Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn)

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Die Gabe des Eros, ist die einzig genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren nennen sie Wahnsinn.

Bettine von Arnim: An Goethe, in: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Juli 1822.

Niemand kann mehr sagen, ich hätte es nicht versucht. Es ist nicht mehr meine Schuld, wenn ich nicht genau die Quelle von Eros, dem aus leichtfertigen Gründen und in geringfügig unterschiedlichen Versionen durchs Internet wabernden Sonett von Bettine von Arnim, angeben kann. Es ist wirklich nicht mit den Mitteln des akademisch gebildeten Laien herauszufinden.

Internet-Recherche mit zwei verschiedenen Suchmaschinen anhand je dreier verschiedener „genauer Wortgruppen“ ergibt die besagten unterschiedlichen Versionen, die meisten davon garniert mit Bildern von Blumen mit Hamilton-Weichzeichner, gestaltet wie von Zahnarztfrauen, die sich zum Baden den Wannenrand mit Teelichtern vollstellen und es dafür nicht so genau mit dem Layout von Sonetten nehmen. Die erfahrungsgemäß zuverlässigste Fundstelle bei Zeno würde auf Buch, Herausgeber und Datum verweisen; leider existiert sie gar nicht.

Das Gutenberg-Projekt gibt endlich hinter einem Aufklappmenü verborgen überhaupt eine Quelle an: eine „Bettine“-Anthologie (prominente Frauen heißen abgekürzt ja immer mit ihrem Vornamen: die Bettine, die Janis und die Scarlett pp., nicht etwa die Brentano oder die von Arnim, die Joplin und die Johansson, außer „die Duse„) von 1984: Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe mit zeitgenössischen Illustrationen, aus einer Reihe namens Märkischer Dichtergarten von Günter de Bruyn und Gerhard Wolf bei einem DDR-Verlag: Der Morgen, Berlin — schon 1985 vom bundesdeutschen Fischer Verlag ungekürzt übernommen, wie laut Verlagswerbung auch die anderen Gewächse aus dem Märkischen Dichtergarten, darunter so stark gefährdete Bestände wie Anna Louisa Karschin, Christoph Friedrich Nicolai, Schmidt von Werneuchen und der notorisch vernachlässigte Fouqué. Fischer residerte auch damals in Frankfurt am Main, das Buch ist aber ausdrücklich printed in the German Democratic Republic, ohne die Springer-Anführungszeichen, dafür auf DDR-typisch holzhaltigem Papier. Da hat sich anscheinend ein namhafter Verlag einiges von der Arbeit der Brüder und Schwestern beim Klassenfeind versprochen.

Der Einband von Fischer war allen Ernstes mädchenrosa und stand zu Zeiten, als es die DDR mit ihrer Mark Brandenburg noch gab, bestimmt gern als „ganz besonderes“ Fundstück in der Bücherabteilung bei Hertie — heute natürlich heillos vergriffen. Und derart knallrosa Einbände kenne ich sinnigerweise nur noch von Bettines Busenfreundin: um die Gesamtausgabe der Günder(r)ode.

Die derzeitige Bettine-Gesamtausgabe, die sich immer noch mit dem Wort „Auswahl“ beschreibt, aber bis auf weiteres maßgeblich bleiben wird, ist ab 1986, ein Jahr nach dem Märkischen Dichtergarten, im Deutschen Klassiker Verlag in der Bibliothek Deutscher Klassiker erschienen und zählt vier Bände, die jeweils 80 bis 95 Euro kosten (in Leder: 142 bis 154) und deshalb nicht einmal von allgemein zugänglichen Leihbibliotheken erschwungen werden. Außerdem fehlen da drin sowieso der 1840er Märchenroman Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns — wahrscheinlich weil Frau von Arnim den in Koautorschaft mit ihrer Tochter Gisela geschrieben hat oder die Bibliothek Deutscher Klassiker sich zu fein für Kinderbücher ist oder man weiß es nicht — und die Gedichte.

Bettina von Arnim, posthum um 1890, anonymNach ihrem Schlaganfall 1854 ist Bettine erst wieder 1979 so richtig bekannt geworden: als die feministische Ikone Christa Wolf die hoffnungsvolle Dichterin, zugleich leider frühe Selbstmörderin Karoline von Günderrode als Figur in ihr Kein Ort. Nirgends anstellte und in Der Schatten eines Traumes in einem ausführlichen Essay vorstellte, den sie für Bettines frisierten Briefwechsel namens Die Günderode gut gebrauchen konnte. Auf einmal galten die Günderode, die nach dem Briefroman ganz unüblich mit ihrem Nachnamen genannt wird, und Bettine nach Christa Wolfs tiefschürfender Einführung weithin als protofeministische Ikonen. Das hat breitenwirksam funktioniert — so gut, dass Bettine mit ihrem posthumen und anonymen Jugendbild (um 1890 nach einem Medaillon von 1810, also 25-jährig) ab 1992 als Alibifrau für die letzte Serie der Fünf-DM-Scheine herhalten durfte. Dadurch hat sie es immer noch zu keiner anständigen Buchausgabe gebracht, aber so augenfällig wie keine andere Dichterin zu Geld — außer der protofeministischen Ikone Droste, die bis zuletzt auf dem Zwanzig-DM-Schein prangte, günderodeartig mit ihrem Nachnamen heißt, und deren Kaufhof-Ausgaben wir ein andermal in der Luft zerreißen wollen.

Also Die Sehnsucht hat allemal recht beschaffen. Hier ist Amazon.de nützlicher als alle lieferbaren Bücher und die gesamte Münchner Stadtbibliothek zusammen: Antiquarische Einzelstücke gibt es auf dem Marketplace ab 1 Cent plus 3 Euro Porto — und der Sortimentsbuchhandel wundert sich mit dem Bibliothekarswesen um die Wette.

Cover Bettina von Arnim, Gerhard Wolf, Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe. Gedichte, Prosa, Briefe, Märkischer Dichtergarten, Fischer 1985Der Marketplace-Händler verdient sich alle fünf von fünf möglichen Sternchen: Die 3,01 Euro fehlen sofort auf dem Konto, die Bestellbestätigung von Amazon.de kommt automatisch sofort, die vom Händler nach wenigen Samstagmorgenstunden, die Versandbestätigung ebenfalls am selben Samstagvormittag, nach keiner ganzen Woche die Büchersendung mitsamt ihrem rosa Buchdeckel und den zeitgenössischen Illustrationen wie beschrieben, für den einzigen Cent seit 1985 einwandfrei erhalten. Alle Achtung, zügiger wär’s nicht gegangen.

Alles andere denn eine Gesamtausgabe, klar, nichts anderes war versprochen. Das Nachwort, eine selbstverständlich grundsolide Dreingabe der stolzen Arbeiter und Bauern des Ost-Berliner Morgen, stammt von einem der Reihenherausgeber: Gerhard Wolf. Unter „Zu dieser Auswahl und zur Textgestaltung“ vermerkt er:

Bettina von Arnims Bekenntnisse zu Hölderlin entnehmen wir den Büchern „Die Günderode“ uns „Ilius Pamphilius und die Ambrosia“ in der Ausgabe „Bettina von Arnim — Werke und Briefe“, herausgegeben von Gustav Konrad (siehe Bibliographie), nach der wir auch die meisten hier versammelten wenigen Gedichte der Autorin wiedergeben.

Wenige Gedichte kann man wohl sagen. Zehn sind es an der Zahl — daunter auf Seite 12: tatsächlich das Sonett Eros — danke, Gutenberg-Projekt. Genauer wird der Kommentar allerdings nicht: Immer noch keine Sammlung, zeitliche Einordnung, Gelegenheit. Die Gesamtausgabe von Gustav Konrad ist, „siehe Bibliographie“, wurde herausgegeben von Gustav Konrad und Johannes Müller, in 5 Bänden, Frechen 1958–1963. Das müsste die maßgebliche vor der aktuellen beim Deutschen Klassiker Verlag gewesen sein; vorher gab’s noch eine in satten 7 Bänden von Waldemar Oehlke, Berlin 1920–1922, das war’s.

Das reicht aber nicht. Weder gibt mir jemand eine Garantie, dass in einer Gesamtausgabe der Adenauerzeit die Gedichte der kleinen Schwester eines verachteten Romantikers getreulich nachgewiesen sind, noch bin ich in einer realistischen Lage, sie zu beschaffen — siehe Sortimentsbuchhandel und Bibliothekarswesen; das ist der Punkt, an dem mich auch der Marketplace von Amazon.de im Stich lässt, auf dem immerhin ab und zu der Weimarer Sophien-Goethe auftaucht. Nur um die Lücken in der aktuellen Ausgabe festzustellen, die ein halbes germanistisches Monatsgehalt kostet, war meine Lage offenbar realistisch genug.

Ist das erbärmlich von mir? Oder vom Buchhandel — wer auch immer in dieser Eigenschaft anzuklagen wäre? Von der Literaturwissenschaft? Vom System? In irgendeinem Archiv, sei es in Berlin, Wiepersdorf, Marbach oder anderswo, lagert das Manuskript; schließlich muss das Gedicht irgendwoher in die Ausgabe von Gustav Konrad und Johannes Müller hineingeraten sein, und wie man hört, sind noch viel mehr Gedichte zu erschließen.

Bettina Brentano wurde 1785 geboren und hieß ab 1811 nach ihrer Hochzeit mit Achim von Arnim, dem besten Freund ihres Bruders Clemens, Bettina von Arnim; ob man sie Bettina oder Bettine nennen soll, ist eine Entscheidung aus biographischen Details. Ihr Sonett Eros handelt für damalige Verhältnisse reichlich unverschlüsselt von eigener sexueller Erfahrung und dürfte mithin zwischen der Hochzeit am 11. März 1811 und dem 21. Januar 1831 entstanden sein, nachdem Bettine Witwe wurde — und bevor sie, mit 46 Jahren so sozial- wie selbstbewusst und autonom geworden, als Schriftstellerin hervortrat. Ihr Sexualleben, man mag von diesem lebenslang entzückenden und verstörenden großen Mädchen ansonsten halten, was man will (ich mag sie), erstreckt sich wohl nach keiner Seite über diese zwanzig Jahre hinaus und steht von ihrem Schreiber- und Revoluzzerleben streng getrennt. Das Paar lebte die meiste Zeit in Fernbeziehung zwischen Berlin und dem Brandenburger Gut Wiepersdorf, das Sonett liegt also der jungverheirateten Dichterfreundin und bis dahin 26-jährigen Jungfrau von 1811 näher als der nicht mehr richtig blutjungen Gutsverwaltersgattin mit siebenfachem Kindersegen von 1831.

Um das herauszufinden, hätte es allerdings weder eine Gesamtausgabe noch eine Gedichtauswahl gebraucht, dafür reicht Wikipedia in den Absätzen, in die man nicht einmal hinunterscrollen muss. Egal, das Buch ist seinen Cent wirklich wert. Und außerdem, jetzt kann ich’s ja sagen, immer noch bei Insel.

Eine andere erreichbare Stelle als das etwas umständlich erworbene, aber für Centbeträge oder unter Buchpreisbindung in jedem Buchladen Ihres Vertrauens innerhalb 24 Stunden lieferbare Die Sehnsucht hat allemal recht und einige rosenumrankte Internetseiten fällt mir nicht ein. Die schönste von den letzteren war die schlichteste: im verdienstreichen Fulgura Frango, Robert Wohllebens digitalen Fachblatt für „Sonettwesen & andere Excentricitäten“. Eine gewisse Gabriella La Crimosa Wollenhaupt, mutmaßliche Amateurdichterin gleich Bettine zur Zeit ihres Sonetts, hielt offenbar zumindest anno 2003 ebenjene Bettinen-Auswahl in Händen, fand das Sonett und machte das Schönste daraus, was dereinst als eine Art geistige Sportart unter gebildeten Menschen galt: Sie wand einen Sonettenkranz daraus, der jeder kleinen Schwester von großen Dichtern würdig ist. Wenn schon sonst nichts an Erkenntnis herumkommt als eine ausgeuferte Anklage von Missständen, gebe ich ihn unten hübsch zurechtgemacht wieder. Immerhin verstehe ich so den ganzen Blumenschmuck um ein Gedicht, das sich nicht anders festnageln lässt.

Gabriella La Crimosa konnte 2003 sehr viel unverblümter auftreten, als es sich Bettine zwischen 1811 und 1831 leisten durfte, und schlägt sich wacker bei ihrem anspruchsvollen Dichtwerk. Was ein Sonettenkranz ist, wird in Wikipedia erschöpfend erklärt und in Omnipoesie anschaulich dargestellt. Pippi Pumuckl aus Berlin, die mir freundlicherweise ihre neckische Bilderserie ausleiht, meint dazu: „Mir fällt gerade auf, wie lange ich schon keine Gedichte mehr gelesen habe.“ Danke, die Damen Gabriella La Crimosa und Carolin — und natürlich Bettine!

——— Bettine von Arnim: Eros, zwischen 1811 und 1831;
hier: Meistersonett:

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten,
Die taugebrochnen Strahlen schmeichelnd gleiten
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten
Und durch der Biene Summen, die zuzeiten
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben,
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen.

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken,
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben,
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

——— Gabriella Lacrimosa Wollenhaupt: Eros-Sonettenkranz,
abgeschickt 27. April 2003, 13:48:42 Uhr:

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, MondayEros (1)

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Fast nicht zu sehen unter soviel Lidern,
Im Widerspruch nicht zu zergliedern.
Der Schutz der Nacht ist fort geflossen.

Wie kommt ein Gott in meine Kissen?
Hat ihn die Lust etwa dorthin gebracht?
Und ich hab‘ einfach da so mitgemacht?
Ich frag ihn jetzt, ich muss es wissen.

Bellezzo, sag ich, leih mir mal dein Ohr:
Kann denn ein Gott wie du mir Lust bereiten?
Hab ich geöffnet dir mein Himmelstor?

Ich will ja kein Gerücht verbreiten,
Sagt Eros, lacht, und zeigt die Brust hervor
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten.

Eros (2)

Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten
Tritt Aphrodite an das Bett der Rosen:
Verdammter Lüstling, wo sind deine Hosen?
Lässt du dich nur von Wollust leiten?

Bellezzo lächelt seine Mutter eitel an,
Die Kohlenaugen schleudern Funkenglut:
Ich kann halt lieben nur – und das mit Mut
Im Götterreich ist lange Weile wieder dran.

Die Göttin mustert mich. Will mich verstecken.
Lässt ihren Blick streng über meinen Körper reiten.
Versuche hektisch, mich mit Rosen zu bedecken.

Gott Helios spannt an – will mich dazu verleiten
Eros zu küssen – damit in seine exquisiten Ecken
Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, TuesdayEros (3)

Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten
In jede feine Falte seiner bronzefarb’nen Haut.
Auf der hat sich jetzt süße Hitze angestaut
Die Göttin ärgert sich und wird sich vorbereiten,

Den schönen Sohn mir aus dem Bett zu scheuchen.
Nur weil sie mir kein geiles Spielzeug gönnen will,
Mir Erdenfrau! Ich werde wütend und bin nicht mehr still
Lass manches Schimpfwort meinem Mund entfleuchen.

Der Sonnengott lässt lachend seine Pfeile prallen.
Jetzt peinigt mich die Göttin auch noch mit Geschossen!
Das Sahneteil im Lotterbett beginnt debil zu lallen.

Du bist ganz ruhig!, sag ich ihm ziemlich unverdrossen.
Tret hin zum Rosenbett und lass mich einfach fallen
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Eros (4)

Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen
Lieg ich jetzt steif an seiner Gottesbrust.
Er ist zwar schön, doch hab ich keine Lust
Auf ihn. Hab oft genug so frisches Fleisch genossen,

Das noch im Laden konnte meine Gunst sich rauben.
Doch immer schwerer wurde in der Einkaufstüte
Dass später nicht einmal der Wunsch mehr in mir glühte
Ihm lustvoll die Verpackungen vom Leib zu klauben.

Ich heb das Haupt und blicke auf die eitle Aphrodite
Und frage mich, was in der Nacht, die ja verflossen
Wirklich geschah. Er wär kein Mann, wenn er’s verriete.

Ich weiß nur noch, dass ich naiv und unverdrossen
Ihm Obdach gab, weil seine Gelder für die Miete,
Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, WednesdayEros (5)

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die müden Glieder, seine und auch meine.
Wir schliefen nur, und Liebe gab es keine
Da uns’re Seelen waren weggeflossen.

Doch neben einem echten Gott zu liegen
Besonders, wenn er schweigend bleibt
Und sich am Morgen nett die Augen reibt
Ist einfach schön und schwer zu kriegen.

„Hör zu, du schwarzgelockter Liebesgott,
Ich werd‘ dich jetzt hinausgeleiten
In diese Erdenwelt voll Hohn und Spott,

Dort, wo ein Sturm dich kann begleiten.
Du liegst noch flach? Dann heb jetzt flott
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten.“

Eros (6)

Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten,
Sie liegen matt in meinen weichen Kissen.
Die Rosenblätter knicken hin in klarem Wissen,
Dass ihnen Eros wird den Tod bereiten.

Ich will den Gott jetzt aus der Hütte kriegen,
Trotz seiner präsentablen Männlichkeit.
Ich rechne nicht mehr mit viel Widerstreit.
Doch er bleibt leider schwer im Bette liegen.

Ich muss jetzt doch mit seiner Mutter reden,
Sie muss den trägen Sohn drauf vorbereiten:
Denn mit ’nem Liebesgott kann ich nicht leben.

Hab keine Lust, nur Süße zu verbreiten!
Die Göttin stutzt, will ihre Stimme grell erheben:
„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten..?“

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, ThursdayEros (7)

„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten …?“
Doch Aphrodite fehlen immer noch die Worte,
Bei denen auch manch Dichter sich am Orte
vergeblich mühte. Es sei denn, er ließ‘ sich verleiten

Die fehlende Idee durch Pfusch perfekt zu machen,
Was nicht besonders göttlich scheint.
Die strengen Musen nämlich sind vereint
Um über Ebenmaß und Form zu wachen.

Die Biene tändelt trunken durch den Flieder.
Sie ist – warum? – zum Stich entschlossen
Und schändet Liebesgottes schöne Glieder.

Der Gottesmutter Miene ist total verdrossen:
Sie killt den dreisten Flieger, bevor er wieder
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Eros (8)

Vorüberstreift an zitternden Geschossen
Mit Eleganz und harschem Peitschenknall:
Es ist Gott Ares auf der Fahrt durchs Weltenall
Er ist der Vater und er hat beschlossen

Den Widerspruch in seinem Sohn zu kitten,
Das Honigblut mit strengem Mut zu mischen,
Und die Kritiken vom Olymp so zu verwischen,
Dass Götter nicht mehr um den Eros stritten,

Der immer wieder heiter die Gesetze bricht.
Eros steht stramm, will Ares nicht verprellen,
Der greift nach meiner Hand, und ich merk nicht,

Dass Kriegsgotts Miene beginnt aufzuhellen,
Und seine Lippen kosen zärtlich mein Gesicht
Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, FridayEros (9)

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
schöne Musik aus fernen, lyrischen Gefilden
Die Kriegerrüstung bricht entzwei – es bilden
Sich nun Wolkenschäfchen über klaren Quellen.

Ich seh in Ares‘ stahlverzinkte, blaue Augen,
Die herrisch, grausam und verdorben denken
Und fange an, mich tief in ihnen zu versenken
Und wie ein Wurm in seine Seele mich zu saugen.

Er lässt es zu. Und Eros fängt laut an zu lachen
Und schmäht den Vater. Ich fang an zu loben
Des Kriegsgotts Fähigkeit sich sanft zu machen.

Mein Körper ist mit seinem jetzt verwoben
Der Himmel tut sich auf – ich hör erwachen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben.

Eros (10)

Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben
Mein Inneres bricht auf durch warmen Regen
Entfaltet sich und kann sich nun bewegen
Und wird schon in die Ewigkeit verschoben,

Im Takt der überschweren Wolkengüsse.
Der kleine Eros schaut den Vater an
Begreift, dass dieser doch mehr kann
Als nur der Welten übervoller Flüsse

Durch Ruderschlag den Takt zu rauben.
Er labt sich an den wilden schönen Stellen
Wie eine Lerche beim Sichhöherschrauben.

Ich lasse meine Zunge heftig tiefer schnellen
Und heb den Blick und kann es noch nicht glauben:
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen!

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SaturdayEros (11)

Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen,
Den safrangelben Berg der Berge in der Sonne
Als ob sich Gold mit Heiterkeit versponne,
Und sich die Wollust in den schönen Quellen

Scharf widerspiegle, um mein Auge zu erquicken.
Jetzt steht der Eros bei der Mutter – nichts am Leibe
Und blickt empört, was ich mit seinem Vater treibe
Es stört mich nicht, denn ich will Ares doch nur ERFREUEN.

Er nimmt die Peitsche, ich benutz die Sporen.
Das Ziel vom Berg hat uns jetzt zugewunken!
Wir sind zu schnell und haben Takt verloren,

Der Wind in meinem Haar schlägt Funken
Er greift die Zügel, stoppt uns unverfroren:
Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.

Eros (12)

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.
Und die Gedanken sind wie Spinneweben
So klebrig-zart und voller Zappelleben,
Das einstmals munter saß in den Spelunken,

In denen Menschenkinder ihre Zeit verschwenden.
Die einen saufen, andere streiten, spielen Karten
Noch andere wollen Liebe, doch sie alle warten
Sich jenem seltnen Augenblicke zuzuwenden,

An dem ein starker Gott sie in die Höhe hebt.
Auch ich fühl mich ins Blaue jetzt geschoben
Von Ares, der mit mir in unbegrenzte Reiche schwebt.

Ich lass es zu. Will Spielball sein, der hochgehoben
Wird und dennoch weiß, dass jener weiterstrebt
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SundayEros (13)

Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben
Und seine Schwermut mich zu trinken zwang.
So bittres Zeug! Doch wild und stark. Es drang
In meinen Mund und ich bin zielvoll losgestoben

Nicht zum Olymp. Ich fand die lyrischen Gefilde,
Die mehr Erfüllung bringen als die satten, übervollen
Götterwiesen, auf denen dumme Menschen tollen.
Ich küsse Ares zart und setz ihn dann ins Bilde,

Dass ich muss fort. Will nicht mehr länger bleiben
Bei diesen dummen Götterspielen. Und tief versunken
Entdecke ich dein Zeichen hinter blinden Scheiben.

Die Zeit ist reif! Noch schnell den Göttern zugewunken.
Ich nehm die Rosen und beginn das Glas zu reiben:
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

Eros (14)

In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.
Er ist kein Gott voll Schönheit und Esprit
Die Welt, in der er lebt, ist keine Phantasie
Mit grellen Wesen, Geistern und auch Unken

Und diesen weißen Pferden mit dem Solohorn.
Ja, sterblich zwar, doch warm und weich
Nicht göttlich sein, sondern im Leben reich,
Nur für die Liebe, nicht die Macht geborn.

Ich ziehe seinen Kopf an meinen Busen:
Die Augen sind in tiefer Ruh geschlossen
Ich küsse seine Lider und beschwör die Musen

Dass sie ihn wecken, meinen Bettgenossen.
Denn ich will endlich mit ihm schmusen:
Im Bett der Rose lag er eingeschlossen.

Traume-trunkenes Belohnungslied: Evelyn Evelyn: Have You Seen My Sister Evelyn?, 2012.

Bilder: Carolin „Pippi Pumuckl“ Gutt: 7 Days a Week, 19. bis 21. Juli 2014:
On Monday I’m your bunny!;
Tuesday you work hard for me!;
Wednesday, we sway!;
On Thursday I’m too sleepy!;
Friday takes the Heartache away!;
Saturday, I’ll do my „Good-Wife-Dutie“!;
… and Sunday, I pretend virginity!

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Written by Wolf

21. August 2014 um 00:01

2 Antworten

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  1. Du könntest es ahnen – ich hab „Die Sehnsucht hat allemal recht“ natürlüsch in der Morgen Verlag-Ausgabe. ;o) Und zwar schon so lange, dass ich sie irgendwie vergessen hatte, ich musst‘ erstmal ’ne halbe Stunde kramen, eh ich die gefunden hab. Das ist fein – und Glückwunsch zum fischerübernommenen Schnäppchen.

    Ich find sowieso deine literarischen Anstupser sehr anheimelnd, wie auch zum Bleistift den zur Gritta von Rattenzuhausbeiuns. Die stromert bei mir irgendwo als Einzelausgabe noch aus meiner Frühzeit rum und mir fiel ein, dass sie ein recht innig kindliches Leseerlebnis war – als ich noch gar nicht hingeguckt hab, ob eine Bettina von Arnim ihre Schreibfinger da drin hatte. Die Erinnerung war fast so ein kulturhaltiges Aha-Erlebnis wie vor einzweidrei Jahren die Entdeckung, dass der Bad Muskauer Pückler-Fürst seinerzeit mit ihr rumgeflirtet hat. (Außerdem wissen wir, dass sie durch die Gnade früher Geburt über dem zitierten Neu-Eros-Sonettenkranz nicht mehr erröten kann.) Und es geht noch weiter (hey, was du alles kennst! :o) ): Uiii… in Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends“ wurde die Günderrode angestellt? Muss wohl auch schon wieder ’ne ganze Weile her sein, dass ich das durchgeschmökert hab, ich dachte sogar, ziemlich drein vertieft. Offensichtlich nicht vertieft genug, das noch zu wissen. Da gucke, was man alles von dir lernen kann. Sogar, dass Frau Ch. Wolf eine feministische Ikone sein soll. ;o)

    Was wollt ich doch nochmal sagen? Ach ja… egal, wie viele oder wie wenige Leuts in dein Weheklag reinlesen oder nicht, egal wie groß oder klein darob deine Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Unternehmung manchmal sein wollen: zweifle nicht! Solche wie mich bringst du mit deinen Traktätchen dazu, ihre Bibliotheken zu entstauben, endlich mal wieder liebevoll in ihren halbvergessenen Schätzchen rumzusortieren und Aufhebbares wiederzufinden. Das ist viel und tut gut im meist so flüchtigen Alltags-Blabla. Danke Wolf.

    hochhaushex

    25. August 2014 at 07:05

    • Da hätte man draufkommen können, wen man nach dem Sehnsuchtsbüchel hätte fragen können. Na schön, hab ich halt außer den Günderodischen noch ein rosa Buch .ò)

      Christa Wolf als feministische Ikone hab ich im Kopf seit Kassandra, auchschonwieder von 1983: „Sie entscheidet sich für ihre Autonomie und damit für den Tod, indem sie Aineias nicht folgt. Hierin zeigt die Erzählung deutlich feministische Tendenzen.“ — na, immerhin :o) Da war ich zu jung und zu patriarchalisch sozialisiert, um auf umschlagsbilderlose Luchterhand-Langweilereien abzufahren, aber das war ein ziemlich präsenter „Spiegel“-Bestseller in den Buchhandlungen. Das war der Herr der Ringe aber zur gleichen Zeit auch .ò)

      Und beiläufig danke für die Ermunterung. Für irgendwas wird’s schon gut sein, hm? :o)

      Wolf

      25. August 2014 at 13:10


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