Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Frames in Zitaten (in Frames)

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——— Ludwig Tieck: Rahmenhandlung nach Liebeszauber, in: Phantasus, 1. Band, 1812:

Nicht wahr, diese sind die ächten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der nicht dergleichen zu erzählen wüßte, von der Grausamkeit der Menschen, der Bestechlichkeit der Ämter, der Unterdrückung der Armen? Von dem Elend, welches große und kleine Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch nirgend trösten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform beruhigt euer Gemüth nicht mehr mit der Nothwendigkeit, ja ihr könnt oft in diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde, Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können.

Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so bleibe ich doch unerbittlich!

Nun gut, sagte Manfred,

Sey ganz ein Weib und gieb
Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
Ergreift und dahin oder dorthin reißt.

Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern Theatern?

John Frankenheimer, All Fall Down, 1962

——— Thomas Mann: Lotte in Weimar, 3. Kapitel, 1939,
Friedrich Wilhelm Riemer beim Besuch von Charlotte „Lotte“ Sophie Henriette Kestner, geb. Buff, September 1816:

„Haben Sie Dank für das, was Sie Ihre Ungeduld nennen und was ich als einen sehr ritterlichen Impuls verehre! Freilich muß ich mich wundern, daß ein so privates Vorkommnis wie meine Ankunft in Weimar Ihnen schon zu Ohren gekommen ist, und frage mich, von wem Sie die Nachricht haben könnten — von meiner Schwester, der Kammerrätin vielleicht“, setzte sie mit einer gewissen Überstürzung hinzu, „zu der Sie mich unterwegs sehen und die mir meine Säumigkeit um so eher verzeihen wird, da ich ihr gleich von einem so schätzbaren Besuch zu berichten haben werde — und überdies zu meiner Entschuldigung anführen kann, daß ihm ein anderer, weniger gewichtiger, wenn uach recht belustigender schon vorangegangen ist: der einer reisenden Virtuosin des Zeichenstifts, die darauf bestand, in aller Eile das Portrait einer alten Frau zu verfertigen und damit freilich, soviel ich gesehen habe, nur recht annäherungsweise zustande kam … Aber wollen wir uns nicht setzen?“

„So, so“, erwiderte Riemer, eine Stuhllehne in der Hand, „da scheinen Sie, Frau Hofrätin, es mit einer jener Naturen zu tun gehabt zu haben, bei denen Sehnsucht und Streben nicht proportioniert sind und die mit wenigen Strichen zuviel leisten wollen

Was ich ergreife, das ist heut
Fürwahr nur skizzenweise
‚“,

recitierte er lächelnd. „Aber ich sehe wohl, daß ich der erste nicht auf dem Platze war, und wenn ich mich meiner Ungeduld einigermaßen disculpiert fühle durch die Bemerkung, daß ich sie mit anderen teile, so geht mir die Notwendigkeit, von der Gunst des Augenblicks einen sparsamen Gebrauch zu machen, nur desto zwingender daraus hervor. […]“

Michael Curtiz, Young Man With a Horn, 1950

——— Arthur Schopenhauer: Brief an Friedrich Gotthilf Osann, Florenz, den 29. Oktober 1822,
in: Carl Gebhardt (hg.): Der Briefwechsel Arthur Schopenhauers, Band 1, München 1929:

Werter Freund! Wieder steht jetzt der große Bär niedrig am Horizont, […] — wieder lebe ich unter der verrufenen Nation, die so schöne Gesichter und so schlechte Gemüter hat: am auffallendsten ist die unendliche Heiterkeit und Fröhlichkeit aller Mienen: sie kommt von ihrer Gesundheit und diese vom Klima: dabei sehn viele so geistreich aus, als ob etwas dahinter stäke; sie sind fein und schlau und wissen sogar, sobald sie wollen, brav und ehrlich auszusehn und sind dennoch so treulos, ehrlos, schamlos, daß die Verwunderung uns den Zorn vergessen läßt. Fürchterlich sind ihre Stimmen: wenn in Berlin ein einziger auf der Gasse so gellend und nachhallend brüllte, wie hier Tausende, so liefe die ganze Stadt zusammen: aber auf den Theatern trillern sie vortrefflich. […]

Der 2te Eintritt in Italien ist noch erfreulicher als der erste: mit welchem Jubel begrüßte ich jede italienische Eigentümlichkeit! Das uns ganz Fremde und Ungewohnte beängstigt beim 2ten Male nicht, wie beim ersten: selbst das Lästige, Widrige, Unbequeme wird als ein alter Bekannter begrüßt, das Gute weiß man zu finden und versteht es zu genießen. Ich fand, daß alles, was unmittelbar aus den Händen der Natur kommt, Himmel, Erde, Pflanzen, Bäume, Tiere, Menschengesichter, hier so ist, wie es eigentlich sein soll: bei uns nur so, wie es zur Not sein kann. […]

Mich freut bisweilen das Heterogene meiner Umgebung: ich belächle mich selbst, wenn ich mit einem weißen Domenikaner im Boboli promeniere und den Verfall der Klöster beseufzen helfe oder im kerzenhellen Urvätersaal einer Villa einer englischen Dame die Cour mache: „doch wenn in unsrer stillen Zelle das Lämpchen freundlich wieder brennt“ — dann bin ich wieder ich selbst und weiß, wo mein Leben eigentlich liegt: da wünsche ich denn auch von außen etwas zu vernehmen, was darauf Bezug hat. Sie wissen meine Wünsche hierüber, und ich kenne Ihre Güte. — Hat der neue Meßkatalog remarkable Philosphica gebracht?

Die Bilder aus John Frankenheimer: All Fall Down, 1962, und Michael Curtiz: Young Man With a Horn, 1950, entstammen der herrlich metaverkorksten Kategorie Frames within the Frame des wahrscheinlich grandiosesten überlebenden, ja immer noch quicklebendig bestückten und atemlos verfolgbaren Weblogs If Charlie Parker Was a Gunslinger, There’d Be a Whole Lot of Dead Copycats.

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Written by Wolf

15. Juli 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

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