Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?

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——— Kurt Drawert: Idylle, rückwärts,
aus: Idylle, rückwärts. Gedichte aus drei Jahrzehnten, C.H. Beck, München 2011:

Eben noch war es der Leichtsinn
des Frühlings, und schon pfeifen die Vögel
im Innenrohr weiter, ununterscheidbar
vom Rauschen des Blutes,
oder was sonst noch passiert

jenseits der Herrlichkeiten.
Man beschäftigt die Fachwelt
mit seinem Körper, nervt,
weil die Geheimnisse wechseln,
und wird auf die Zukunft verwiesen.

Dabei ist das alles, von einem Moment
auf den anderen, sehr einfach:
die Idylle spult rückwärts,
wie ein Film am Anschlag der Rolle.
Die Geschichte der Geschichte beginnt,

das andere Leben, als Homunkulus
im Sprechstundenzimmer
mit gebürstetem Schädel
und Stich in die Vene.
Sehr privat auch erkennbar als Schwäche

des Phallus, dieser Knick einer Blume,
bevor sie zum Kraut fällt.
Es ist der Anfang vom Abgang.
Es ist die Stunde der Hunde.
Und so geht es zu nach den Höhepunkten:

Beckett, mein Teckel, vierjährig —
wegen Aufruhr geschlachtet;
die Arktis mit ihren Eiskremreserven —
leergepickelt. Schöne Maschinen
fallen vom Himmel wie Schuppen

der kranken Kopfhaut. Überall Brände,
alle U-Boote sinken. Das Arbeitsamt online
(keine Chancen mehr für Fahrradfahrer).
Nietzsche auch tot, mehrfach. Von oben
betrachtet — das reine Wissenschaftschaos.

Doch hosianna, ihr Börsianer!
In den Chat-Rooms der Hölle
pokern wir weiter.
Die Adressen der Unsterblichkeit leuchten.
Die fröhlichen Toten winken uns zu

——— Fritz J. Raddatz: Glück ist ein Gedicht, das keiner kennt,
in: Die Welt, Literarisches Leben 24. Januar 2014:

Loui Jover, The Book, 11. September 2013Gesang von der Bitterkeit des Dunklen

Dieser Tage nun erhielt ich von Kurt Drawert, dem in meiner Wertschätzungsskala ganz oben rangierenden Prosa-Autor und Lyriker, ein kleines Wunderwerk als Geschenk; denn Geschenk muss ich diese Briefbeilage nennen: das (noch) Fragment eines langen Poems, so schön, so wundersam, so mitten ins Herz treffend – Glück! Ich war für eine Stunde ein glücklicher Mensch.

Wieso? Weil Drawert gelungen ist, in makelloser Sprache, in brennenden Bildern zu bannen, was unser aller Existenz ausmacht: das Elend der Suche nach Glück. Sein Poem ist ein großer Gesang von der Bitterkeit des Dunklen, in dem wir selbst in vermeintlich hellen Stunden versinken, die meist irrigen Momente der Zweisamkeit nicht ausgenommen.

Nicht nur, dass wir einander kaum mehr wahrnehmen – auch Welt bleibt Schimäre: „Hören wir das Husten einer Grille im Schnee? … und sie kommen alle und stehen an vor dem schlechten Geruch im Innersten der Fehlentwicklung.“ Die Fehlentwicklung sind wir. Der Mensch. „Jeder Gang aus dem Haus findet wie auf einem Löschpapier statt.“ Unser Lebensweg ist die große Wanderung zwischen Güte und Niedertracht.

Drawerts Poem ist Klage. Es ähnelt von Ferne der aggressiven Elegie des großen „Howl“-Gedichts von Allen Ginsberg – auch das ja in seiner abgrundtiefen Trauer ein atemloser Schrei, dem keine Hilfe ein Echo bietet; die écriture wiederum erinnernd an Francis Bacons verzerrte Mahn-Male.

Was ich immer sag: Sauerstoff ist zu kostbar, um ihn in ungebundener Rede zu verblasen.

Danke an Thomas Brook!

Bild: Loui Jover: The Book, 11. September 2013.

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Written by Wolf

29. Januar 2014 um 16:33

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