Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Anständig essen

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Eine jungische Dozentin hat mal in meinem Erlanger anglistischen Grundkurs als Gruppendiskussionsthema „Food and Eating“ anberaumt — mit der Begründung, dazu könne jeder was sagen, „or is anybody here who doesn’t eat at all?“

Das war schon die erste Gelegenheit, bei der sich niemand melden wollte. Für mich brachte die junge Dame da eine erschreckende Implikation vor: Ist es denn keine der Weltmiseren, wie der Mensch durch beständiges Streben nach körperlicher Nahrung, also entlang eines mit Leichen gepflasterten Weges, seinen eigenen Tod hinauszögert? Und wenn er sich dabei nicht anständig benimmt, sich zumindest gesellschaftlich unmöglich macht, also nicht weniger wirksam aushungert, als wenn ihm gleich die Muttermilch verweigert würde? Und wehe dem sozialen Wesen, das keine Freude an Nahrungsaufnahme zeigt!

Das ist eine Ansicht, mit der ich damals nicht gleich die Grundkursdiskussion eröffnen wollte, schon gar nicht auf Englisch. Seit man seine Mammuts nicht mehr selbst handwürgen muss, ist nichts einfacher geworden.

——— Um 1370:

Du solt nit bey tische grelzen noch mit dem messer in die zent stüren.

——— Vor 1643, überliefert in Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages, Hanser Verlag 1994,
Kapitel 6: Große Kunst des Lichts und der Schatten, Seite 69,
Übersetzung von Burkhart Kroeber:

„In sauberen Kleidern erscheinen, nicht nach jedem Happen einen Schluck trinken, sich vor dem Trinken den Bart und den Schnurrbart abwischen, sich nicht die Finger ablecken, nicht in den Teller spucken, sich nicht in die Tischdecke schneuzen. Wir sind schließlich keine Kaiserlichen, Messieurs!“

——— Heinz Dietrich: Menschen miteinander.
Ein Brevier des taktvollen und guten Benehmens, 1934, Nachdruck 1952:

Mittelalterliche Tischsitten. Gutes Benehmen macht Eindruck, Tischsitten sind weiter wichtig, Badische Zeitung 11. November 2013Von dem aufgetanen Fleisch wird im Gegensatz zu angelsächsischen Gepflogenheiten immer nur das Stück, das man für den nächsten Bissen braucht, abgeschnitten. Nur für Gebrechliche und für Kinder, die sich auf den Gebrauch von Messer und Gabel noch nicht verstehen, kann man das ganze Stück gleich auf einmal zerteilen. Knochen, unzerkaubare Knorpel und Sehnen, die einem in den Mund geraten sind, läßt man auf die Gabel gleiten und legt sie etwas abseits auf den Teller zurück.

Messer und Gabel werden am oberen Teil des Griffes gehalten, so daß dessen Ende wie ein Hebel gegen die Mitte der Innenhand stößt. Dadurch hat man nicht nur die größte Gewalt über Messer und Gabel, die locker über den Griff ausgestreckten Zeigefinger werden dann auch niemals so weit nach unten gleiten, daß sie die Schneide oder die Gabelzinken berühren. Die Daumen liegen ebenfalls ausgestreckt seitwärts an, während die übrigen Finger eingekrümmt die untere Klammerstütze für die Besteckgriffe bilden. Je leichter und unverkrampfter die Hände Messer und Gabel führen, desto eleganter sieht es aus und desto weniger Geklapper und Lärm entsteht. Die Gabel bleibt stets in der Linken, das Messer in der Rechten. Sie werden beide mit dem Rücken nach oben im spitzen Winkel flach und schräg über dem Teller gehalten. Das Messer darf sich niemals vom Teller entfernen, es dient nur zum Fleischschneiden und zur Unterstützung der Gabel bei der Zusammenstellung und beim Anspießen des Bissens. Degenschlucker gehören in den Zirkus. Grundsätzlich wird das Messer nur zum Schneiden solcher Gerichte benutzt, die allein mit der Gabel nicht zerkleinert werden können. Gemüse wird also nicht geschnitten, ebensowenig natürlich Deutsches Beefsteak. Gleichwohl wird das Messer auch dann nicht aus der Hand gelegt, sondern zur Unterstützung der Gabel als Schieber gebraucht. Auch wenn es für das Messer gerade nichts zu tun gibt, soll es während des Ganges also nicht aus der Hand gelegt werden. Die Gabel sticht, Rücken nach oben, leicht in das abgeschnittene Fleischstück und hebt es zum Munde. Gemüse, Kartoffel usw. ohne Fleisch kann auch mit der nach oben offenen Gabel aufgenommen werden. Sie darf aber nicht erst in der Luft angefüllt werden, indem etwa das Messer die Speisen an ihr wie ein Maurerspachtel abstreicht, sondern immer direkt auf dem Teller. Und, wie man nicht oft genug sagen kann, nie zu hoch auf einmal aufladen, lieber die Gabel ein paarmal mehr zum Munde führen. […]

Jede Mahlzeit geht einmal zu Ende, auch die längste. Trotz der so oft angestrengten „Sitzung“ werden Sie jedoch niemals schwer und stumm in Ihren Stuhl zurücksinken, als hätten Sie schon mit einem kleinen Verdauungsschlummer begonnen. Bei den Rauchern erwacht die Sehnsucht nach der Zigarette. Doch sie sollten ihre Etuis steckenlassen und sich bezähmen, bis der Hausherr es für richtig hält, Zigaretten anbieten zu lassen. Vor dem Schlußgericht (Süßspeise oder Obst) wird das nicht der Fall sein. In der Regel geht man zu Kaffee, Zigarette und Likör nach beendeter Mahlzeit in ein anderes Zimmer. Wird der Kaffee sofort anschließend am Eßtisch serviert, nachdem alles Geschirr und alle Gläser abgedeckt sind, so paßt eine Zigarette recht gut dazu. Zugleich macht auch die Kiste Zigarren die Runde. Zwischen den Gängen zu rauchen, ist heute vielfach üblich geworden. Besonders schön ist das nicht, und bei großen, offiziellen Diners ist das zweifellos nicht am Platze. Vor dem Kriege verwendete man für die ganz engagierten Raucher gern sogenannte „Damen-Zigaretten“, die nur wenige Züge enthielten. Zur Zeit sind solche Zwischengangszigaretten nur als Sonderanfertigungen erhältlich. […]

Darum wird man auch allein genau so essen, als sei man mit anderen zusammen. Auch allein bleibt man ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, und man degradierte sich menschlich, wenn man sich von jenen Formen „befreite“, sobald man unbemerkt ist, als seien sie nur ein Komödienspiel, das man ohne Zuschauer nicht mehr nötig hätte. Wie könnte man auch von jemand verlangen, daß er als ernsthafter erwachsener Mensch sich nach Formeln richtete, die weiter nichts wären als bloße Spielregeln?

Doch es kommt noch hinzu, daß man niemals die nötige Sicherheit und Gewandtheit erlangt, wenn man immer erst in Gegenwart anderer mit seinem guten Benehmen beginnt. Da Appetit und schlechte Gewohnheit sehr bald den auferlegten Zwang durchbrächen, so würden sich die üblen Manieren doch schnell verraten. Wem daher der tiefere Sinn der Tischsitten verborgen bliebe, für den wäre es immer noch eine Sache der praktischen Zweckmäßigkeit, sich auch allein am Tische niemals gehen zu lassen.

——— Barbara Kleber: Knigge für jeden Tag: Richtiges Benehmen.
Zeitgemäße Umgangsformen. Mit Trainingsfilm auf DVD, 2011:

Stundenbuch des Herzogs von Berry, Johann von Valois bei einem großen Mahl, ca. 1410 via Kochzitate.deEin Beispiel: Dr. jur. Krösus (wir erinnern uns, der frischgebackene Doktor der Rechtswissenschaften) lädt seine beiden Mitarbeiterinnen zum Mittagessen in den Ratskeller ein. Alle Tische sind eingedeckt, ein paar Gäste sitzen im Gastraum. Dr. Krösus führt die Damen an einen Tisch seiner Wahl, ohne sich mit dem Service abgesprochen zu haben. Ein Kellner folgt der Prozession und weist die Gruppe darauf hin, dass dieser ausgewählte Tisch reserviert sei. Mit den Worten „Dann reservieren Sie eben einen anderen!“ lässt sich Krösus nieder, während die Damen noch zögerlich stehen bleiben. Der Kellner bittet Krösus höflich an einen anderen Tisch, denn dieser Tisch sei reserviert und schon für die Gäste dekoriert, die übrigens die Dekoration auch schon bezahlt hätten. Notgedrungen wechselt Krösus mit den Damen, denen die ganze Situation peinlich ist, an einen anderen Tisch. Krösus hat kaum von der Suppe gekostet, als er laut in die Hände klatscht, um die Aufmerksamkeit eines Kellners zu gewinnen. Dieser kommt auch schnell, weil er neues Unheil ahnt. Krösus erklärt ihm nun lautstark, dass er dieses „Dosenfutter“ nicht essen und auch nicht bezahlen wird. Mit einer Entschuldigung räumt der Kellner die Suppentasse ab. Die Damen löffeln weiter, immerhin scheint es ihnen zu schmecken. Zum Hauptgang haben die Herrschaften Rotwein bestellt. Wieder lässt Krösus den Service antreten und verkündet: „Diesen verkorkten Wein werde ich nicht trinken, bringen Sie mir ein Bier, damit können Sie hoffentlich nichts falsch machen.“ Schließlich sind die Teller und Gläser leer und Krösus ruft durch den Raum: „Zahlen!“ Der Kellner kommt mit der Rechnung. Derweilen hat Krösus seine Brieftasche gezückt, knallt drei Kreditkarten auf den Tisch mit der Bemerkung: „Suchen Sie sich eine aus!“ Während der Kellner noch mit der Karte seiner Wahl und der Abrechnung beschäftigt ist, steht Krösus auf und holt die Garderobe. Als sich die drei anziehen, kommt der Kellner mit der Karte und dem Rechnungsbeleg zurück. Wortlos nickend nimmt Krösus beides an sich. Die drei verlassen den Ratskeller und der Kellner atmet tief durch.

Sie wissen und können es besser. Notieren Sie hier Ihre Empfehlungen für Herrn Dr. Krösus:


 


 


 


 


Bilder: Badische Zeitung: Gutes Benehmen macht Eindruck.
Tischsitten sind weiter wichtig, 11. November 2013;
Les très riches heures du duc de Berry. Janvier (Stundenbuch des Herzogs von Berry, Januar):
Johann von Valois bei einem großen Mahl, ca. 1410 via Kochzitate:
Der Herzog sitzt an einem hohen Tisch unter einem luxuriösen Baldachin vor dem Kamin. Auf dem Tisch links vom Herzog ist ein goldenes Salzfässchen in Form eines Schiffs.

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Written by Wolf

19. September 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Nahrung & Völlerei

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