Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Music kennt nichts als lauter Güte

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Der Tonsetzer (14. März 1681 bis 25. Juni 1767) zur Musiktheorie:

——— Georg Philipp Telemann: Cantata,
aus: Die MUSIC, als der edelste Zeitvertreib, bey abermaliger Eröffnung desselben. Den 12. Jan. 1723:

Tönet, schallet, klingt, ihr Saiten!
Füllet dieses Freuden=Haus
Mit den besten Liedern aus,
Welche zum Vergnügen leiten!
Tönet, schallet, klingt, ihr Saiten!

Recht so,
Du wehrte Musen=Schar!
Bezeige dich von Herzen froh,
Daß abermals ein neues Jahr
Erschienen,
Bey dem dir Glück und Wolseyn grünen,
Und deine Symphonien
Noch manchen Gönner an sich ziehen.
Drum ruf‘ ich noch einmal bey so beglückten Zeiten:
Tönet, schallet, klingt,ihr Saiten!

Den schön’sten Zeitvertreib in unserm ganzen Leben
weiß doch Music allein zu geben.
Denn alles, was wir sonst nur von der Wollust wissen:
Es sey ein guter Wein, ein leckerhafter Bissen,
Die Schlittenfahrt,
Das Spiel, die Jagd, und was noch mehr von solcher Ahrt;
Sind im Beschluß,
Nach vorgebrauchtem Ueberfluß,
Wo nicht mir Schaden, Schmerz, Verdruß,
Doch wenigstens mit Ungemach gepar’t.

Denis Dunaj, Cello Girl, 30. Juli 2012Allein Music kennt nichts als lauter Güte:
Der Anfang ist bequem,
Das Mittel angenem,
Das Ende wirkt ein ruhiges Gemüte.

Allen Kummer, alles Leid
Kann die Harmonie begraben.
Wie das Meer bey sanfter Stille
Seine Flut, als wiegend, reg’t:
Also wird des Menschen Wille
Durch der Töne Kraft beweg’t,
Daß ihn, frey vom Sorgen=Streit,
Sanfte Ruh‘ und Stille laben.

Da Capo.

Die Lust, der man sich ausser ihr geweyht,
Ist voller Unbeständigkeit.
Sie lässet uns, bevor wir sie verlassen.
Ein Schwelger wird nicht lange prassen,
So schreibet ihn der Arzt zu seinen Kunden an;
Ein Spieler leg’t die Würfel nieder,
Wenn ihm das Glück zugethan;
Ein Jäger, welcher Tag und Nacht
im Walde zugebracht,
Kömmt öfters ohne Wildprett wieder;
Ein Schlittenfahrer hör’t die Schellen nicht mehr klingen,
So bald der feuchte West
Den Schnee zerschmelzen läss’t;
Und also auch in andern Dingen.
Dieß hat Music nicht zu besorgen.
Die klinget heut und klinget morgen,
UJnd bietet sich durchs ganze Jahr,
Ohn‘ allen Nachtheil und Gefahr,
Uns zum Ergetzen dar.

Freude des Himmels, Ergetzen der Erden,
Edelste Klinge=Kunst, süsseste Lust!
Laß uns in deinem begeisterten Wesen
Jener Vollkommenheit Inbegriff lesen,
Wo wir durch Singen belustiget werden,
Welches hier unten noch niemand bewust.

Da Capo.

In ihrer Herrlichkeit
Ist dieses auch zu zählen:
Wenn unser Bau des Leibes Risse kriegt,
Und wenn des Alters Hand den steifen Rücken bieg’t,
Wo aller Lüste Scherz sich von ihm selbst verbeut:
So kann man die Music doch noch zum Labsal wählen.
Die machet uns kein nagendes Gewissen,
Weil sie die Unschuld selbst erlaubt und billig heiss’t;
Es stärkt ihr rührend Werk den halb erstorb’nen Geist,
Und bettet unser Haupt auf sanfte Ruhe=Küssen.

Hagel, Schlossen, Wind und Wetter
Hemmen nicht des Klanges Lauf.
Ist der Winter auf den Gassen?
Wo sich Saiten hören lassen,
Blüht der Anmut Frühling auf.

Da Capo.

Wolan, ihr Musen, fahret fort
Mit Hand und Wort,
Bey dieser neuen Zeit, auf neue zu vergnügen!
Die Schickung wird den Fortgang glücklich fügen,
Und euer Schallen
Nicht eben jedermann mißfallen.

Erquicket noch ferner die Herzen und Sinnen,
Und jag’t durch lieblichen Gesang,
Vermischet mit der Saiten Klang,
Die quälenden Sorgen mit Freuden von hinnen!
Erquicket noch ferner die Herzen und Sinnen!

Der Himmel nem‘ indeß durchs ganze Jahr
Hier diese kleine Welt, das liebste Hamburg, wahr!
Gesegnet müssen seyn die Väter dieser Stadt,
Durch die das Recht im Schwange gehet,
Durch deren Schutz der Bürger Pflicht bestehet,
Daß jedermann sein Brodt in Ruh zu essen hat!
Gesegnet müssen seyn, die für die Selen wachen;
Gesegnet, die ums allgemeine Heyl
Sich Müh‘ und Sorge machen;
Gesegnet Handel, Kunst, Gewerbe, Thun und Lassen;
Und alles kurz zu fassen:
Es neme Groß und Klein hier an dem Segen Theil!
So wird, wenn überall die Wünsche wol gelingen,
Auch unsere Music gedoppelt besser klingen.

Mit Freuden fängt das Jahr sich an;
Mit Lust erwarten wir das Ende.
Mischt ein Lamento sich mit ein:
So lasst Music das Sinnbild seyn.
Wie die bald frisch, bald traurig klingen kann:
So bieten Lust und Last im Leben sich die Hände.
Mit Freuden fängt das Jahr sich an;
Mit Lust erwarten wie das Ende.

Die Musikerin (leibt, lebt und liebt noch) zur Kniegeigenpraxis:

——— Hille Perl: Concertare. Die Lust am Spiel,
aus: Booklet zu Telemann Concertos for Viola da Gamba, Winkelsett, 12. August 2006:

Georg Philipp Telemann, der große und prägende Musiker, dessen Werk vermutlich sowohl in Quantität als auch Qualität unübertroffen ist, hat der Nachwelt das musikalische material hinterlassen, welches diese CD enthält. Für einen Menschen des 21. Jahrhunderts ist es kaum nachzuvollziehen, wie ein Arbeitstag des Großmeisters sich gestaltet haben muss. Er hinterließ uns 1400 Kirchenkantaten, etwa 50 Opern, mehrere hundert Orchesterwerke, daneben Instrumentalmusik für die verschiedensten Besetzungen, Solowerke mit oder ohne Begleitung,. Kaum ein anderer Musiker der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat das musikalische Leben seiner Zeit durch so viele Experimente, Stile und Techniken bereichert. Dadurch, dass er viele seiner Instrumentalwerke persönlich zur Drucklegung stach, erreichte er eine weit reichende Publikation seiner Werke, die eine ungeheure Popularität Telemannscher Musik nach sich zog.

Denis Dunaj, Cello Girl, 30. Juli 2012Sein Sprachwitz befähigte ihn darüber hinaus, sich als Dichter zu betätigen, zahlreiche Sonette, einige Libretti und zwei Autobiographien, daneben viele Briefe sind uns bis heute erhalten. Später im Leben beschäftigte er sich mit Gärtnerei, unter anderem tauschte er Blumenzwiebeln und Pflanzen, auch mit seinen Musikerfreunden Georg Friedrich Händel und Pisendel.

Die Entwicklung des instrumentalen Konzertes von einer simplen Interaktion zwischen zwei oder drei Instrumenten in einer mehr oder weniger traditionellen Sonate, bis hin zu einem Werk, in dem ein Soloinstrument von einem Apparat von Streichern oder einem erweitwerten Orchester begleitet wird, ist in Telemanns Werk ebenso wie auf dieser CD dokumentiert. […]

Vermutlich würden auch Musikwissenschaftler zustimmen, wenn wir behaupten, dass die Orchestersuite in D-Dur für Viola da Gamba und Streicher die Bezeichnung „Konzert“ in jedem Sinne zu tragen berechtigt ist: es gibt ein solistisches Instrument, welches mit dem Orchester interagiert und von ihm begleitet wird. Es gibt eine Ouvertüre im Anfang, bei der übriens die Gambe im Unisono mit den ersten Geigen geführt wird, bis die solistischen Einlagen beginnen, gefolgt von einem binären Charakterstück und fünf normalen Suitensätzen, bei der die Gambe und das Orchester über dem Continuo oft alternierend eingesetzt werden. […]

Meine hauptsächliche musikalische Partnerin in diesem Projekt, sowohl als Solistin als auch als Leiterin und Konzermeisterin des Orchesters, ist Petra Müllejans: Ihre geniale und variable Weise der Klangerzeugung, die Vielfalt an Artikulationen und Farben, die mit ihrem Bogen hervorzaubert, sind für diese Musik und für meine Herangehensweise an diese Musik die perfekte Ergänzung und Inspiration. Diese Art der Kommunikation, die weit über das, was wir mit Worten vermitteln können, hinausgeht, macht diese CD auch zu einem Dokument der schwesterlichen Verständigung zwischen Petra und mir. Vermutlich sind uns einige der langsamen Sätze langsamer geraten, als es historisch korrekt oder vertretbar wäre — aber wir fühlten uns oft in der Musik so wohl, dass wir den Moment strecken und verlängern wollten, so lange es eben geht: Dies ist eine der Freiheiten, die uns die Musik ermöglicht, eine andere ist wohl die, durch die Töne zu fliegen, frei und wild wie die Vögel, ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen und ohne die Gefahr, jemals am Baum zu landen.

Vermutlich ist es vermessen, unseren Lebensstil auch nur im Geringsten mit der menschlichen Existenz im 18. Jahrhundert zu vergleichen; trotzdem möchte ich uns daran erinnern, wie ungeheuer produktiv und kommunikativ ein Charakter wie Telemann zu seiner Zeit war, obwohl ihm die technologischen Forschritte unserer Zeit gerade auf diesen Gebieten verwehrt waren.

Den großen Respekt, den ich diesem Meister zolle, möchte ich hiermit zum Ausdruck bringen; sein Leben, sein Leiden, seine fantastische Musik und auch der große Spaß, den er sicherlich hatte, sollen nicht vergessen werden. All das ist ein Teil unserer kulturellen Identität, die wir weiterleben, um uns daran zu erinnern, wohin wir in der Zukunft wollen. Ohne große Musik in unserem Leben haben wir vermutlich keine Zukunft.

Suite in D-Dur für Gambe, Streicher und Basso continuo:
1. Ouverture; 2. La Trompette; 3. Sarabande; 4. Rondeau; 5. Bourée; 6. Courante & Double; 7. Gigue.

Hille Perl: Viola da gamba
Freiburger Barockorchester:
1. Violine: Petra Müllejans, Kathrin Tröger, Gerd-Uwe Klein
2. Violine: Brian Dean, Annelies van der Vegt, Karin Dean
Bratsche: Christa Kittel, Sabine Dziewior
Cello: Ute Persilge
Violon: Matthias Müller
Laute: Lee Santana
Cembalo: Torsten Johann

Aufgenommen im Paulussaal Freiburg im Breisgau, 17. März 2006.

Text- und Videobilder: Denis Dunaj: Cello Girl, 30. Juli 2012.

Written by Wolf

25. Juni 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Barock, Schall & Getöse

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