Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ein kleines Helles für Elke

with 2 comments

Update (kein Überschreiben mehr möglich) zum Valentinsgewinnspiel:

Die Entscheidung fiel ausnahmsweise leicht: Die Hochhaushex Elke gewinnt alles — für ihr Lyrikfestival von Kommentar:

Ich finds ja eine überaus anrührende Idee, den Weg übern Hinterhof zu einem Lyrik-Kabinett (hach, dass es sowas gibt!) mit Gedichtfetzen auf Schilderbildern zu pflastern. Man könnt’ das einen hübschen kleinen Trampelpfad zwischen Poesie und RealPoesie nennen – wie zielführend wohin Gedichte immer sein mögen.

Uiii … aber aus der Fülle sich sein Lieblings-Versfitzelchen herauspicken, das ist schwer.

Der Haus- und Hof-Heine samt seiner alten Weise vom Jehuda Ben Halevy aus den Hebräischen Gesängen, mit dem

„Bei den Wassern Babels saßen
Wir und weinten, unsre Harfen
Lehnten an den Trauerweiden“ –
Kennst du noch das alte Lied?

ist eh schon Lieblings-Sowieso. Erst recht für mich altes Synäst(h)ierchen: das singt und malt und schmeckt sich seine Heine-Liedln.

Die Priamel-Ode der großen Sappho von Lesbos wiederum

Ein heer von reitern
so sagen die einen
fußvolk andere
schiffe noch andere
ist auf der schwarzen erde
das köstlichste
ich aber sage
das was man lieb hat

Marc-Charles-Gabriel Gleyre, Le coucher de Sappho, 1867, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausannebrilliert in ihrer ganzen Schlichtheit mit einem so recht zielführenden valentinischen Schlussvers. Vor allem, wenn man sich dazumalt, in welcher Schönheit selbige zu Bette ging. Und glauben will, dass die um 600 v. Chr. keine Propaganda in ihrem poetischen Sinn hatte. Oder doch?

Mögen kann man auch den Ausriss “fiel auf eine Rose vieler Regen”, drum hab ich dem nachgekramt. Dem münchenverhafteten Lyriker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Wei%C3%9F_%28Dichter%29&quot; target="_blank" title="Wikipedia"Konrad Weiß, dem nie der entscheidende Durchbruch gelang und der dennoch wahrscheinlich zu Unrecht vergessen ist, kann ich (auch wenn man seine politischen Haltungen ja nicht teilen muss) durchaus was abgewinnen. Sein Gedicht

Die eine Rose

Während wir uns schlugen auf den Wegen,
Wort um Worte rührten,
was die Worte wollten, tiefer spürten,
während wir dem Sinn entgegen
uns durch wache Wildnis trugen,
um ein schlafend Bild umsonst doch Worte
wacher schickend nur sein Schlafen schürten,
und von Ort zu Orte
horchten und die Zungen in uns schlugen,

fiel auf eine Rose vieler Regen.

aus dem der Versfetzen stammt, hat auch irgendwie was Wildes und einschlägig Zielführendes in sich, wie ich finde. Und hier merkt man auch wieder, was das Schöne an Gedichten ist: dass der ganz eigene Lesende sich sein ganz Eigenes hineindeuten kann, wenn er mag. Denn wer würde vermuten, dass, wie von Weiß-Kennern verlautbart, der Titel dieses in seinem letzten 1939 veröffentlichten Lyrik-Band Das Sinnreich der Erde enthaltenen Verswerks ursprünglich “Sinnbild der Geschichte” lauten und somit wohl weit Monumentaleres als valentinische Leidenschaften beinhalten sollte.

Das “Vieles bleibt ohnehin in der Schwebe” ist zur Abwechslung mal von einem noch Lebenden – der sogar dieses Sprüchlein irgendwie lebt: vom Mache-sich-jeder-seinen-eigenen-Reim-auf-den-Enzensberger. Vielschreiber, Ex-Nürnberger und Wahl-München-Schwabinger, der in Erlangen studiert hat. Und zwar aus dem Titel-Gedicht seines Leichter als Luft – Moralische Gedichte, erschienen bei Suhrkamp 1999. Besonders mag ich in dem ja die letzte Zeile (und die vorletzte) in der vierten Strophe – denn wer wöllte wohl bestreiten, dass ausnahmslos alle Walzerklänge (und Heiligenscheine) leichter als Luft sind.

Ein Fitzelchen muss ich noch, obwohl das hier schon wieder zum Co-Referat ausufert: das erste auf dem vierten Schilderbild, wieder so’n synästhetisches. In dem fehlt ein kleines aber wichtiges Wörtlein. Es muss nämlich heißen:

Ich färbte dir den Himmel brombeer
Mit meinem Herzblut.

und ist von Else Lasker-Schüler, aus einem ihrer leidenschaftlichen Abschied-Liebesgedichte, an Gottfried Benn, glaub ich. Der Kafka hat sie nicht gemocht, die Lasker-Schüler, aber schließlich hat sie in meinem dienstlichen Nachbarhaus, dem Hotel “Sachsenhof” in Schöneberg, gewohnt und eigentlich wollt ich die sogar bloggen, weil sie vor ein paar Tagen einen so halbrunden Geburtstag hatte – man will doch seine künstlerischen Nebenmieter ein bissl hätscheln.

Nu is aber Schluss. — Was ich noch sagen wollt: Das Tom Waitssche Luftballon-Mashup-Duett ist wirklich voll süüüß. Ich tanz den ganzen long way home.

Das ist eine ausgewachsene wundervolle Wundertüte mit Büchern wert. Keine Angst, es sind nicht noch mehr Gedichte dabei, dafür das Nibelungenlied (okay, das ist in gebundener Rede — aber episch), der Simplicissimus und das Heptameron. Das Paket geht raus, sobald ich einen passenden Karton aufgetrieben hab und zur Post komm.

Bild: Marc-Charles-Gabriel Gleyre: Le Coucher de Sappho, 1867, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

Und als postvalentinischen Bonus-Track für uns alle gibt’s noch das Wunderlied auf die Ohren: das putzigste aller Liebeslieder, ohne albern zu werden. Das ist aus Sommer in Orange von Marcus „Rosi“ H. Rosenmüller 2011, geschrieben von Gerd Baumann, dessen Stammfilmmusiker, der vielleicht doch ein ganz und gar unterschätzter Liedermacher für alle Gelegenheiten ist.

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Written by Wolf

24. Februar 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

2 Antworten

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  1. Hach! Ein kleines Helles? Nichts Offizielles? Her damit, das brauch ich jetzt. Trinkst (und singst) du mit? Ein Prosit auf die nicht offizielle Erkenntnis, welch ungebrochenen Zuspruchs sich die liebe Lyrik augenscheinlich weiterhin bei ungezählten Lesern erfreut. ;o)

    hochhaushex

    27. Februar 2014 at 03:59

    • Für mich ein großes, bitte — und das für dich ist in der Post :o)

      Wolf

      27. Februar 2014 at 11:27


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