Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen)

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Unseins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt, ich glaub wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.

Woyzeck, 1836.

——— Wilhelm Büchner: Erinnerung an meinen Bruder Georg! Pfungstadt, Juni 1875, Nachlass:

Das blaue Aug, sein lockig Haar,
Die kühne Stirn mit dem Apollo-Bogen,
Ein schlanker, großer junger Mann,
geziert mit roter Jakobiner-Mütze,
Im Polen-Rock, schritt stolz er durch die Straßen
Der Residenz, die Augenweide seiner Freunde!

Es sind immer die Revoluzzer unter den Dichtern, über die zu den Jubiläen verbreitet wird, sie hätten uns „heute noch viel zu sagen“. Leider ist über den ganzen Feierlichkeiten zu Jean Paul, Richard Wagner und Giuseppe Verdi ein Georg-Büchner-Jahr gar nicht groß ausgerufen worden. So geht es einem Revolutionär, der hinterlässt: „Ruhm will ich davon haben, nicht Brod“: dass am Ende nur noch sein Bruder ihn mag.

——— Karl Vogt: Aus meinem Leben, Stuttgart 1896:

Offen gestanden, dieser Georg Büchner war uns nicht sympathisch. Er trug einen hohen Zylinderhut, der ihm immer tief unten im Nacken saß, machte beständig ein Gesicht wie eine Katze, wenn’s donnert, hielt sich gänzlich abseits, verkehrte nur mit einem etwas verlotterten und verlumpten Genie, August Becker, gewöhnlich nur der „rote August“ genannt. Seine Zurückgezogenheit wurde für Hochmut ausgelegt, und da er offenbar mit politischen Umtrieben zu tun hatte, ein- oder zweimal auch revolutionäre Äußerungen hate fallen lassen, so geschah es nicht selten, daß man abends, von der Kneipe kommend, vor seiner Wohnung still hielt und ihm ein ironisches Vivat brachte: „Der Erhalter des europäischen Gleichgewichtes, der Abschaffer des Sklavenhandels, Georg Büchner, er lebe hoch!“ — Er tat, als höre er das Gejohle nicht, obgleich seine Lampe brannte und zeigte, daß er zu Hause sei. In Wernekincks Privatissimum war er sehr eifrig, und seine Diskussionen mit dem Professor zeigten uns andern bald, daß er gründliche Kenntnisse besitze, welche uns Respekt einflößten. Zu einer Annäherung kam es aber nicht; sein schroffes, in sich abgeschlossenes Wesen stieß uns immer wieder ab.

Steckbrief Georg Büchner, 1835Sein Gesamtwerk, das auf 200 Seiten Reclamheftgröße passt, hat gerade erst im Sommer seine erste bahnbrechende historisch-kritische Ausgabe seit 1972 erlebt; die Theaterspielpläne bersten nicht gerade vor Neuinterpretationen seiner Dramen, drei an der Zahl; seine einzige Erzählung Lenz über dengleichnamigen Stürmer und Dränger qualifizierte ihn fürs Junge Deutschland, zu dem er partout nicht gehören wollte, solange die Kategorie Vormärz noch nicht erfunden war; seine paar Übersetzungen französischer Dramen werden in den gängigen Ausgaben aus Platz- und Relevanzgründen unterschlagen; Lyrik konnte er gar nicht; vor seinem politischen Verdienst, dem Hessischen Landboten, ist er schon zu Lebzeiten bis Straßburg und Zürich davongerannt — als klar wurde, dass eine verständnislose Bauernschaft sich für das Verteilen von 1500 Exemplaren selber an die Obrigkeit wandte, vor der sie gerettet werden sollte, und das im Deutschland der Karlsbader Beschlüsse für die Todesstrafe reichte — und forschte den Rest seines anrührend kurzen Lebens über die Schädelnerven von Rotbarben. — Von seinen Reden, „der materielle Druck, unter welchem ein großer Teil Deutschlands liege, sei eben so traurig und schimpflich, als der geistige; und es sei in seinen Augen bei weitem nicht so betrübend, daß dieser oder jener Liberale seine Gedanken nicht drucken lassen dürfe, als daß viele tausend Familien nicht im Stande wären, ihre Kartoffeln zu schmälzen u. s. w.“ (August Becker: aus Georg Büchners Verhör, posthum veröffentlicht 1. September 1837) ist er deswegen noch lange keinen hessischen Zollbreit abgerückt.

Zwischen den vorhergesehenen Gedenktagen für seinen 175. Todes- und 200. Geburtstag ließ sich der Weltgeist in Gestalt von Prof. em. Dr. Günter Oesterle gerade einmal herbei, auf einem Gießener Dachboden eine mutmaßlich neue, bis ausgerechnet jetzt verschollene Portraitzeichnung von ihm ans öffentliche Licht zu heben. Ob Georg Büchner oder seinen kleinen Bruder Wilhelm abbilden sollte, was frappierend wie Georg Büchner oder der junge Erroll Flynn aussieht, wird noch diskutiert.

Genau das trägt uns zu dem, was er uns „heute noch zu sagen“ hat: Ob es betrübender ist, dass dieser oder jener Internet-Nutzer seine Gedanken der Regierung übermittelt, oder dass viele tausend Familien Pfandflaschen aufsammeln gehen müssen, um ihre Kartoffeln zu schmälzen, bleibt ein eher gradueller Unterschied — und dabei immer noch unverhohlen der politische Wille. Nur dass beides heute nicht mehr im Namen des Feudalismus, sondern der Demokratie geschieht.

Wie feiert man so jemanden? — Indem man ein anständiger Mensch bleibt, egal ob einen hinterher noch einer mag. Wenigstens mal einen Tag lang, wäre das ein Vorschlag? Der Typhus kann einen ja schon mit 23 holen, darum ist heute ein guter Tag dafür. Genau wie morgen.

——— Georg Büchner: Stammbuchblatt für Heinrich Ferber, 3. September 1835,
nach dem Schinderhanneslied (Schluss), wiederverwendet in Dantons Tod, 1835:

Die da liegen in der Erden
Von de Würm gefresse werden,
Besser hangen in der Luft,
Als verfaulen in der Gruft.

Mutmaßlich Georg Büchner 1833

Bilder: Steckbrief Georg Büchner, 1835 via Silvae, 17. Okotber 2013;
August Hoffmann via Volker Breidecker:
Errol Flynn für Germanisten. Mutmaßliches Georg-Büchner-Bildnis entdeckt,
Süddeutsche Zeitung 27. Mai 2013, 30 cm x 20 cm, 1833.

Soundtrack: Hannes Wader: Trotz alledem, aus: Volkssänger, 1975.
Zitate nach der Münchner Ausgabe, hg. Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm, Edda Ziegler, Hanser 1988.

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Written by Wolf

17. Oktober 2013 um 00:01

2 Antworten

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  1. schöner Blog. Danke für die Adresse. Jay

    jay

    17. Oktober 2013 at 12:47


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