Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Durchgezittert, durchempfunden

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Update zu Der Drang zum Sturm:

Lenz hat schon vor seinem Ableben vor 222 Jahren nicht mehr so richtig eingeschlagen, die Jubiläumsfeierlichkeiten zu Shakespeare sind abgeebbt — wahrscheinlich weil er uns ohnehin seit über vier Jahrhunderten „die Stücke schreibt“ (Heiner Müller). Wie sehr muss da erst ein Rollengedicht von Lenz über und sogar mit Shakespeare einschlagen.

Gar nicht, aber egal. Die hamleteske Illustration ist eine Show für sich, und das Gedicht seit Lenzens erster Gesamtausgabe von Ludwig Tieck (jawohl: dem Tieck) 1828 erst wieder 1987 von Sigrid Damm erschlossen.

Der erwähnte David Garrick war zu seiner Zeit eine Art Laurence Olivier, Orson Welles und Kenneth Branagh auf einmal: Wer Shakespeare nicht mit dem gesehen hatte, hat ihn überhaupt nicht gesehen. Die offizielle Begeisterung für ihn geht auf eine Schilderung von Georg Christoph Lichtenberg vom Juni 1776 zurück (die wir vielleicht an dieser Stelle noch drannehmen), von der Lenz unmittelbar angeregt sein könnte — aber im Sturm und Drang war sowieso jeder bildende und darstellende Künstler von Garrick pflichtgemäß begeistert, und von Shakespeare erst recht.

Unklar bleibt die Interpretation, über die sich selbst Sigrid Damm ausschweigt: Ist das eine aufrichtig gemeinte Huldigung oder eine wohlwollende Parodie? — Es folgt eine in originaler Schreibung belassene, typographisch lesbar gemachte Fassung nach Tieck.

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Shakespeares Geist
ein Monologe
,

um 1776, Erstdruck in Ludwig Tieck (Hg.): Gesammelte Schriften von J. M. R. Lenz, G. Reimer, Berlin 1828,
danach in Karl Weinhold: Gedichte von J. M. R. Lenz. Mit Benutzung des Nachlasses Wendelins von Maltzahn, Berlin 1891,
Handschrift verschollen:

Der Schauplatz das Theater zu London. Die Coulissen mit einer Reyhe Bogen bemahlt, aus der eine unzähliche Menge Köpfe hervorguckt. Im Grunde die spielenden Personen der Gespensterscene in Hamlet. Garrick spielt. Shakespear tritt herein.

Wie? welche Menge? welche Stille?
Als wärens Geister. Welche Grille
Bezaubert diese tausend Köpfe?
                              Ich?
Mein Hamlet? Mein Stück!
Welch ein unerwartetes Glück!
Hamlet vor mir!
               Gott! – Schafft dein Schicksal
Menschen nach? Realisirt
Was ich in unvergeßlichen Stunden
Durchgezittert, durchempfunden
In meiner Seele aufgeführt?
O welch Herablassen! deinem Affen
Würdigst du Vater! nachzuerschaffen. –

Meine Shakespears! Ihr schenkt mich mir wiederum,
Liebes, liebes Publikum.
Guckt nur! bis ihr seht was ich sah
Als die Offenbarung mir geschah.
Bis Euer Puls so fliegt, euer Leeben erhitzt
So das Augenlied schwingt, bis euer Auge blitzt
Voll unaussprechlicher Verlangen
Die sich Luft machen auf den Wangen.
O ihr alle Shakespears an diesem Abend, alle
Meine Kinder! meine Wiederhalle!
Bleibt nur den Abend so – darnach laß ich euch loß,
Darnach werdt ihr wieder gewaltig und groß,
Seht hinaus über mich, könnt wieder mich schreyen
Könnt mir ins Angesicht speyen
Critik, Galle, Zorn,
Könnt, mich zu höhnen
Mich krönen
Mit Dorn,
Könnt ihr armen Ehrgeitzigen
Meinethalben mich kreutzigen:
Hatte mein Gott, dessen Erdenkloß
Ich nur bin doch kein beßer Looß,
Hat euch doch ewig seelig gemacht
Da ich euch nur um zwey Stunden gebracht.

Bleibt die zwey Stunden nur so – liebe Ichs
Liebe Shakespears! – Gott! wie beseeligt mich’s
Dis Dein Gefühl, Urquell aller Gaben!
Menschen mich mitgetheilt zu haben.

Diese zwey Stunden nur – genug! –
Nun zu Gott zurück mein Flug!

               Verschwindt.

Hamlet, E Morizat, 1947

Hamlet vor mir: E Morizat, 1947.

Where Have All the Flowers Gone?: Pete Seeger, 1955, deutsch von Max Colpet 1965.

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Written by Wolf

6. Juni 2014 um 00:01

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