Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Nur dich glaubst du zu erfreuen, wenn du die Welt erquickst

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Update zur Kompaßmuschel. Träume aus Träumen:

Die Älteren entsinnen sich: Was war das voriges Jahr um diese Zeit für ein Bohei um den 250. Geburtstag des ungelesensten aller Hochkomiker Jean Paul. Der Mann konnte schneller schreiben und saufen als unsereiner lesen und pinkeln; für seinen Titan hat er eine Lesezeit von 2 Stunden, 33 Minuten und 36 Sekunden errechnet — was man unter den allergünstigsten Umständen schafft, wenn man zum Beispiel in seiner Stammkneipe eine eigene Gaststube mit ungefragtem Biernachschub inne hat. Ich würde in dieser Zeit nicht mal die Verfilmung schaffen, wenn eine gäbe.

Vor einem Jahr herrschte kein Mangel an Leseempfehlungen für Jean-Paul-Einsteiger (meine eigene bleibt: Dr. Katzenbergers Badereise oder Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch). Jetzt nach 1 Jahr und 1 Tag vermisse ich eine gewisse kulturbetriebliche Betreuung, ob jemand nach seiner zurecht nahegelegten Einsteigerei auch brav im Lesefluss geblieben ist.

Ich schon; den Siebenkäs, den auch bei den Experten weithin vernachlässigten Halbapokryphen Der Komet und die Flegeljahre lese ich praktisch dauernd. Nur eben nicht immer. Und Sie so? Schon weitergekommen?

——— Jean Paul: Nr. 25.: Smaragdfluß: Musik der Musik,
in: Flegeljahre. Eine Biographie, Zweites Bändgen, Cotta, Tübingen 1804:

Zu Hause sezt‘ er im Feuer, das fortbrannte, diesen Strekvers auf:

Die Unwissende

Wie die Erde die weichen Blumen vor die Sonne trägt und ihre harten Wurzeln in ihre Brust verschließ’t — wie die Sonne den Mond bestrahlt, aber niemals seinen zarten Schein auf der Erde erblickt — wie die Sterne die Frühlingsnacht mit Thau begießen, aber früh hinunterziehen, eh‘ er morgensonnig entbrennt: so du, du Unwissende, so trägst und giebst du die Blumen und den Schimmer und den Thau, aber du sieh’st es nicht. Nur dich glaubst du zu erfreuen, wenn du die Welt erquickst. O fliege zu ihr, du Glücklichster, den sie liebt, und sag‘ es ihr, daß du der Glücklichste bist, aber nur durch sie; und glaubt sie nicht, so zeig‘ ihr andere Menschen, der Unwissenden.

Federico Costa, Reading Beauty. She's Like a Rainbow, 13. September 2010

Wie die Sonne den Mond bestrahlt: Federico Costa: Reading Beauty (She’s Like a Rainbow),
13. September 2010;
Altes Lieblingslied dressed in blue: The Rolling Stones: She’s a Rainbow
aus: Their Satanic Majesties Request, 1967.
Bonus Track: der Alternative Rough Mix ohne den Chor der Gartenzwerge.

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Written by Wolf

21. April 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Himmel

2 Antworten

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  1. Ich so? Weiter mit Jean Paul, und dankschön – für ‚kulturbetriebliche Betreuung‘. :o)
    Notiz an mich: Mehr „Flegeljahre“, wenistens lesen. In gleichfalls Ermangelung einer eigenen Gaststube heuer auch mal (mit Getränkeselbstversorgung) im eigenen Dach(bier)gärtlein, dem mit den wildberankten Betonwänden und den Blumen – wo ‚die Sterne die Frühlingsnacht mit Thau begießen’… Hach, von solcher Musik der Musik in solchem Strekvers wird einem doch die Seele like a Rainbow – Rolling Stones hin oder Robert Schumanns „Papillons“ her. Passt scho. Beides.

    hochhaushex

    23. April 2014 at 02:42

    • Endlich mal jemand, der das Feuilleton ernst nimmt :o)

      Wolf

      23. April 2014 at 13:03


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