Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Barfußwochen 07: Wenn man Schuh anhat

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Update zu Barfußläufte:

Deiner Phrasen leeres Was | Treibet mich davon,
Abgeschliffen hab ich das | An den Sohlen schon.

Divan, Buch des Sängers: Derb und tüchtig, 1819 ff.

Sag’ mir das nicht, du hast’s in alten Tagen
Längst an den Sohlen abgetragen;
Doch jetzt, dein Hin- und Wiedergehn
Ist nur um mir nicht Wort zu stehn.

Faust II, Vers 6177 f., 1832.

Nick Endegor, Das Geheimnis, Louvre, Mai 2013Das ist jetzt ein Fundstück, auf das ich mir nicht wenig einbilde. Wirklich zugänglich ist es erst geworden, seit der Deutsche Klassiker Verlag in breitenwirksamer Auswahl bei Insel in Taschenbücher übergeht, darunter Teile der Frankfurter Goethe-Ausgabe. Und selbst darin steht die unten folgende Skizze im Band 5 mit den klassischen Dramen ganz hinten, kurz vor dem Kommentar — übrigens von Dieter Borchmeyer — unter „Kleinere dramatische Fragmente“, als erste von vieren, von denen keine die Stärke einer ganzen Druckseite erreicht. Vorher stand sie nur in der Frankfurter und natürlich in der Weimarer Ausgabe, in der alles von Goethe steht, die aber nicht gleich jemand daheim stehen hat.

Für Goethes Begriffe ist das eine ungewöhnlich volksnahe, aus dem Leben gegriffene Szene, die er zur eventuellen weiteren Verwendung 1774 zusammen mit weiteren Gedanken und Notizen auf einem Konzeptpapier in Quartformat festgehalten hat. Dasselbe wanderte mit Goethes Nachlass ins Archiv und wurde erst 1897 mit dem Abdruck im Lesartenverzeichnis zu Band 38 der Weimarer Ausgabe publik — Rubrik „Späne“.

Auf diesem Quartbogen fehlt die Überschrift „Magd Frau Bäurin“, allerdings existiert ein älteres Notizblatt — mit der Überschrift (ohne die Kommata), die allerdings auch nur als Szenenanweisung gedacht sein kann, mit kleinen Abweichungen und ohne die ersten zwei Sätze. Nach den Grundsätzen der Frankfurter Ausgabe gehören die Überschrift und diese zwei Sätze zur Fassung letzter Hand.

Nick Endegor, Psyche, Louvre, Mai 2013Der apokryphe Quartbogen ist laut Borchmeyers Kommentar datiert mit „(1)4. 10. 1774“, die Niederschrift muss deshalb diesem Datum vorausgehen, ein ausgesprochener Glücksfall fürs Eingrenzen der Entstehungszeit. Ein weiterer Hinweis führt uns auf einem nicht unspannenden Weg zu Goethes Mutter und vorweimarischen Biographie:

Goethe erzählt im 18. Buch von Dichtung und Wahrheit […]:

Zu meiner Mutter machte sich ein eigenes Verhältnis; sie wußte in ihrer tüchtigen graden Art sich gleich ins Mittelalter zurückzusetzen um als Aja bei irgend einer Lombardischen oder byzantinischen Prinzessin angestellt zu sein. Nicht anders als Frau Aja ward sie genannt und sie gefiel sich in dem Scherze.

Nun steht diese Äußerung zwar im Umkreis des Besuchs der beiden StolbergBrüder vor der Schweizer Reise. Die Zeit, von der erzählt wird, ist demnach der Mai 1775; aber es besteht keine Notwendigkeit, die erstmalige Bezeichnung von Goethes Mutter als „Frau Aja“ auf dieses Datum zu fixieren, wie es in der Weimarer Ausgabe geschieht, die deshalb trotz des oben angegebenen Datums die Entstehungszeit des Fragments wesentlich später ansetzt. tatsächlich wurde die Mutter bereits am 20. 7. 1774 im Ausgabenbuch des Vaters [d. h. sogar von ihrem eigenen Mann] „Frau Aja“ genannt. Dies paßt genau zur Datumsangabe auf dem Quartbogen. Da es sich bei der Szene aber bereits um eine Übertragung von einer älteren Vorlage handelt, muß der Entstehungszeitpunkt noch um einiges nach vorn verlegt werden, wahrscheinlich auf den späten August 1774 [d. h. um Goethes 25. Geburtstag], wo Goethe — soeben von der Lahn-Rhein-Reise nach Frankfurt heimgekehrt — angesichts seiner Fußmärsche mit Lavater und Basedow die Feststellung Dorthes [aus dem Fragment] wohl am eigenen Leib verspürt hat: „Es ist kurios, daß man sich die Füß aufgeht, wenn man schuh anhat und nit wenn man barfüßig geht.“ Geht man von der hier vorgeschlagenen Datierung aus, gehört das Fragment also zu den vorweimarischen Dichtungen.

Es ist eine stark für den sonst so unnahbar olympischen Dichter einnehmende Vorstellung, wie er barfuß durch die Schweiz tapst. Der mütterliche Spitzname „Frau Aja“ bezeichnet, aus dem Spanischen oder Italienischen übernommen, eine Erzieherin oder Hofmeisterin. Geläufig war er der Familie Goethe am wahrscheinlichsten aus dem Volksbuch Die vier Haimonskinder, in dem ebenfalls die gütige, vermittelnde Mutter so heißt.

Der sachte sozialkritische Akzent, den man in dem Fragment wahrnehmen mag, ist auch eher für den Stürmer und Dränger, nicht den klassischen Weimaraner Goethe typisch, als er sich noch gern über den Kommerzialismus in seiner Vaterstadt mokierte. Ich gebe es nach der Frankfurter Ausgabe, die ihrerseits nach der Weimarer Ausgabe zitiert, so vollständig wieder, wie ein Fragment sein kann.

——— Goethe: Magd, Frau, Bäurin, kurz vor 4. oder 14. Oktober 1774,
cit. Frankfurter Ausgabe, Band 5, 1988:

Frau Aya Herr Jes Maidel ihr lauft bei dem Wetter in bloßen Füßen werdt ihr nicht krank

Bäurin Ja meine andern sind zer[rissen] beim Schuhflicker ich hab nur ein Paar

Dorthe Es ist kurios daß daß man sich die Füß aufgeht wenn man Schuh anhat und nit wenn man barfüßig geht.

Frau A ihr nach auf die Füße sehend: Wenn ihr die zerreißt so laß ich euch ein Paar neue machen

Baur Vergel[ts Gott] das wird ihnen Gott vergelten

Dorthe Und wenn mer barfüßig geht so geht mer sie nit auf.

Bäurin Ihr lauft eure Sohlen ab, Wir laufen uns Sohlen an. — Ja so was hat eben unser Herr Gott für die armen Leut erfunden

Nick Endegor, Nymphe, von einem Skorpion gestochen, Louvre, Mai 2013

Marmorbilder: Nick Endegor im Louvre, Paris: Mramor Luwra, Mai 2013.

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Written by Wolf

11. Juli 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

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