Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der Drang zum Sturm

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Update zu The Little Lower Layer,
And then dreams he of cutting foreign throats,
Die einen sagen so, die andern so und
Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, Linné und Gott (und Uma Thurman)
aus Moby-Dick™ und aktualisierte Wiederveröffentlichung:

Das Jahr von William Shakespeares 450. Geburtstag wurde von keiner Seite zum Shakespeare-Jahr gewidmet — was daran liegen mag, dass nur der 26. April als Tag seiner Taufe feststeht. Ist man in Deutschland von Bach-, Goethe- und Mozartjahren gewöhnlich schon im vorausgehenden Advent genervt, wird der runde „Schäkespears Tag“ (Goethe) kaum in England wahrgenommen. Der Fairness halber: Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft tut zu ihrem eigenen 150. Geburtstag, was sie kann, und sie kann es in München, wo sie in den ehemaligen Räumen des Lyrik-Kabinetts ohnehin die Shakespeare-Forschungsbibliothek führen.

Gut so, das verschafft uns Gelegenheit, ihn auf unsere eigene Weise zu feiern: Setzen wir ihn in Beziehung zu unseren eigenen weltlichen Haus- und Regionalheiligen, damit kann ohnehin schon kein Mensch jemals fertig werden. — Das Phänomen Shakespeare existiert für Deutschland seit der Aufklärung.

Brooke Denton, Ophelia, 31. Juli 2011Shakespeare höchstselbst (Lebenszeit von 1564 bis 1616, was in in die deutsche Renaissance fällt; der Barock winkt schon) ist schon fast kein toter Schriftsteller mehr, der einst auf Erden wandelte, einem Gewerbe nachging und nach seinen Fähigkeiten Spuren hinterließ, sondern eine Art Naturgewalt. Die Diskussion darüber, welche von seinen Zuschreibungen tatsächlich auf ihn selbst gehen, hält an. Gestorben ist er 1616, seine große Zeit hatte er allerdings erst ab etwa 1762. Da ging nämlich die wichtige Zeit in der Literatur los: In Deutschland Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik, Romantik; in England und Amerika die Entsprechungen dazu, jeweils einige Jahre vorweggenommen. Alles davor war Barock, Renaissance und noch Antikeres, und da oblagen die Geistesgrößen dem christlichen Glauben, der seine kulturelle Berechtigung hat, und die Kunstschaffenden dem Ehrgeiz der gottgefälligen Erbauung, jedenfalls weder einer Wissenschaft noch einem Qualitätsbegriff im heutigen Verständnis. — So grob dürfen wir vereinfachen, solange wir uns bewusst bleiben, dass wir grob vereinfachen.

Deutschland, der seit seinen Wurzeln der Spätantike nie so ganz eins und einig gewordene Flächenstaat, ist ja nicht in seinen wenigen Metropolen, sondern in der Provinz am stärksten und ganz bei sich. Christoph Martin Wieland, den wir zur Aufklärung rechnen, übersetzte ab 1762 tief im Schwäbischen als erster Shakespeare ins Deutsche. Um das Gesamtwerk zu übertragen, ist er zu früh gestorben, aber er hat die meisten Dramen geschafft, noch nicht die Gedichte und Sonette, und zwar etliche Jahrzehnte vor Schlegel, Tieck und Kollegen, von deren allgemeingültig gewordener Gesamtübersetzung man gerade erst im jungen Jahrtausend zaghaft abrückt. Die Kuriosität dazu: Das erste Shakespeare-Stück auf Deutsch wurde 1761 im Komödienhaus zu Biberach aufgeführt: Wielands Übertragung von Shakespeares sinnigerweise letztem, zugleich maritimsten Stück Der Sturm.

Der Wieland-Shakespeare existiert heute in ein paar besserwisserischen Studienratsausgaben. Natürlich hatte ich nach deren Neuausgabe als erster so eine, und ich finde ihn stellenweise sogar schöner als den Schlegel/Tieck aus dem kollektiven Gedächtnis. Wielands Leistung war, Shakespeare erfolgreich in Deutschland zu verbreiten. Für Erscheinungen ab Goethes Werther-Roman 1774 wird der moderne Begriff des Bestsellers gebraucht, in die gleiche Zeit fällt die deutsche Entdeckung Shakespeares. Den machte Wieland zum Allgemeingut.

(Man mag sich das spaßeshalber auf heutige Verhältnisse übertragen vorstellen: Ein vor einem geschlagenen Vierteljahrtausend verstorbener Wanderschauspieler wird Bestsellerautor. Schlagen Sie heute mal einem Verlag vor, er soll jetzt Wieland hypen. Der stellt Ihren ganzen Provider auf Spam.)

1780 erreichte das immerhin eine ungestüme, in künstlerischem Aufbruch begriffene Jugend, die Bewegung des Sturm und Drang — denn ja: Sturm und Drang war keine organisch entstandene Fortführung vorausgegangener und langsam abgelebter Epochen, sondern eine absichtsvoll herbeigeführte Bewegung mit Theorie, Organisation und Agenda: Goethe vor seiner Italienreise, den untauglichen Militär Schiller, Lenz, Gerstenberg, Herder (ebenfalls vor seiner Italienreise). Halten wir als Stoffsammlung zu Shakespeare im deutschen Sturm und Drang fest (chronologisch, hier nur zufällig zugleich alphabetisch nach Verfassern):

Brooke Denton, Ophelia, 31. Juli 2011und verweilen wir vorerst bei Shakespear von Herder 1773: Das ist der II. Aufsatz in der Sammlung von Johann Gottfried Herder/Johann Wolfgang Goethe/Paolo Frisi/Justus Möser: Von Deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter, einer der maßgeblichen Programmschriften für den Sturm und Drang, in der dritten Fassung und im Gegensatz zum Volltext bei Zeno in ursprünglich belassener Orthographie bei Reclam greifbar, original Hamburg: Bode, Mai 1773. Herder hebt an:

Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: „hoch auf einem Felsengipfel sitzend! zu seinen Füssen Sturm, Ungewitter und Brausen des Meers; aber sein Haupt in den Stralen des Himmels!“ so ists bei Shakespear! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verläumden, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret!

Große Worte; darunter machen es die Stürmer und Dränger nicht — und schon ganz nebenbei mit dem ersten Seitenhieb auf Shakespeare-Übersetzungen, dafür mit — Druckfehler? — Pronomen-Kapitale für das Genie wie sonst nur für GOtt. Und welches „ungeheure Bild“ vom thronenden Shakespeare eigentlich? — Aufschluss gibt L.M. Price: Herder and Gerstenberg or Akenside, in: Modern Language Notes 65, 1950, Seite 175–178: Das entnimmt Herder einem Lehrgedicht von Mark Akenside: The Pleasures of the Imagination, 1744:

Hence when lightning fires
The arch of heav’n, and thunders rock the ground ;
When furious whirlwinds rend the howling air,
And ocean, groaning from his lowest bed,
Heaves his tempestuous billows to the sky ;
Amid the mighty uproar, while below
The nations tremble, Shakspear looks abroad
From some high cliff, superior, and enjoys
The elemental war.

Das wiederum weiß Hans Dietrich Irmscher in der Reclam-Ausgabe der Deutschen Art und Kunst 1968, ausgebaut 1988 — ein grandioses Heft übrigens, gerade wegen der originalen Rechtschreibung. Damit ich hier nicht rein alles zusammenguttenberge, gebe ich oben die Stelle von Akenside nach einem Scan des Originals von 1744 korrigiert wieder, weil die digitalen Volltexte alle die selben paar Tippfehler übernommen haben.

Was steht sonst noch drin? Shakespeare als Originalgenie, das rechtmäßig dem deutschen Sturm und Drang angehören sollte, was sonst. Was ein Originalgenie ist und in welchem ganz und gar erstaunlichen Sinne Herder das Wort „deutsch“ verwendet, kriegen wir noch.

Bilder: Brooke Denton: inszenierte die fröhlichste Ophelia der Welt am 31. Juli 2011;
Shakespeares Schwestern: Shakespears Sister: Hello (Turn Your Radio On) von Siobhan Fahey, Marcella Detroit und Manu Guiot, aus: Hormonally Yours, November 1992. Als Nerd-Wissen steht auf der Wandtafel bei Minute 3:00: „The Womans Work Is Never Done„. Das Beste ist immer noch, wie die linke Schwester schon mal das Gitarrensolo der rechten nutzt, um uns — weswegen wir das HQ-Video im Vollbild wiedergeben sollten — den Bildschirm zu putzen.

Brooke Denton, Ophelia, 31. Juli 2011

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Written by Wolf

26. April 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Renaissance, Weisheit & Sophisterei

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