Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Unser lieber Vatter

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Update zu Doppeltgänger:

„Knan“ heißt „Vater“; zitiert wird nach dem Digitalisat im Deutschen Textarchiv der 1. Nürnberger Ausgabe bei Felsecker 1669, geändert — und kenntlich gemacht — um Hans Heinrich Borcherdt (Hg.) im Deutschen Verlagshaus Bong & Co, 1921. Das Bild ist von der 31-teiligen Hörbuchfassung bei Pidax Film Media Ltd. Das Cover war schon anno 1979 auf dem Hörbuch, lange bevor Ältere als Fünfjährige etwas mit Hörbüchern anfangen sollten, und war 2013 bei der Zusammenpressung auf eine einzige CD mit .p3-Dateien offenbar immer gut genug.

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und maenniglich nutzlich zu lesen. An Tag geben Von German Schleifheim von Sulsfort. Monpelgart / Gedruckt bey Johann Fillion / Jm Jahr MDCLXIX. Das VIII. Capitel:

Simplex gibt seinen Verstand an den Tag
Durch seine törichte Antwort und Frag.

Einsiedel: Wie heissestu?

Simpl. Ich heisse Bub.

Einsid. Ich sihe wol/ daß du kein Mägdlein bist/ wie hat dir aber dein Vatter und Mutter geruffen?

Simpl. Jch habe keinen Vatter oder Mutter gehabt:

Einsid. Wer hat dir dann das Hemd geben?

Simpl. Ey mein Meuder.

Einsid. Wie heisset dich dann dein Meuder?

Simpl. Sie hat mich Bub geheissen/ auch Schelm/ [langöhrichter Esel/ ungehobelter Rültz/] ungeschickter Dölpel/ und Galgenvogel.

Einsid. Wer ist dann deiner Mutter Mann gewest?

Simpl. Niemand.

Einsid. Bey wem hat dann dein Meuder deß Nachts geschlaffen?

Simpl. Bey meinem Knan:

Einsid. Wie hat dich dann dein Knan geheissen?

Simpl. Er hat mich auch Bub genennet:

Einsid. Wie hiesse aber dein Knan?

Simpl. Er heist Knan:

Einsid. Wie hat ihm aber dein Meuder geruffen?

Simpl. Knan/ und auch Meister:

Einsid. Hat sie ihn niemals anders genennet?

Simpl. Ja/ sie hat:

Einsid. Wie dann?

Simpl. Rülp/ grober Bengel/ volle Sau/ [alter Scheisser/] und noch wol anders, wann sie haderte:

Einsid. Du bist wol ein unwissender Tropff/ daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Nahmen nicht weist!

Simpl. Eya, weist dus doch auch nicht:

Einsid. Kanstu auch beten?

Simpl. Nain/ unser Ann und mein Meuder haben als das Bett gemacht:

Einsid. Jch frage nicht hiernach/ sondern ob du das Vatter unser kanst?

Simpl. Ja ich:

Einsid. Nun, so sprichs dann:

Simpl. Unser lieber Vatter/ der du bist Himel/ hailiget werde nam/ zrkommes d Reich/ dein Will schee Himmel ad Erden/ gib uns Schuld/ als wir unsern Schuldigern geba/ führ uns nicht in kein döß Versucha/ sondern erlöß uns von dem Reich/ und die Krafft, und die Herrlichkeit/ in Ewigkeit/ Ama.

Einsid. Bistu nie in die Kirchen gangen?

Simpl. Ja ich kann wacker steigen/ und hab als ein gantzen Busem voll Kirschen gebrochen:

Einsid. Jch sage nicht von Kirschen/ sondern von der Kirchen:

Simpl. Haha/ Kriechen/ gelt, es seynd so kleine Pfläumlein? gelt du?

Einsid. Ach daß GOtt walte/ weistu nichts von unserm HERR Gott?

Simpl. Ja/ er ist daheim an unsrer Stubenthür gestanden auf dem Helgen/ mein Meuder hat ihn von der Kürbe mitgebracht/ und hin gekleibt:

Einsid. Ach gütiger GOtt/ nun erkenne ich erst/ was vor eine grosse Gnad und Wohlthat es ist/ wem du deine Erkantnus mittheilest/ und wie gar nichts ein Mensch seye/ dem du solche nicht gibst: Ach HERR verleyhe mir deinen heiligen Nahmen also zu ehren/ daß ich würdig werde/ umb diese hohe Gnad so eyferig zu dancken/ als freygebig du gewest/ mir solche zu verleyhen: Höre du Simpl. (dann anderst kan ich dich nicht nennen) wann du das Vatter unser betest/ so mustu also sprechen: Vatter unser/ der du bist im Himmel/ geheiliget werde dein Nahm/ zukomme uns dein Reich/ dein Wille geschehe auff Erden wie im Himmel/ unser täglich Brod gib uns heut/ und:

Simpl. Gelt du/ auch Käß darzu?

Einsid. Ach liebes Kind/ schweige und lerne/ solches ist dir viel nötiger als Käß/ du bist wol ungeschickt/ wie dein Meuder gesagt hat/ solchen Buben wie du bist/ stehet nicht an/ einem alten Mann in die Red zu fallen/ sondern zu schweigen/ zuzuhören und zu lernen/ wüste ich nur/ wo deine Eltern wohneten/ so wolte ich dich gerne wieder hin bringen/ und sie zugleich lehren/ wie sie Kinder erziehen solten;

Simpl. Jch weiß nicht, wo ich hin soll/ Unser Hauß ist verbrennet/ und mein Meuder hinweg geloffen/ und wieder kommen mit dem Ursele/ und mein Knan auch/ und unser Magd ist kranck gewest/ und ist im Stall gelegen[/ die hat mich fortlaufen heißen, was gist do, was host].

Einsid. Wer hat dann das Hauß verbrennt?

Simpl. Ha/ es sind so eiserne Männer kommen/ die seynd so auff Dingern gesessen/ groß wie Ochsen/ haben aber keine Hörner/ dieselbe Männer haben Schaffe und Kübe und Säu gestochen/ [Ofen und Fenster eingeschlagen] und da bin ich auch weg geloffen/ und da ist darnach das Haus verbrennt gewest:

Einsid. Wo war dann dein Knan?

Simpl. Ha/ die eiserne Männer haben ihn angebunden/ da hat ihm unser alte Geiß die Füß geleckt/ da hat mein Knan lachen müssen/ und hat denselben eisernen Männern viel Weißpfenning geben/ grosse und kleine/ auch hübsche gelbe/ und sonst schöne klitzerechte Dinger/ und hübsche Schnür voll weisse Kügelein.

Einsid. Wan ist diß geschehen?

Simpl. Ey wie ich der Schaf habe hüten sollen/ sie haben mir auch mein Sackpfeifff wollen nemmen.

Einsid. Wann hastu der Schaf sollen hüten?

Simpl. Ey hörstus nicht/ da die eiserne Männer kommen sind/ und darnach hat unser [strobelkopfigte] Ann gesagt/ ich soll auch weg lauffen/ sonst würden mich die Krieger mit nehmen/ sie hat aber die eiserne Männer gemeynet/ und da sein ich weg geloffen/ und sein hieher kommen:

Einsid. Wo hinauß wilst du aber jetzt?

Simpl. Jch weiß weger nit/ ich will bey dir hier bleiben:

Einsid. Dich hier zu behalten/ ist weder mein noch dein Gelegenheit/ esse/ alsdann will ich dich wieder zu Leuten führen:

Simpl. Ey so sag mir dann auch/ was Leut vor Dinger seyn?

Einsid. Leut seynd Menschen wie ich und du/ dein Knan/ dein Meuder und euer Ann seynd Menschen/ und wann deren viel beyeinander seynd/ so werden sie Leut genennt:

Simpl. Haha;

Einsid. Nun gehe und esse.

Diß war unser Discurs, unter welchem mich der Einsidel offt mit den allertieffsten Seufftzen anschauete/ nicht weiß ich/ ob es darum geschahe/ weil er ein so groß Mitleiden mit meiner [überaus großen] Einfalt und dummen Unwissenheit hatte/ oder auß der Ursach/ die ich erst über etliche Jahr hernach erfuhr.

Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch - Die komplette 31-teilige Hörbuchfassung des Abenteuerromans von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen. Pidax Hörspiel-Klassiker, 1979 und 2013

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Written by Wolf

23. Februar 2014 um 00:01

Veröffentlicht in Barock, Herrschaft & Revolte

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