Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Diese seltsame Katzenandacht (Dieses scharf riechende Thier)

leave a comment »

Vorspann: ——— Goethe an Johann Gottfried Herder. Rom, 13. Januar 1787:

In meiner Stube hab ich schon die schönste Jupiter Büste, eine kolossale Juno über allen Ausdruck groß und herrlich, eine andre kleiner und geringer, das Haupt des Apoll von Belvedere und in Tischbeins Studio steht auch manches dessen Werth mir aufgeht. Nun rücke ich zu den Gemmen, und alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle.

——— Goethe: Rom, den 25. December 1786,
in: Italienische Reise, Von Ferrara bis Rom:

Letizia Mancino, Die Katze in Goethes Bett. Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009Ich fange nun schon an die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo denn das erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefühl des Werthes der Sache auflös’t. Um den höchsten Begriff dessen was die Menschen geleistet haben, in sich aufzunehmen, muß die Seele erst zur vollkommenen Freiheit gelangen.

Der Marmor ist ein seltsames Material, deßwegen ist Apoll von Belvedere im Urbilde so gränzenlos erfreulich, denn der höchste Hauch des lebendigen, jünglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet gleich im besten Gyps-Abguß.

Gegen uns über im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo, in einer hohen und schönen Gesichtsform, über Lebensgröße, das ängstliche Starren des Todes unsäglich trefflich ausgedrückt ist. Ich besitze schon einen guten Abguß, aber der Zauber des Marmors ist nicht übrig geblieben. Das edle Halbdurchsichtige des gelblichen, der Fleischfarbe sich nähernden Steins ist verschwunden. Der Gyps sieht immer dagegen kreidenhaft und todt.

Und doch, was für eine Freude bringt es, zu einem Gypsgießer hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht, und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man neben einander, was sich in Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung unschätzbar dienlich ist. Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlaßt hat.

Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Thüre, und ruft mich eilig zu kommen, und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sey, erwiederte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Thiere wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses aber sey doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjection der Wirthin, noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, daß dieses scharf riechende Thier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787, rechts außen die Juno Ludovisi

Cover nach Tischbein: Letizia Mancino: Die Katze in Goethes Bett:
Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom
, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009;
Das verfluchte zweite Küßen: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787. Rechts außen die Juno Ludovisi.

Advertisements

Written by Wolf

14. September 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Sturm & Drang

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: