Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Frühlingsreigen Buranum

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn:

Tree-hugging dirt worshipper

——— Carmina Burana: 167a, überliefert um 1230:

Swaz hie gât umbe,
daz sint allez megede,
die wellent ân man
allen disen sumer gân.

——— Carmina Burana: 167a:

Was sich hier im Reigen dreht,
das sind alles Mädchen,
die wollen ohne Mann
den ganzen Sommer im Tanze gehen.

Study from The Model, 1925 via Dreams N Fantasies

Nicht einmal im Mittelalter — gerade nicht im Mittelalter — waren Frauen und Mädchen, für die Männer ein Lebensthema geworden sind, wahnsinnig genug, mit voller Absicht auf Zeit ohne Männer auszukommen: Es drohten Ächtung, Prostitution, Verarmung.

Die vier paarweise assonierenden Vierheber stehen im Codex Buranus in der Gruppe der Liebeslieder am Ende eines Liedes, mit dem sie sonst nichts verbindet: weder die Sprache (Latein), die Form noch der Inhalt. Darum ist das vermutlich ein brauchtümliches Tanzlied, das von Männern als Spottlied gesungen wurde, sich aber keinesfalls im Ernst auf weibliche Lebensentwürfe auswirkte. Möglicherweise ist es auch nur eine schlichte Ansage zum Festtanz, die sich dann auch von Frauen singen lässt.

Immerhin deuten die Freiheiten in der Reimgestaltung auf eine frühe Entstehungszeit — innerhalb der Carmina Burana also eher 11. als 13. Jahrhundert. Wenn man die Übersetzungen von Margherita Kuhn und Hugo Kuhn miteinander verheiratet, bekommt man eine richtig schöne Version und kann darüber nachsinnen, ob die beiden Übersetzer ebenfalls miteinander verheiratet sind oder seit wie vielen Sommern sie sich in ihren respektiven Reigen drehen.

Veruk, Nailas en Butoh, 4. August 2007

Fachliteratur: Max Ittenbach: Der frühe deutsche Minnesang. Strophenfügung und Dichtersprache,
Max Niemeyer Verlag, Halle an der Saale 1939, Seite 185 f.

Megede: Tree-hugging dirt worshipper;
Dreams N Fantasies: Studie The Model, 1925;
Veruk: Nailas en Butoh, 4. August 2007.

Soundtrack: Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch: Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67, IV.: Allegretto, 1944.
Die Carmina Burana von Carl Orff wären an dieser Stelle zu pompös und zu naheliegend.

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Written by Wolf

1. März 2014 um 00:01

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