Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Dann, Engel, blas Posaune

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Das hab ich in den 1980er Jahren im Hüttenbuch der Albert-Gollwitzer-Hütte in Rehberg im Oberpfälzer Wald gefunden. Es war ein gedrucktes, ausgerissenes und mit Uhu eingeklebtes Blatt aus einer Zeitschrift, schon leicht gilbendes Hochglanzpapier, also aus keiner Zeitung, ich tippe ungefähr auf die tina. Weil man auch mit 15 soviel Anstand haben kann, keine Seiten aus Gästebüchern zu fetzen, musste ich es von Hand abschreiben. Das Blatt ist längst verloren, das Gedicht konnte ich so unzuverlässig auswendig, wie Gedächtniszitate sind.

Nicht einmal der Verfasser Anton Petzold war mir bewusst — erst jetzt, nach einer neuerlichen Internetsuche, die ich seit 1997 unregelmäßig danach unternehme. Der Text stand in stark verderbtem Zustand in einem Forum für Schachspieler. Hier ist es in eine glaubhafte, immerhin korrekte Form gebracht und nach meinen jahrzehntealten Erinnerungen behutsam verbessert. Sollten Sie von Abweichungen und Emendationen wissen: Ich werde sie dankbar einarbeiten.

Der Stil erinnert an ehrgeizige, allzuoft unbedarfte Lyrik pensionierter Studienräte. Also zeigen wir ein Minimum an Respekt und Wertschätzung für Eisenbahnerpensionäre in storchenroten Bundhosenstrümpfen und trabifarbenen Rentneranoraks, die Spaß daran haben, Volkslieder zu singen und die Kräuterschnapssorten des Oberpfälzer Waldes zu unterscheiden — gerne beides gleichzeitig: Wir dürfen uns glücklich preisen, wenn wir selber mal solche werden.

Offenbar steht das Gedicht dem recht nahe, was ich mit 15 selber gern fabriziert hätte; ein Gedicht von 48 Versen anzufertigen muss mir damals titanisch erschienen sein. Gereimt ist es blitzsauber (außer dem lässlichen „Beschlag“ auf „Schlag“ und dem etwas stammtischhumorigen „verdorschten“) — der souveräne Wechsel zwischen Kreuz- und Paarreim aber verleiht der Geschichte eine echt musikalische Dynamik.

Albert-Gollwitzer-Hütte

——— Anton Petzold: Die Schachpartie
aus: Gunter Müller (Hg.): Polygamie auf dem Schachbrett, Schachverlag Manfred Mädler, Düsseldorf 1981:

Das war im Restaurant „Modern“
am Tisch im Seitengange,
da spielten Schach zwei junge Herrn,
sie spielten gut und lange.
War eine Stunde um im Flug,
tat einer manchmal einen Zug,
denn jegliche Bewegung
im Schach braucht Überlegung.

Die Schar der Gäste ging nach Haus
beim Schall der Mittnachtsglocken.
Der Gastwirt dreht die Lichter aus,
die Spieler blieben hocken.
Bei einem Streichholz spielten sie
an ihrer langen Schachpartie.
So alle zwei, drei Stunden
ein Zug hat stattgefunden.

Sie spielten Tag um Tag fürwahr,
schon kam das Wochenende.
Der Mond verfloß, es schwand das Jahr,
das Spiel ging nicht zu Ende.
Sie sagten nichts, sie sprachen nichts,
nur manchmal blassen Angesichts
sie nach dem Kellner forschten,
damit sie nicht verdorschten.

Ihr Haar ward weiß, dann fiel es aus,
die Zähne sah man scheiden.
Großväter wurden sie zu Haus,
doch wußten’s nicht die beiden.
Das Ohr ward taub, das Aug‘ ward schwach,
nur manchmal schrie der eine: „Schach!“
Dann zog der andre Streiter,
und die Partie ging weiter.

Es traf sie eines Tags der Schlag
von hohen Alters wegen.
Gott nahm den einen in Beschlag,
der Satan den Kollegen.
Ein Engel fliegt hinab, hinauf,
dem tragen sie die Züge auf,
die sie sich ausgesonnen
in Qualen und in Wonnen.

Und Gott, der ew’ge Langmut hat,
er spricht mit guter Laune:
„Wenn diese Schachpartie einst matt,
dann, Engel, blas Posaune!
Dann, Petrus, naht der jüngste Tag!
Wann glaubst du, daß er kommen mag?“
Sankt Petrus sprach mit Beben:
„Glaub‘ nicht, daß wir’s erleben.“

Neuenhammer, Georgenberg, Rehberg, Pfifferlingstiel und Umgebung in Luftbild Oberpfalz

Bilder: Stiftung Bahn-Sozialwerk BSW; Luftbild Oberpfalz.

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Written by Wolf

10. Oktober 2013 um 00:01

2 Antworten

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  1. Hihi… das erinnert mich gerade irgendwie an was: meine autodidaktüsche Methode, Schach zu lernen – und zu spielen. In eingeschneiten thüringischen Berghütten und weltabgeschieden verregneten Sommern am See, nie weiter entfernt noch von irgendwelchem Pensioniertsein als da, aber vielleicht mal beim einen oder andern Kräuterschnaps und ’ner volksliedbereiten an der Wand lehnenden Klampfe… Eine Methode, die ich leider nie zur Perfektion bringen konnte – denn entweder schlief mein Schachgegner ein, weil ich ungefähr so lange für einen wohlüberlegten Zug gebraucht hab wie die zweie in der präsentierten Lyrik, oder das Wetter wurde inzwischen wieder besser. ;o)
    Aber is ’ne hübsche Erinnerung…

    hochhaushex

    12. Oktober 2013 at 10:28

    • In diese Gegend fährt man hauptsächlich, weil da die tschechische Grenze ist. Man lädt jeden Tag das Auto voll Einzelpersonen, von denen jede berechtigt ist, eine Stange Zigaretten und eine Bouteille Schnaps zollfrei zu exportieren. Als eine von solchen hab ich aus so einem zollfreien Büdchen für Oberpfälzer Billigtanker („Schweiner braten 4 Marck, Halbebier 0,50“) eine Flasche Wodka erstanden, der eine CD mit dem Smetana-„Vaterland“ angehängt war. Das darbietende Orchester steht da gar nicht drauf, aber ich finde die Aufnahme heute noch gelungener als die Barenboim-Version. Kulturland Böhmerwald :o)

      Sobald das eine CD war, stammt die allerdings wohl von einer anderen Bierreise als der von 1983. Es gab viele Zigarettenstangen zu exportieren.

      Wolf

      12. Oktober 2013 at 10:41


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