Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer

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Frage in die Leserrunde: War schon mal jemand am Deutschen Eck? Und ist begeistert oder bereichert zurückgekommen? So abwegig ist das ja nicht, und ich finde solche innerdeutschen Vergnügungsreisen mit der Ausrede des Bildungsanspruchs immer am lustigsten.

Für die Bebilderung musste ich diesmal gar nicht lange ausschwärmen, um leicht geschürzte Elfen herbeizuzerren; das Bildmaterial aus den Wikipedia-Einträgen über die Festung Ehrenbreitstein samt Deutschem Eck ist faszinierend genug.

Die ersten drei Zitate sind eher kurios, das lange vierte von Arno Schmidt ist wirklich interessant (ja, Schmidt entspringt dem Novecento, ist aber lehrreicher über die deutsche Romantik als mancher, der es sein will). Besondere Empfehlung ergeht für den Poetry Atlas: Warum bauen Deutsche nie solche tollen Webistes?

——— Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage,
Canto III, verse 58, 1816:

     Here Ehrenbreitstein, with her shattered wall
     Black with the miner’s blast, upon her height
     Yet shows of what she was, when shell and ball
     Rebounding idly on her strength did light;
     A tower of victory! from whence the flight
     Of baffled foes was watch’d along the plain:
     But Peace destroy’d what War could never blight,
     And laid those proud roofs bare to Summer’s rain —
On which the iron shower for years had pour’d in vain.

——— Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage, Canto III, Vers 58, 1816, Übs. Otto Gildemeister:

     Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer,
     Von Rauch geschwärzt! Noch zeigt es jene Macht,
     An welcher Bomben einst und Kugelschauer
     Ohnmächtig abgeprallt sind und zerkracht.
     Ein Turm des Sieges, der oft von hoher Wacht
     Die Feinde sah in wilder Flucht ergossen;
     Doch Friede stürzte, was getrotzt der Schlacht:
     Dem Regen steht das stolze Dach erschlossen,
Das nie sich öffnete den feindlichen Geschossen.

Ehrenbreitstein und Helfenstein. Ausschnitt aus der Stadtansicht von Braun & Hogenberg, 1573

——— Herman Melville: Moby-Dick,
Chapter VIII: The Pulpit, 1851:

Yes, for replenished with the meat and wine of the word, to the faithful man of God, this pulpit, I see, is a self-containing stronghold—a lofty Ehrenbreitstein, with a perennial well of water within the walls.

——— Herman Melville: Moby-Dick, Kapitel VIII: Die Kanzel, 1851,
Übs. Friedhelm Rathjen (Gründungsmitglied Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, Hrsg. Bargfelder Bote):

Jawohl, denn von neuem angereichert mit dem Fleisch und Wein des Wortes ist diese Kanzel dem glaubensstarken Gottesmann, muß ich sagen, eine auf sich selbst gestellte Feste — ein hochragendes Ehrenbreitstein, mit immerwährendem Wasserquell in seinen Wänden.

Koblenz im Buga-Jahr 2011 - Das Deutsche Eck mit der Festung Ehrenbreitstein im Hintergrund

——— Herman Melville: Pierre; or, The Ambiguities,
Book IV, II., 1852:

As the vine flourishes, and the grape empurples close up to the very walls and muzzles of cannoned Ehrenbreitstein; so do the sweetest joys of life grow in the very jaws of its perils.

——— Herman Melville: Pierre; or, The Ambiguities, Buch IV, II., 1852,
Übs. Christa Schuenke:

Wie der Weinstock gedeiht und die Traube purpurn sich rötet bis dicht hinauf an die Mauern und Schießscharten der kanonenbewehrten Feste Ehrenbreitstein, so wachsen just im Rachen der Gefahr des Lebens süßeste Freuden.

Das rekonstruierte Reiterstandbild Wilhelms I. wird wieder auf den Sockel des Deutschen Ecks gehoben, 2. September 1993

——— Arno Schmidt: aus Die Umsiedler, Kapitel VII
in: die umsiedler. 2 prosastudien, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1953
= studio frankfurt 6, hrsg. von Alfred Andersch,
cit. Zürcher Kassette, Band 2, Seite 44 f.:

Der lange gerunzelte Strom, hohl und schmutzig, schwang sich faul an uns entlang; überschwemmte Werder; trauernde Gruppen von Bäumen; saure Häuserfronten wie „Lorelei“, als sei eben ein Auto davor weggefahren; Anleger und schwarzer Schlepper Gestank; schraffiert vom Nieselregen (auch der Güterzug auf der anderen Rheinseite: „Wenn er 60 Wagen hat, geht Alles gut!“ – – –: „58–?“. Sie strahlte dennoch herum: „Also: Kleine Schwierigkeiten.“ Augenbannung, Lippenhexe, Kinnzauber, Beinbeschwörung. Katrin la sorcière. Ihre Finger tanzten vor Vergnügen um die Handtasche auf ihrem Schoß und schnippten mir’s zu). Die Weinberge sahen trostlos aus, wie ihr Kartenzeichen.

„Er schob nun einen Armsessel herbei und bat den Kurfürsten, in denselben sich zu setzen und unter keinerlei Umständen sich daraus zu erheben und kein Wort zu sprechen – sonst sehe er seinen sicheren Tod vor Augen. Der Kämmerier ward unter gleicher Verwarnung hinter den Stuhl gestellt. Darauf legte der Ungar um den Becher mit den Heidenköpfen einen Draht und führte diesen in den Schmelzofen. Demnächst zog er unter beständigem leisen Sprechen drei Kreise um den Kurfürsten und führte zuletzt von dem äußersten Kreise einen geraden Strich nach dem Schmelzofen. Die Lichter wurden in Gestalt eines Triangulums um den Teller gesetzt. Der Ungar kniete nun gerade vor dem Ofen nieder und fuhr fort leise zu beten (?). Von Zeit zu Zeit warf er aus einer neben ihm stehenden Büchse eine Species in die Flamme, worauf denn jedesmal ein gewaltiges Prasseln im Ofen entstand und die Glut aufs Äußerste zunahm. Das mochte eine Stunde gewährt haben und der Kämmerier sah, wie der vom Ofen zum Becher gehende Draht erglühte, auf dem Becher dicke Tropfen standen, inwendig aber es in den schönsten Farben blitzte und spielte, wie er es oftmals auf der Silbehütte gesehen. Allmählich gewahrte er ein Dehnen und Recken an dem Becher, der auseinander ging und an Höhe zunahm, wie auch die Heidenköpfe sichtlich zu wachsen schienen. Immer eifriger murmelte der Ungar und immer höher schwoll der Becher, bis er beinahe an die Decke mit den Rändern stieß. Da erscholl ein donnernder Knall und heraus sprangen die Heidenköpfe als Männer mit langen Mänteln und Bärten, gar schauerlich anzusehen. Sie schlossen einen Kreis um den Kurfürsten; einer der Männer fiel vor dem, der dem Kurfürsten zunächst stand, auf die Knie, zeigte auf den Kurfürsten und rief: Das ist der, der das Reich den Galliern zu überliefern begehrt! Darauf steckten die Männer die Köpfe zusammen, als gingen sie zu Rat. Zuletzt brachte der am entferntesten Stehende ein breites Schwert unter dem Mantel hervor und rief laut: Das schickt das Gesetz dem Verräter! Zugleich tat er einige Schritte vorwärts, als wollte er auf den Kurfürsten einhauen. Da rief dieser mit erstickter Stimme: Helf, helf, Michel – und sofort war Alles verschwunden …“ Sie nickte billigend; noch einmal: „und das ist alles auf dem Ehrenbreitstein passiert?!“ Pfüüüt: ein Tunnel (Schön!) Noch atemlos: „Und wann ist das gewesen?“. Auf soviel Wißbegier ohne Übergang war nun wieder ich nicht vorbereitet, sagteaber fest: „am zweiten Juni Sechzehnhundertzwounddreißig.“

Library of Congress, Old Glory flies from Ehrenbreitstein fortress, where the Rhine and Mosel meet, Coblenz, Germany, 1919, view from Festung Ehrenbreitstein in Koblenz

Bilder: Ehrenbreitstein und Helfenstein, Stadtansicht von Braun & Hogenberg, 1573;
Holger Weinandt: Koblenz im Buga-Jahr 2011: Das Deutsche Eck mit der Festung Ehrenbreitstein im Hintergrund, 23. April 2011;
Kowelenzer: Das rekonstruierte Reiterstandbild Wilhelms I. wird wieder auf den Sockel des Deutschen Ecks gehoben;
Library of Congress: Old Glory flies from Ehrenbreitstein fortress, where the Rhine and Mosel meet, Coblenz, Germany, view from Festung Ehrenbreitstein in Koblenz, 1919.

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Written by Wolf

4. April 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

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