daß ich sie vom Fenster aus auf der Brücke lieben konnte, was, hoff‘ ich, für mich nahe genug war, da ich gewöhnlich immer hinter langen Seh- und Hörröhren mit meinem Herzen und Munde stand. Ferne schadet der rechten Liebe weniger als Nähe. Wäre mir auf der Venus eine Venus zu Gesicht gekommen: ich hätte das himmlische Wesen mit seinen in solcher Ferne so sehr bezaubernden Reizen warm geliebt und es ohne Umstände zu meinem Morgen- und Abendstern erwählt zum Verehren.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleInzwischen hab‘ ich das Vergnügen, alle, welche in Schwarzenbach bloß ein wiederholtes Joditz der Liebe erwarten, aus ihrem Irrtum zu ziehen und ihnen zu melden, daß ich es zu etwas brachte. An einem Winterabende, wo ich meine Prinzessinsteuer von Süßigkeiten schon vorrätig hatte, der gewöhnlich nur die Einnehmerin fehlte, beredete der Pfarrsohn, der unter allen meinen Schulkameraden der schlechteste war, mich zum verbotenen Wagstücke, während ein Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte, im Finstern das Pfarrhaus zu verlassen, die Brücke zu passieren und geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus, wo die Geliebte mit ihrer armen Mutter oben in einem Eckzimmerchen wohnte, zu marschieren und unten in eine Art von Schenkstube einzudringen. Ob Katharina aber zufällig da war und wieder hinaufging, oder ob sie der Schelm mit seiner Bedientenanlage unter einem Vorwande herunterlockte, auf die Mitte der Treppe; oder kurz wie es dahinkam, daß ich sie auf der Mitte fand: dies ist mir alles nur zu einer träumerischen Erinnerung auseinandergeronnen; denn eine plötzlich aufblitzende Gegenwart verdunkelt dem Erinnern alles was hinter ihr ging. So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Eßgeschenke, und dann drückt‘ ich – der ich in Joditz nie in den Himmel des ersten Kusses kommen konnte, und der nie die geliebte Hand berühren durfte – zum ersten Male ein lange geliebtes Wesen an Brust und Mund. Weiter wüßt‘ ich auch nichts zu sagen, es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war, nie wiederkam; eine ganze sehnsüchtige Vergangenheit und Zukunft-Traum war in einen Augenblick zusammen eingepreßt; – und im Finstern hinter den geschloßnen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin. Aber ich hab‘ es doch nicht vergessen, das Unvergeßliche.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleIch kehre wie eine Hellseherin aus dem Himmel auf die Erde zurück und bemerke nur, daß diesem zweiten Weihnachtfest der Ruprecht, da er ihm nicht vorlief, nachlief und ich nach Hause kommend schon unterwegs den Boten fand und zu Hause stark gescholten wurde über mein Auslaufen. Gewöhnlich fällt immer nach zu heißen Silberblicken der Glücksonne ein solcher Schlossen- und Schlackenguß. Was tat es mir? Mein Paradies war durch nichts zu ersäufen; denn blüht es nicht noch heute fort bis an diese Feder heran?

Es war, wie gesagt, der erste Kuß, und zugleich, wie ich glaube, der letzte dazu, wenn ich nicht absichtlich, da sie noch lebt, nach Schwarzenbach fahren und da einen zweiten geben will. Wie gewöhnlich nahm ich während meines ganzen Schwarzenbacher Lebens mit meiner telegraphischen Liebe vorlieb, welche noch dazu ohne einen antwortenden Telegraphen sich erhalten und beantworten mußte. Aber wahrlich, niemand tadelt die Gute weniger als ich, wenn sie damals schwieg oder jetzo noch – nach ihres Mannes Tode –; denn ich mußte mich später in fremdes Lieben und Herz immer erst langsam hineinreden; es half mir nichts, daß ich sogleich mit fertigem Gesicht und allem Außen schon dastand; allen diesen körperlichen Reizen mußte später erst die Folie der geistigen von mir unterlegt werden, bevor sie genugsam glänzten und blendeten und zündeten. Aber dies war eben das Fehlerhafte in meiner unschuldigen Liebezeit, daß ich, ohne Umgang mit der Geliebten, ohne Gespräche und Einleitung, ihr bei meiner dürren Außenseite die ganze Liebe auf einmal hervorgefahren zeigte und kurz daß ich ordentlich als der Judenbaum vor ihr stand, der ohne den Umschweif von Ästen und Blättern die weiche feine Blüte aus der unansehnlichen Rinde hervortreibt.

Bilder: Agata Serge: Luca Hollestelle,
Tracklist: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
live in Sagebrush Boogie aus den WRFG FM 89.3 Studios in Atlanta, Georgia, 10. Februar 2000;
Tom Waits: A Sight for Sore Eyes, aus: Foreign Affairs, 1977,
als letztes Lied des Jahres:

Alles Gute für 2015.

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Written by Wolf

30. Dezember 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

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