Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Das gotische Mahl-Stüblein

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Ein teutscheres Buch gibt’s gar nicht. Einzig schade, dass der Wechsel vom Mittel- zum Frühneuhochdeutschen dem Sprachstand von 1946 angeglichen ist; jetzt liest es sich streckenweise wie die Speisekarte einer Nürnberger Spezialitätenbude auf dem Altstadtfest. Nur dass es bei ungefähr gleich hohem Verhältnis von dokumentarischer zu unfreiwilliger Komik mehr Spaß macht.

Vergriffen wäre untertrieben, treffender ist es auf dem Weg vom Antiquarium zur Antiquität. Obwohl der materielle Wert ein Witz ist (gegenwärtig 2,38 Euro plus 3 Euro Porto und Verpackung), würde ich jeden verstehen, der mir das Stück stehlen will. Ich werde hier niemanden zu Straftaten auffordern, aber tun Sie das bitte bei jemand anders.

——— N. N.: Künstlerklagen, 1493 bis 16. Jahrhundert,
aus: Heinz Thiele (Hg.): Leben in der Gotik. Zeugnisse von den Daseinskräften eines Stiles in Texten und Bildern, gesammelt und mit Zwischentexten versehen, Published under Military Government Information Control, License No. US-E-101, Office of Military Government for Bavaria, Information Control Division US-Army, Verlag Kurt Desch München, Copyright 1946, 1. bis 8. Tausend gedruckt 1948, Abschnitt Vom Kunstwerk und vom Künstler, Seite 61 f.:

bitt gott für hannsen multscheren.

(Wurzacher Altar.)

Michel erhart pildhauer 1493 hanns holbein
maler, o mater, miserere nobis.

(Weingartner Altar.)

Mancher zur Meisterschaft sich kehrt,
Der nie das Handwerk hat gelehrt.

Kein Handwerk hat mehr seinen Wert,
Es ist mit großer Not beschwert …
Einer dem andern schafft zum Leid,
Betrügt sich selber mit der Zeit,
Keiner tut mehr, was er soll:
Man sudelt jetzt bei jedem Ding,
Nur damit der Preis gering.

Die Bilderpreise hochgetrieben,
Und die Farben schlecht gerieben,
Daß sie springen bald.
Alles schimmert ganz
In einem falschen Glanz.
Der Grund wird schlecht bereitet,
Verdammt, wer so arbeitet.
Die Welt wird so betrogen.

——— Peter Flötner, 16. Jahrhundert, ebenda:

Viel schöne Bild hab ich geschnitten
Künstlich auf welsch und deutschen Sitten,
Wiewol die Kunst jetzt nimmer gilt.
Ich künnt dann schnitzen schöne Bild
Nacket und die doch leben thäten,
Die wären veil in Mark und Städten.
So aber ich dasselb nit kann,
Muß ich ein anders fahen an
Und will mit meinen Hellenbarten
Eins großmächtigen Fürsten warten.

——— Joachim Sandrart: Teutsche Academie, 1675:

Es haben viel unserer Vorfahren, auch die meisten und berühmtesten deutschen Kunstmaler den Fehler gemacht, daß sie in allzu kleinen und überall mit Licht und Sonnenschein erfüllten Malstüblein gearbeitet haben: wodurch ihnen der Platz und die nötige Distanz fehlte, um von ihrem Modell und ihrer Tafel weit genug zurücktreten zu können, um ihre Arbeit von weitem zu besichtigen und zu beurteilen. So fehlte es ihnen an der richtigen einfallenden Lichtstärke, und die natürlichen Werte der Farben wurden beschränkt und verfälscht. Wären sie in einem anständigen Malzimmer gewesen, würden sie ihren trefflichen Werken viel mehr Leben, Kraft und Wahrheit gegeben haben.

Fachliteratur: Virginia Woolf: A Room of One’s Own, Hogarth Press, Richmond 24. Oktober 1929.

Doppelseite Heinz Thiele, Leben in der Gotik, 1946

Pilt: Die Nonne Marcia als Bildhauerin und Malerin. Holzschnitt aus: Boccaccio: Buch von den berühmten Frauen, Ulm 1475, postgotische Abfotografiertechnik aus: Thiele a.a.O.
Schönerer alternate take.

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Written by Wolf

30. Oktober 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Spätmittelalter

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