Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!)

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Update zu Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie:

Moritz-PortraitE.T.A. Hoffmanns „Herausgeber“, an den sich sein unten ausschnittsweise zitierter Offener Brief richtet, ist Johann Daniel Symanski, der seit Januar 1819 in Berlin Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser verlegte, der ab Mai 1820 verboten wurde. Als Nachfolgeprojekt gründete Symanski ab 1821 Der Zuschauer bei Traugott Trautwein, wieder in Berlin.

Als zu der Zeit schwermoderner Erfolgsschreiber — und ebenfalls aus Königsberg stammender Berliner — war Hoffmann einer der ersten, den Symanski um Mitarbeit anging. Um sich den zusätzlichen Schreibauftrag leicht zu machen, gestaltete Hoffmann den Offenen Brief, in dem er in ungewöhnlich tiefen Details seine aktuelle Arbeit am Kater Murr offenlegte, und dem er außerdem ein Billet des reisenden Enthusiasten anhängte — einer seiner Standardfiguren noch aus den Fantasiestücken in Callots Manier, die er hier zum letzten Mal bemüht.

Murr, der einst vierpfötig auf Erden wandelnde Kater, scheint viel Zeit aufs Brüten und Spinnen verwendet zu haben: Das Schreiben an den Herausgeber ist vermutlich im Oktober oder November 1820 entstanden (weil die darin behandelte Gemäldeausstellung „in den Sälen des Akademie-Gebäudes auf der Neustadt“ Ende September bis Anfang November 1820 dauerte); wie darin angekündigt am zweiten Teil des Kater Murr weitergearbeitet hat Hoffmann wahrscheinlich erst ab Mitte 1821.

Jeder, der mit kunstsinnigen Katzen zusammenlebt, kann das verstehen.

——— E.T.A. Hoffmann: Schreiben an der Herausgeber
in: Der Zuschauer. Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung, Nr. 1, Berlin, 2. Januar 1821, Seite 2 bis 4,
zitiert aus dem abgebildeten Band (bei 92 Euro ein leider auch materieller Schatz, der vom Verlag nicht als Taschenbuch vorgesehen, aber jeden Cent wert ist — daher nur geliehen):

Ich bin nämlich eben jetzt darüber, die Papiere des Katers Murr in Ordnung zu bringen, um den zweiten und dritten Teil seiner merkwürdigen Lebensansichten herausgeben zu können. Der Gute schreibt zwar eine passable Pfote, indessen kann er von gewissen Gewohnheiten nicht ablassen, die auf manche Stelle in seinen Manuskripten ein schwer zu durchdringendes Dunkel werfen. So wie mancher eitle, stolze Dichter sich, scheint ihm eine Stelle, die er eben gedichtet, über die Maßen vortrefflich, im Hochgefühl seiner Größe von seinem Sessel erheben und Aug‘ und Nase gen Himmel kehren mag, so pflegt sich Murr, übermannt ihn beim Schreiben das Gefühl seiner Vortrefflichkeit, sich schnurrend in der Stellung aufzurichten, die man im gewöhnlichen Leben „Katzenbuckel“ nennt. Bei dieser Gelegenheit fährt der Teure mit seinem Schweife vergnüglich hin und her, und oft eben über die Stelle weg, die ihn entzückt hat, so daß sie an Deutlichkeit merklich verliert. – Sie werden die Ideenverbindung natürlich finden, die mich antreibt, stoße ich in irgend einem neuen Dichterwerk auf glänzenden Galimathias, der ganz gewiß den Schöpfer in Erstaunen über sich selbst gesetzt hat, unwillkürlich rufe: Gekatzbuckel! –

Doch, – ich bemerke, daß ich ohne es zu wollen, Ihnen verrate wie sich der vortreffliche Kater Murr eben bei mir befindet. – Es ist dem so; eben sitzt er am Ofen mit dicht zugekniffenen Augen und spinnt. – Gott weiß über welchem neuen Werk er brütet. –

Ich bitte, Verehrtester! sagen Sie von Murr’s gegenwärtigem Aufenthalt nichts weiter. Literatoren, Ästhetiker und auch wohl Naturhistoriker könnten auf die Bekanntschaft des lieben Vieh’s begierig werden und würden es nur in seinen tiefsinnigen Meditationen stören.

Lebens-Ansichten des Katers Murr, 27. Februar 2013

Besonderes Augenmerk bitte ich in diesen Zusammenhängen auf die Ausführungen des Katers Paul zu richten, der vom 13. bis 18. Januar 2011 das vielschichtige Verhältnis zwischen dem Kater Murr und seinem E.T.A. Hoffmann eingehend recherchiert dargestellt hat:

Bilder: Moritz, vom Gefühl seiner Vortrefflichkeit übermannt, 1. Quartal 2013. Wir nennen es lesen.

Soundtrack: Katzenjammer, damals noch zu dritt:
Demon Kitty Rag (I’ll be your nightmarre mirror“) aus: Le Pop, 2008.

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Written by Wolf

19. April 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

2 Antworten

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  1. Hört man denn etwas, ob in absehbarer Zeit die ganz eigenen schnurrigen Lebensansichten des vortrefflichen Kat(z)ers Mor(itz) dem erwartungsvollen Leser zugänglich gemacht werden – über und um einen Haushalt, in dem Mensch und Gazz sich lebt, liest und literiert? Hält er den Fortgang des Manuskripts vor dem Katzenkrauler noch geheim…? Oder bevorzugt weiterhin die geistreichen Episoden in Dialogform mit ihm? ;o)
    Jajah… ich ahn’s schon: man steckt ja nicht drin. Hach, aber man möcht‘ ihn schnurren hören. :o)

    hochhaushex

    28. April 2013 at 07:47

    • Ist das die Frage, ob ich die 92-Euro-Ausgabe zu erwerben gedenke? Dann: Nein, um Himmels willen. — Ist es die Frage, ob eine Ausgabe Kater Murr vorliegt? Dann: Aber ja, keine Angst :o)

      Wolf

      28. April 2013 at 10:23


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