Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wunderblatt 3: Hilft ja nix

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Und kennst du Besseres, teile mir freundlich es mit, wo nicht, benütze dies mit mir.

Horaz.

——— Harold Nicholson: People and Thinks. Wireless Talks, Constable, London 1931,
übs. Elsemarie Maletzke, cit. Julia Bachstein (Hg.): Vita Sackville-West und Harold Nicholson:
Sissinghurst. Portrait eines Gartens, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 1997:

Ich erzählte diese Geschichte einer anderen, aufgeschlosseneren deutschen Dame, während wir in der Umgebung von Frankfurt am Main mit dem Auto unterwegs waren. „Dabei ist es so“, sagte ich, „daß nirgendwo anders als in England es Leute schaffen, einen Garten anzulegen, wo niemals zuvor einer gewesen war.“ In diesem Moment tauchte auf der Straßenseite ein großes Gebäude auf, das wie eine Kaserne aussah. Zu meinem großen Erstaunen sah ich, daß der ganze Platz zwischen der Kaserne und der Straße umgegraben und völlig bedeckt mit Goldregen und Löwenmäulchen war. „Naja, ich weiß nicht“, sagte sie, „nehmen Sie zum Beispiel diese Kasernen, hier leben einfache deutsche Soldaten …“ In diesem Moment passierten wir das Eingangstor, wo wir auf einer weißen Tafeldie Aufschrift British National Rhineland Army, Western Depôt, Horne barracks lesen konnten. Und tatsächlich kam gerade ein kleiner englischer Tommy mit einer roten Gießkanne aus dem Tor. Rasch wandte ich mich ab und wechselte das Thema. Ja, unser trockener Witz und unsere Liebe zu Blumen und Tieren sind wahrscheinlich unsere besten Eigenschaften.

In meinem zutiefst grundteutschen Haushalt sind die meisten der erstandenen Kalanchoen inzwischen den Raum alles Fleischlichen und Pflanzlichen gegangen. Als erstes hat sich die Neue Hybride verabschiedet, was mich noch eine gewisse Dekadenz zusammengemendelter Lebensformen glauben ließ. Houghtonii und rosei/serrata geht es gar nicht gut, laetivierens bekäme unter normalen Umständen alle Tage Treppenlift- und Rollator-Spam. Fedtschenkoi möchte ich quasi noch zum Parkinson-Training anmelden. Allein aus delagonensis/tubiflora könnte noch was werden, aus der ebenfalls ach so grundteutschen Lebensauffassung heraus: „Hilft ja nix.“

Johann Joseph Schmeller, Goethe seinem Schreiber John diktierend, 1831, DetailAufrecht leid tut es mir um die pinnata. Wegen der hab ich den Bauchladen aus acht Crassulaceen ja überhaupt erst aus dem Steyrer zauberhaften Hexengärtchen bestellt. Dass die zauberhafte Hexe Petra ihre Crassulaceen in einer Toffifee-Schachtel verschickt, finde ich ja putzig, dennoch sollte niemand leiden und gar sterben müssen, nur weil er angeblich eine Goethepflanze ist. Für seine Familiengeschichte kann doch niemand was.

So, wie Goethe es darstellt, sollten Kalanchoen denkbar einfach zu halten sein: „Flach auf guten Grund gelegt, merke wie es Wurzeln schlägt“ am Arsch! „Mäßig warm und mäßig feucht ist, was ihnen heilsam deucht“, und dann sind sie praktisch überhaupt nicht mehr einzudämmen — ja, wenn das so einfach wäre, Mosjö Geheimrat!

Nach modernen Erkenntnissen sind Kalanchoen gar nicht so unkompliziert, wie Weimaraner Großbürgerlöffel, die gärtnern lassen, ihren anderweitig verheirateten Altersliebchen über zwei Jahrhunderte hinweg weismachen wollen: Zuerst mal ist kein Gewächs, es mag auf Beinen, Tentakeln, Flossen, Wurzeln oder Rhizoiden einherschreiten, gern eine Woche lang in der mickrigen Toffifeeschachtel für 15 Stück unterwegs. Durch zu lange Dunkelphasen kann die Pflanze ihren inneren Winterschalter umlegen, oder sie hört, der Photosynthese entmächtigt, auf zu atmen.

Die Schwierigkeit ist eben, dass man sich eine wahre Goethepflanze schicken lassen muss, und Kisten sind innen immer so dunkel wie die Kanäle des Internets. Als Unkraut gelten sie dem Blumenhandel wohl weniger, weil sie so schwer zu bändigen wären, sondern weil sie out sind. Der Kollege Leopardtronics schlägt vor, in Altersheimen vorzusprechen, um an den dort vor sich hinwuchernden und deshalb regelmäßig zu entsorgenden Kalanchoentöpfen Anteil zu nehmen. Gute Idee, mit Altersheimschwestern sollte man sich ohnehin beizeiten gut stellen.

Wenn so ein zartes Kalanchöchen es dann glücklich durch Internet und finstere Kisten geschafft hat, rät Leopardtronics noch: Ausgewiesene Kaktuserde nehmen — und zusätzlich mit 50 Prozent Sand mischen, „damit das Wasser schnell durchläuft und die Wurzeln nicht faulen. Das funktioniert bei allen Pflanzen, die man so im Topf ziehen kann.“ Dieser Trick findet sich öfter, wenn man ihn sucht — wozu man ihn zuerst kennen muss. Glücklicherweise gibt es Leopardtronics, Sven Berhard und mich.

Der Sand sollte eher vom Baggersee als von einem Spielplatz stammen, weil der Sand für Sandkästen angeblich bestrahlt, sterilisiert, mit undurchsichtigem, aber unliebsamem Zeug versetzt oder sonstwie behandelt wird. Man steckt da nicht drin, sofern man keinen Einblick in die Produktionsabläufe der BayWa hat, und es soll auch schon mit Spielplatzsand funktioniert haben, aber wenn man schon mal an einem Baggersee vorbeikommt, kann man gleich mal eine Badehose voll für die Kalanchoe mitnehmen. Für normalen Haushaltsgebrauch sollte das legal sein.

Und die nächste pinnata sollte abermals aus Ebay stammen; meiner nächsten wünsche ich einen angewachsenen und fortbestehenden Kumpel namens tubiflora.

——— Harold Nicholson: a. a. O.:

Wenigstens bringt der Oktober etwas mit, auf das sich selbst die Griesgrämigsten unter uns freuen können. Er bringt uns das Blumenzwiebelstecken. Da hocken wir mit diesen harten Packpapiertüten und wühlen im Sägemehl, ob nicht doch noch eine Zwiebel darin versteckt ist, und wenn wir fertig sind, verstreuen wir das Sägemehl in der Hoffnung des Amateurs, daß die Holzpartikel die Erde auflockern werden. Ich gebe zu, daß wir uns mit dieser sorgsamen, oft wiederholten Geste der Illusion hingeben, den Dezember besiegt zu haben. Denn wir leben, wenn wir unsere Blumenzwiebeln pflanzen, auf eine Renaissance hin. Fest drücken wir die Zwiebeln in ihr Grab hinunter. „So!“, sagen wir, „das nächstemal, wenn wir beide uns wiedersehen, ist es schon fast April.“

Alejandra Baci, November 30th, 2011

Bilder: Johann Joseph Schmeller: Goethe seinem Schreiber John diktierend, 1831,
Detail mit einem Bryophyllum calycinum (Goethepflanze), rechts im Bild, neben einer Königin der Nacht;
Alejandra Baci, 30. November 2011.

Gartensoundtrack: Poor Old Shine: Weeds Or Wild Flowers, from Big Old Big One, 2013.

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Written by Wolf

4. Oktober 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

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