Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

In lieblicher Bläue

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Warum 2013 kein großes Hölderlin-Jahr gefeiert wird? Weil der Kulturbetrieb einschließlich seiner Nutzer mit den Jubiläen ausgelastet ist, die auf -13 enden, und sich deshalb noch bis 2018 zum 175. Geburtstag gedulden will, um das angemessen durchzuziehen. Hoffe ich.

Hölderlin wird in dieser Welt wohl kein Publikumsrenner mehr: viel zu langweilig, weil an die engsten literarischen Formen gebunden (Elegien, Hymnen, Oden), setzt viel zuviel voraus (Mythologie! Teleologie! Erinnerungsstrukturen! Wer will noch?), halsbrecherische Syntax, auch wenn das Metrum verständlichere Satzbauten zuließe, um schierer Verfremdung willen, bis zur Weltfremdheit hochgespannte Themen, und bietet für die Anstrengungen, ihn zu verstehen, keinerlei alltagstaugliche Einsichten und schon gar keine Handlung. Der Mann ist durch.

In lieblicher Bläue fällt aus den Kategorien der lyrischen wie der prosaischen Formen heraus. Geschrieben wohl 1808, wurde es ein einziges Mal als Teil Phaëton zu Hölderlins Lebzeiten gedruckt — einem Roman aus der Gymnasiastenzeit von Hölderlins Freund Friedrich Wilhelm Waiblinger — erst 1823.

Laut der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe schreibt Waiblinger am 11. August 1822, also 18-jährig, in sein Tagebuch: „Hölderlings Geschichte benütz‘ ich am Ende.“ Stil und Vorstellungen deuten darauf, dass Waiblinger Hölderlins Aufzeichnungen benutzt hat — mit dessen Wissen und Einverständnis, also nicht plagiiert. Unklar bleibt dabei allerdings, ob er Hölderlin unverändert wiedergibt oder Eigenes einfließen lässt.

Es ist ein bestürzend befremdliches Stück, das gerade in seiner Prosaform aus dem Roman sein skurriles Funkeln entfaltet. Meistens wird es, wohl wegen seines „hohen“ Stils, als Gedicht wiedergegeben; ich zitiere hier nach der Frankfurter Ausgabe: Dort steht es im ersten Band mit den sämtlichen Gedichten — und zwar nicht zeitlich eingeordnet, sondern als Anhang. Ich finde das einzig passend.

Vor allem auch: Falls das Stück wirklich von 1808 stammt, war Hölderlin da seit zwei Jahren offiziell „umnachtet“, womit es das Ausgefeilteste wäre, was der „verstummte“ Hölderlin noch niedergeschrieben hat. Als eine derart schwarze Perle wird es mir nirgends angeboten — aber ich finde nichts Anderslautendes.

Die Rechtschreibung ist dadurch behutsam nach den Maßgaben des Herausgebers Jochen Schmidt und des Deutschen Klassiker Verlags modernisiert; die originale Rechtschreibung zeigen die Faksimiles der Bremer Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe.

——— Friedrich Wilhelm Waiblinger: Phaëton. Zweiter Theil,
Stuttgart: Verlag von Friedrich Franckh 1823, Seite 153 bis 156:
Friedrich Hölderlin: In lieblicher Bläue, 1808.
Fakismile beim Archiv der Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe Bremen:

In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der Kirchturm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Tore an Schönheit. Nämlich, weil noch der Natur nach sind die Tore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch sein? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie die Himmel? dieses glaub‘ ich eher. Des Menschen Maß ist’s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.

———————

Kevin Carlyle, Blue Dress, Spingfield, Missouri, 28. März 2007Gibt es auf Erden ein Maß? Es gibt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug‘ oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O! ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz, und ganz nicht mehr zu sein, gefällt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben, sonst reicht an das Mächtige auf Fittigen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist’s. Du schönes Bächlein, du scheinest rührend, indem du rollest so klar, wie das Auge der Gottheit, durch die Milchstraße. Ich kenne dich wohl, aber Tränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh‘ ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhof. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen, nämlich ich hab‘ ein Herz. Möcht‘ ich ein Komet sein? Ich glaube. Denn sie haben die Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer, und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrtenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrten aber gibt es in Griechenland.

———————

Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darin sein Bild, wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, hingegen Licht der Mond. Der König Oedipus hat ein Auge zuviel vielleicht. Diese Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt’s daher. Wie ist mir’s aber, gedenk‘ ich deiner jetzt? Wie Bäche reißt das Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnet. Natürlich dieses Leiden, das hat Oedipus. Natürlich ist’s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft haben die nicht Leiden auch getragen? Nämlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden. Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu teilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerflecken ist bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz überdeckt zu sein! Das tut die schöne Sonne: nämlich die ziehet alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen.
Die Leiden scheinen so, die Oedipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 153

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 154 bis 155

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 156

In lieblicher Bläue: Kevin Carlyle: Blue Dress, Springfield/Missouri, 28. März 2007.

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Written by Wolf

7. Juni 2013 um 00:01

4 Antworten

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  1. Enthält einige Grundgedanken Hölderlins: Widerspiegelung von Himmel und Erde. Auf dem Kirchdach („rührendste Bläue“) und im einfachen Leben des Küsters der Kirche, der von der ernst-heiligen Stimmung dort geprägt wird. Das Himmlische bringt das Kirchdach und den Menschen zum Blühen, bildet ihn: „Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch sein?“ Ja, wenn er versucht, in lauterer Heiterkeit und Reinheit, das Göttliche widerzuspiegeln. Im Bestreben der Seele feurig wie ein Komet und trotzdem rein und klar wie das Eis, das ihn bildet.
    Diese moralische Schönheit wurde in Griechenland verehrt („Myrten aber gibt es in Griechenland“). Im tragischen bildenden Streit mit dem Himmlischen wurden griechische Helden geprägt und auch tödlich verwundet. Aber: „Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.“
    Leben und Tod sind zwar Gegensätze, aber sie gehören zusammen. Leben ist Tod meint, dass alles Lebende stets und jeden Augenblick auch stirbt. Das Leben spiegelt den Tod, der Tod spiegelt das Leben. Der Himmel gehört zur Erde und die Erde zum Himmel. Sie spiegeln sich im dichterischen Leben des Menschen.
    (So ähnlich wohl nach Heidegger!)

    Robo

    24. Juni 2014 at 13:00

    • Irgendwie war zu erwarten, dass Heidegger Umnachtete recht gut versteht … Immerhin dankeschön für die Interpretationshilfen!

      Wolf

      24. Juni 2014 at 15:21

  2. Das ist unglaublich abgehoben und nur spekulativ zu verstehen. Was aber m.E. interessant und einigermaßen nachvollziebar ist, ist das „doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde“. Das ist offenbar für Heidegger zentral. Hölderlin war der Ansicht, dass dieses „dichterische Wohnen“ des Menschen nur im „Frühling“ des alten Griechenland wirklich gegeben war. Sie spiegelten in ihrer Mythologie dichterisch die himmlische Schönheit der Natur und das Leben der Menschen: Erde und Himmel. Dabei entwarfen sie eine dichterische Religion der Schönheit und Kunst. Berühmt ist in diesem Zusammenhang auch das „verrückte“ Gedicht „Hälfte des Lebens“:

    Mit gelben Birnen hänget
    Und voll mit wilden Rosen
    Das Land in den See,
    Ihr holden Schwäne,
    Und trunken von Küssen
    Tunkt ihr das Haupt
    Ins heilignüchterne Wasser.

    Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
    Es Winter ist, die Blumen, und wo
    Den Sonnenschein,
    Und Schatten der Erde?
    Die Mauern stehn
    Sprachlos und kalt, im Winde
    Klirren die Fahnen.

    Die Schwäne sind das antike Symbol für die Dichter, die sich, die Natur, den Himmel trunken in der Dichtung widerspiegeln und innig vereinen. Das Wasser des Sees, ihr “heilignüchterner” Geist, reflektiert die heilige Schönheit des Himmels und der Welt. Im Winter kann die Schönheit, der Welt nicht mehr widergegeben werden: der See ist zugefroren. Nicht mehr die Sprache der Dichtung erklingt, sondern es klirren die Wetterfahnen, die die Natur technisch widergeben und deuten. Der Mensch wohnt nicht mehr dichterisch: Das Heilige, Schöne, kann nicht mehr erfahren werden und den Menschen (moralisch, harmonisch) bilden. Schuld ist für Heidegger unsere moderne naturwissenschaftlich-technische Weltdeutung des Seins als materielle Gegenständlichkeit, die jede spirtuelle Welterfahrung zerstört („Seinsvergessenheit“ seit der Antike).

    Robo

    24. Juni 2014 at 17:47

  3. […] ausgedrückt – der Glutkern des Vulkans. Der Glutkern, der ALLES heizt. Dieser scheint unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich zu […]

    Der Glutkern (I) | opablog

    1. Dezember 2015 at 18:03


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