Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Des Maies Wonneschlingen

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——— Walther von Klingen: Frühlingslied
nach Johann Jacob Bodmer (Hg.): Sammlung von Minnesängern aus dem schwäbischen Zeitpunkte,
1. von 2 Bänden, Zürich 1758 f.:

Swie diu zît sich wil verkêren Sêren
Muoz daz sende herze mîn
Wil mîn frouwe mich niht êren Mêren
Muoz mîn senelicher pîn
Frouwe ir tuont mir helfe schîn
Frouwe ir solt mich froeide lêren
Als ich muoz verdorben sîn.

Der Klangreim kommt vor allem im späteren Minnesang, in den Formspielereien des Barock und dann wieder in den mittelalterlichen Rückbesinnungen der Romantik vor. Ich will jetzt nicht apodiktisch behaupten, dass Brentano, als er die Minnesang-Sammlung von Bodmer übersetzen und in ähnlicher Weise wie Des Knaben Wunderhorn aufpolieren wollte, das souveränste Reimmuster seit Erfindung des Reimmusters gelungen ist — aber ein noch souveräneres als in der ersten Strophe fällt mir auch nicht ein. Eigentlich sind es siebenzeilige Strophen, weil die vierten Verse jeweils viel zu lang und binnengereimt sind, das sind sowieso immer die raffiniertesten. Und natürlich wirkt das künstlich.

Siehe auch: reicher Reim, Schlagreim, Inreim, Mittenreim:

——— Clemens Brentano: An Bettine, März 1802,
Erstdruck in Bettina von Arnim: Clemens Brentano’s Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst schriftlich verlangte. Erster [de facto: einziger] Band, Charlottenburg 1844:

Ach ich sehe immer nach Deinem Bilde hin, und bin unendlich einsam, da hab ich gestern zwei Lieder geschrieben für Dich.

Wie sich auch die Zeit will wenden, enden
Will sich nimmer doch die Ferne,
Freude mag der Mai mir spenden, senden
Möcht‘ Dir alles gerne, weil ich Freude mir erlerne,
Wenn Du mit gefaltnen Händen
Freudig hebst der Augen Sterne.

Alle Blumen mich nicht grüßen, süßen
Gruß nehm‘ ich von Deinem Munde.
Was nicht blühet Dir zu Füßen, büßen
Muß es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde,
Bis Du mir mit frohen Küssen
Bringest meines Frühlings Kunde.

Wenn die Abendlüfte wehen, sehen
Mich die lieben Vöglein kleine
Traurig an der Linde stehen, spähen
Wen ich wohl so ernstlich meine, daß ich helle Thränen weine,
Wollen auch nicht schlafen gehen,
Denn sonst wär‘ ich ganz alleine.

Vöglein euch mags nicht gelingen, klingen
Darf es nur von ihrem Sange,
Wie des Maies Wonneschlingen, fingen
Alles ein in neuem Zwange; aber daß ich Dein verlange
Und Du mein, mußt Du auch singen,
Ach das ist schon ewig lange.

Das erwähnte zweite Lied war Am Berge hoch in Lüften.

Hannah Amodeo, You Can't Ride In My Little Red Wagon, 22. September 2010

Was nicht blühet Dir zu Füßen: Hannah Amodeo: You Can’t Ride In My Little Red Wagon,
22. September 2010.

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Written by Wolf

10. Mai 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Land & See

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