Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Grapefruit?

leave a comment »

I don’t mind if you don’t like my manners. I don’t like them myself. They’re pretty bad. I grieve over them long winter evenings.

Philip Marlowe

Lesen ist der Sex des armen Mannes. In unserer halbjährlich fortgesetzten Chronik des Verfalls werden wir uns daher schmerzlich bewusst, wie unvollständig man zwei der großen Momente der hard-boiled Detektivgeschichten auswendig kennt.

The Big Sleep von Raymond Chandler hieß als legendäres schwarz-gelbes Diogenes-Taschenbuch mit perfider Umschlagvignette von Tomi Ungerer Der große Schlaf und beeindruckte vierzehnjährige Buben, die sich nach der Karl-May-Phase nach etwas Erwachsenerem umschauten, durch zwei Besuche des zynischen coolen Knochens von Privatschnüffler in Buchhandlungen. Mit dem Wissen, was er dort suchte, konnte man nie Mädchen beeindrucken, weil Mädchen weder Raymond Chandler lesen noch die Verfilmungen mit Humphrey Bogart gucken, und wenn, dann strunzdooflangweilig finden.

Wenn man allerdings den Film kannte, der stark vom Buch abweichend Tote schlafen fest hieß, und der Samstagabends nach Rudi Carrell, den Lottozahlen und dem Wort zum Sonntag lief, wusste man, wie die Buchhändlerinnen aussahen, und auf einmal sollten echten Mädchen ruhig weiter die Schnulze aus La Boum zwitschern. Die erste Buchhändlerin, die schwarzhaarige Agnes, gespielt von einer gewissen Sonia Darrin, war noch nicht so toll, fachlich inkompetent, auf die falsche Art schnippisch und außerdem offensichtlich eine von den Bösen.

Die einen bei Sendeschluss in den frühen Sonntagmorgenstunden nicht schlafen ließ, war die zweite, hellere, auf die richtige Art kokette. Sie wurde gespielt von Dorothy Malone, geboren am 30. Januar 1925, in The Big Sleep also süße, seinerzeit gerade mal so volljährige 21, sollte sich 1957, elf Jahre nach The Big Sleep, als Marylee Hadley in Written on the Wind (nicht „in“ the Wind) den Oscar als beste weibliche Nebenrolle verdienen — und das Beste: lebt noch.

Dorothy Malone war der Beginn einer langen, tiefen, unausrottbaren Zuneigung zu Buchhändlerinnen, bestimmt nicht nur der meinigen. Ihre Figur der lieben, tollen, bildhübschen, blitzgescheiten und pornohaft zugänglichen Buchhändlerin bleibt mysteriöserweise namenlos.

Es gibt übrigens weder eine dritte Auflage Ben Hur von 1860 mit Druckfehler in Form einer doppelt gedruckten Zeile auf Seite 116 noch einen „Chevalier Audubon“, schon gar nicht von 1840. Dazu braucht man heute leider gar keine Buchhändlerin mehr.

Marlowe: Would you happen to have a Ben-Hur, 1860?

Agnes: A what?

Marlowe: I said, ‚Would you happen to have a Ben-Hur, 1860‘?

Agnes: Oh, a first edition?

Marlowe: No, no, no, no, no. The third. The third. The one with the erratum on page one-sixteen.

Agnes: I’m afraid not.

Marlowe: Uh, how about a Chevalier Audubon 1840 — a full set, of course?

Agnes: Not at the moment.

Marlowe: You do sell books? Hmm?

Agnes: What do those look like, grapefruit?

Marlowe: Well, from here, they look like books. Maybe I’d better see Mr. Geiger?

Clerk: Is there something I can do for you?

Marlowe: Would you do me a very small favor?

Clerk: I don’t know. It depends on the favor.

Marlowe: Do you know Geiger’s bookstore across the street?

Clerk: I think I may have passed it.

Marlowe: Do you know Geiger by sight?

Clerk: Well, I …

Marlowe: What does he look like?

Clerk: Wouldn’t it be easy enough to go across the street and ask to see him?

Marlowe: I’ve already done that … Do you know anything about rare books?

Clerk: You could try me.

Marlowe: Would you happen to have a Ben-Hur 1860, Third Edition with a duplicated line on page one-sixteen? Or a Chevalier Audubon 1840? [She searches her listings and bibliographies.]

Clerk: Nobody would. There isn’t one.

Marlowe: The girl in Geiger’s bookstore didn’t know that.

Clerk: Oh, I see. You begin to interest me — vaguely.

Marlowe: I’m a private dick on a case. Perhaps I’m asking too much, although it doesn’t seem too much to me somehow.

Clerk: Well, Geiger’s in his early forties, medium height, fattish, soft all over, Charlie Chan mustache, well-dressed, wears a black hat, affects a knowledge of antiques and hasn’t any, and, oh yes, I think his left eye is glass. [While describing Geiger, the Clerk openly ogles Marlowe as if to compare his body (favorably) with Geiger’s.]

Marlowe: You’d make a good cop.

Self mit Hut

Bild: Selber gemacht, Hut bezahlt;
Bookstore Scenes und Dialoge aus The Big Sleep, 1946, nach Filmsite.

Advertisements

Written by Wolf

6. November 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: