Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Sternderl schaun

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Mit Haruki Murakami ist es wie mit Naturkatastrophen und Einschnitten in die Historie, die einen direkt betreffen: Man erinnert sich ein Leben lang, wann und wo man ihn zuerst gelesen hat, und was das für ein Sumoringergriff in die Magengrube war. Bei mir war es Anfang Mai unter einem blühenden Kirschbaum in der Fränkischen Schweiz, aber das glaubt mir sowieso keiner, weil ich durch keine große Affinität zu japanischen Belangen auffalle. Der Mann hat aber so ziemlich die ganze amerikanische Kultur alleine nach Japan getragen, indem er mehrere Gesamtwerke amerikanischer Klassiker übersetzt hat, und das außer der Produktion seiner eigenen Romane. Dicke Romane. In seiner Freizeit gibt er sich nicht mit Weicheierkram wie Marathonlauf ab, für ihn muss es Langstrecke sein. Passender als ein blühender Kirschbaum wäre demnach der Grund eines trockenen Brunnens gewesen, da hat man wenigstens Ruhe zum Lesen.

——— Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel, 1998:

Kurz nach fünf Uhr morgens war der Himmel schon hell, aber dennoch sah ich oben eine Menge Sterne. Es war genau so, wie Leutnant Mamiya mir erzählt hatte: Vom Grund eines Brunnens kann man am hellichten Tag Sterne sehen. In die vollkommene Halbmondscheibe Himmel waren säuberlich, wie Proben von seltenen Mineralien, schwach glimmende Sterne eingebettet. […] Das waren meine Sterne, für niemanden sichtbar außer mir, hier unten im dunklen Brunnen. Ich nahm sie als mein eigen an, und sie überschütteten mich ihrerseits mit Energie und Wärme.

Carolyn Emily, The Astronomer, 25. Juni 2010Auf Claude Lévi-Strauss stößt man in der Soziologie, wenn es um den/die/das Fremde geht; „Der/die/das Fremde“ hieß sogar mal eins meiner Proseminare, geleitet von einem sonnigen Japaner. Dass ich ein Referat über Christoph Kolumbus halten sollte, merkte ich allen Ernstes erst anhand eines Donald-Duck-Heftchens, weil der paneuropäische Kapitän in meinem abseitigen, etwas nachlässig eingerichteten Suhrkamp-Heftchen immer nur „Cristóbal Colón“ hieß. Es war nicht das von Lévi-Strauss. (Hinterher verstand sowieso kein Mensch ein Wort, weil ich im Sommersemester im Erlanger Schlossgarten zwischen lauter wettergemäß leicht geschürzten, sirenenartig ins Gras gegossenen Soziologiestudentinnen referierte, während nebenan der Rasen mit einem Traktor gemäht wurde.) Man erwartet aber nie, wie seemannsromantisch so eine soziologische Fachliteratur werden kann.

——— Claude Lévi-Strauss: Mythos und Bedeutung, Radiovortrag 1980:

Es schien so, als ob ein bestimmter Stamm den Planeten Venus bei vollem Tageslicht sehen konnte, etwas, das ich für ganz unmöglich und unglaublich hielt. Berufsastronomen, denen ich diese Frage vorlegte, bestätigten mir natürlich, dass wir ihn nicht sehen. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen, dass einige Völker, die die vom Planeten tagsüber ausgestrahlte Lichtmenge kennen, ihn sehen können. Später sah ich alte Navigationsbücher durch, die unserer eigenen Zivilisation entstammen, und es scheint, als seien die früheren Seefahrer sehr wohl in der Lage gewesen, den Planeten bei vollem Tageslicht zu erkennen.

Mit Ludwig Hirsch war es wie mit Haruki Murakami: Man erinnert sich ein Leben lang, wann und wo man ihn zuerst gehört hat. Dabei ist das Sternderl schaun noch gar nicht mal sein bestes.

Sterne sehen: Carolyn Emily: The Astronomer, 25. Juni 2010;
Sterne hören: Ludwig Hirsch (28. Februar 1946 bis 24. November 2011),
auf: In meiner Sprache, 1991. Live in: Gottlieb, Wiener Volkstheater 1. Jänner 1993.

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Written by Wolf

24. November 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

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