Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for März 2014

Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht

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Update zu Barfußläufte und zum Weekly Wanderer 0008:

Ach komm, ist doch Frühling. Machen wir eine Gaudi: Ab sofort sind ein paar Barfußwochen auf DFWuH! Keine Angst, es wird recht tiefgehend; der April wird sowieso den 450 Jahren Shakespeare gehören müssen, und im Mai machen wir dann wieder was Gescheites. — Folge 1:

——— Eduard Mörike: An Moritz von Schwind, 1867:

Moritz von Schwind, Das Märchen von den sieben Raben. Der Prinz und seine Braut, 1858Ich sah mir deine Bilder einmal wieder an
Von jener treuen Schwester, die im hohlen Baum,
Den schönen Leib mit ihrem Goldhaar deckend, saß
Und spann und sieben lange Jahre schwieg und spann,
Die Brüder zu erlösen, die der Mutter Fluch
Als Raben, sieben Raben, hungrig trieb vom Haus.
Ein Kindermärchen, darin du die Blume doch
Erkanntest alles menschlich Schönen auf der Welt.

Von Blatt zu Blatt, nicht rascher als ein weiser Mann
Wonnige Becher, einen nach dem andern, schlürft,
Sog ich die Fülle deines Geistes ein und kam,
Aus sonnenheller Tage Glanz und Lieblichkeit
In Kerkernacht hinabgeführt von dir, zuletzt
Beim Holzstoß an, wo die Verschwiegne voller Schmach
Die Fürstin, ach, gebunden steht am Feuerpfahl:
Da jagt’s einher, da stürmt es durch den Eichenwald:
Milchweiße Rosse, lang die Hälse vorgestreckt,
Und, gleich wie sie, die Reiter selber atemlos –
Sie sinds! Die schönen Knaben all und Jünglinge!
Ah, welch ein Schauspiel! – Doch was red ich dir davon?
„Hier“, sagte lachend neulich ein entzückter Freund,
Ein Musiker, „zieht Meister Schwind zum Schlusse noch
Alle Register auf einmal, daß einem das Herz
Im Leibe schüttert, jauchzt und bangt vor solcher Pracht!“

– Wenn dort, ein rosig Zwillingspaar auf ihrem Schoß,
Die Retterin auftaucht und der Ärmsten Jammerblick
Sich himmlisch lichtet, während hier der König, sich
Auf das Scheitergerüste stürzend, hingeschmiegt das Haupt,
Die nackten Füße seines Weibes hold umfängt.
Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht
In aller Busen staunend mit? Und doch zugleich
Wer lächelt nicht, wenn seitwärts dort im Hintergrund,
Vom Jubelruf des Volks erstickt, ein Stimmchen hell
Sich hören läßt, des Jüngsten von den sieben, der
Als letzter kommt geritten, mit dem einen Arm
Noch fest im Rabenflügel, auf die Schwester zu!
– Genug und schon zu viel der Worte, Teuerster!

Ich knüpfte seufzend endlich meine Mappe zu,
Saß da und hing den Kopf. – Warum? Gesteh‘ ich dir
Die große Torheit? Jene alte Grille war’s,
Die lebenslang mir mit der Klage liegt im Ohr,
Daß ich nicht Maler werden durfte. Maler, ja!
Und freilich keinen gar viel schlechteren als dich,
Dacht‘ ich dabei. Du lachst mit Recht. Doch wisse nun:
Aus solchem Traumwahn freundlich mich zu schütteln, traf,
O Wunder! deine zweite Sendung unversehns
Am gleichen Morgen bei mir ein! – Du lässest mich,
O Freund, was mir für mein bescheiden Teil an Kunst
Gegeben ward, in deinem reinen Spiegel sehn:
Und wie! – Davon schweig ich für heut. Nur dieses noch:
Den alten Sparren bin ich los für alle Zeit,
So dünkt es mich, – es wäre denn, daß mir sofort
Der böse Geist einflüsterte, dies Neuste hier
Sei meine Arbeit lediglich: die Knospe brach
Mit einemmal zur vollen Rose auf – man ist
Der großen Künstler einer worden über Nacht.

Die in der vierten Strophe erwähnte „zweite Sendung“ bestand in drei Sepiazeichnungen zu Mörikes Gedichten: Ach nur einmal noch im Leben, Märchen vom sichern Mann und Erzengels Michaels Feder.

Moritz von Schwind, Das Märchen von den sieben Raben. Der Prinz findet die treue Schwester in einem hohlen Baume, holt sie herab und führt sie auf sein Schloß, 1858

Barfußbilder: Moritz von Schwind: Das Märchen von den sieben Raben: Der Prinz und seine Braut;
Der Prinz findet die treue Schwester in einem hohlen Baume, holt sie herab und führt sie auf sein Schloß, beide 1858 via Goethezeitportal, September 2010.

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Written by Wolf

4. März 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik

Frühlingsreigen Buranum

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn:

Tree-hugging dirt worshipper

——— Carmina Burana: 167a, überliefert um 1230:

Swaz hie gât umbe,
daz sint allez megede,
die wellent ân man
allen disen sumer gân.

——— Carmina Burana: 167a:

Was sich hier im Reigen dreht,
das sind alles Mädchen,
die wollen ohne Mann
den ganzen Sommer im Tanze gehen.

Study from The Model, 1925 via Dreams N Fantasies

Nicht einmal im Mittelalter — gerade nicht im Mittelalter — waren Frauen und Mädchen, für die Männer ein Lebensthema geworden sind, wahnsinnig genug, mit voller Absicht auf Zeit ohne Männer auszukommen: Es drohten Ächtung, Prostitution, Verarmung.

Die vier paarweise assonierenden Vierheber stehen im Codex Buranus in der Gruppe der Liebeslieder am Ende eines Liedes, mit dem sie sonst nichts verbindet: weder die Sprache (Latein), die Form noch der Inhalt. Darum ist das vermutlich ein brauchtümliches Tanzlied, das von Männern als Spottlied gesungen wurde, sich aber keinesfalls im Ernst auf weibliche Lebensentwürfe auswirkte. Möglicherweise ist es auch nur eine schlichte Ansage zum Festtanz, die sich dann auch von Frauen singen lässt.

Immerhin deuten die Freiheiten in der Reimgestaltung auf eine frühe Entstehungszeit — innerhalb der Carmina Burana also eher 11. als 13. Jahrhundert. Wenn man die Übersetzungen von Margherita Kuhn und Hugo Kuhn miteinander verheiratet, bekommt man eine richtig schöne Version und kann darüber nachsinnen, ob die beiden Übersetzer ebenfalls miteinander verheiratet sind oder seit wie vielen Sommern sie sich in ihren respektiven Reigen drehen.

Veruk, Nailas en Butoh, 4. August 2007

Fachliteratur: Max Ittenbach: Der frühe deutsche Minnesang. Strophenfügung und Dichtersprache,
Max Niemeyer Verlag, Halle an der Saale 1939, Seite 185 f.

Megede: Tree-hugging dirt worshipper;
Dreams N Fantasies: Studie The Model, 1925;
Veruk: Nailas en Butoh, 4. August 2007.

Soundtrack: Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch: Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67, IV.: Allegretto, 1944.
Die Carmina Burana von Carl Orff wären an dieser Stelle zu pompös und zu naheliegend.

Written by Wolf

1. März 2014 at 00:01