Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen.

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Ein müßiger, elitärer Gelehrtensport ist es, einen beliebigen Schreiber mit einem anderen zu vergleichen; von irgendwas müssen die ganzen anfallenden literaturwissenschaftlichen Proseminararbeiten ja handeln. Richtig sinnvoll, wenn nicht gar ansatzweise interessant wird es bei Jean Paul im Vergleich zu Goethe. Das ist ein Spannungsverhältnis auf persönlicher wie literarischer Ebene — entfernt der Bewusstseinsunterschied zwischen Wagnerianern und Brahmsianern oder jünger: zwischen HipHop und Techno, Vampiren und Werwölfen, München-Schwabing und Berlin-Mitte, Scrubs und Dr. House. Der Unterschied ist: Goethe hatte Verehrer und Verehrerinnen, Jean Paul hatte Fans und Freundinnen.

Einst war es höchster Wunsch und hehrstes Ziel aller deutschen Kunstschaffenden, an den Hof des jungen kunstsinnigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach vorgelassen zu werden und fortan sponsern zu lassen, um seinen möglichst früh eintretenden Lebensabend lang in einer Art sorgenbefreiter Gelehrtenrepublik dem zu obliegen, was sie am besten und liebsten taten. Ein durchaus erstrebenswerter Lebensentwurf. Ab dem Ende der Aufklärung bildete sich sich erst ein Künstlerkreis um Herder und Wieland, ab dem Sturm und Drang um deren charismatische jugendlichere Ablösung Goethe und Schiller die genuine Weimarer Klassik. Zweimal in seinem Leben begehrte auch Jean Paul Einlass: zum ersten Vorfühlen 1796, als er in Gestalt seines Hesperus ausreichende Erfolge auf dem richtigen Schaffensgebiet vorweisen konnte, ernsthafter geplant ab Oktober 1798, als er für zwei Jahre nach Weimar übersiedelte, um den Titan zu schreiben.

Es ging nicht gut. Wie Jean Paul es anstellte und warum es schief laufen musste, wurde während der gerade abebbenden Feierlichkeiten um Jean Pauls 250. Geburtstag immer wieder in Schillers griffiger, süffiger Formulierung zusammengefasst, der Mann wirke wie „aus dem Mond gefallen“ — also nicht geradezu feindselig oder schädlich für den eingeschworenen Weimarer Musenhof, nur eben fremdartig wie eine Birne unter Äpfeln, in einer vollständig anderen Einheit gerechnet, immer wieder der Weltfremdheit bezichtigt: inkommensurabel.

Genauer erklärt wurde das nie — nirgends, wo es mir aufgefallen wäre. Offenbar ist es auch ein weithin vernachlässigter Gegenstand in der Forschung um Jean Pauls Werden und Streben. Wirklich in die Tiefe ging erst so kürzlich, dass es als Teil der besagten Feierlichkeiten gelten muss, Jean Pauls als Enzyklopäde naher Geistesverwandter Ulrich Holbein.

Schiller an Goethe, Jena den 28. Juni 1796,
zitiert nach der revidierten Neuausgabe von Emil Staiger, Schluss:

Chinesischer Turm in München, WikivoyageVon Hesperus habe ich Ihnen noch nichts geschrieben. Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete; fremd, wie einer der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht. Doch sprach ich ihn nur einmal und kann also noch wenig von ihm sagen.

Sch.

„Sprach ich“ den „Hesperus“: Schiller gebraucht hier den Romantitel, zu der Zeit in Weimar das größte Ding seit dem 1787er Werther-Fieber, als Synonym für Jean Paul selbst. Außer seinem Bonmot mit dem Monde wird noch gerne Goethe angeführt:

Göthe an Schiller: Epigramm für den Musen-Almanach für das Jahr 1797:

Hier ein kleiner Beitrag; ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihn brauchen können, daß mein Name darunter stehe. Eigentlich hat eine arrogante Äußerung des Herrn Richter mich in diese Disposition gesetzt.

Der Chinese in Rom.

Einen Chinesen sah ich in Rom, die gesammten Gebäude,
     Alter und neuerer Zeit, schienen ihm lästig und schwer.
Ach! so seufzt’ er, die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen
     Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
Daß an Latten und Pappen, und Schnitzwerk und bunter Vergoldung
     Sich des gebildeten Aug’s feinerer Sinn nur erfreut.
Siehe, da glaubt’ ich, im Bilde, so manchen Schwärmer zu schauen,
     Der sein luftig Gespinnst mit der soliden Natur
Ewigem Teppich vergleicht, den ächten, reinen Gesunden
     Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

Formal nicht gerade Goethes renommierfähigstes Bravourstück, dabei ist die „arrogante Äußerung des Herrn Richter“ nicht einmal überliefert (worin ich mich allerdings berichtigen ließe: Die Kommentarfunktion ist geöffnet). Mehr fällt einem Normalleser kaum auf.

Als gelegentlich außernormaler Leser stößt man unter Umständen in der 2002er Manesse-Ausgabe Der Komet auf das Nachwort vom soeben verstorbenen Ralph-Rainer Wuthenow (seine gedankliche Raffinesse war erhellend), um zu lernen, dass Goethe über seinem Alterswerk doch noch seinen inneren Frieden mit Jean Paul geschlossen hat:

Ralph-Rainer Wuthenow, 16. September 2005, Toms Grinbergs, LU Preses centrsIn den „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des Westöstlichen Divans“ erklärt Goethe, eine Bemerkung des Orientalisten J. von Hammer aufgreifend, der in Jean Pauls Schriften die Freiheit der Einbildungskraft und die Larve von Laune und Witz entdeckte, unter dem Stichwort „Vergleichung“, daß kein deutscher Schriftsteller sich der orientalischen Poesie so sehr angenähert habe wie Jean Paul. Das macht Goethe, der noch lange Zeit Mühe hatte, dem sonderbaren Erzähler gerecht zu werden, offenkundig nachdenklich. Er räumt ein, daß die Werke dieses Schriftstellers von verständigem, unterrichtetem, ja durchaus frommem Sinne zeugen; der begabte Geist blickt iin gleichsam orientalischer Weise in die Welt, stellt höchst seltsame Bezüge her und „verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, daß ein geheimer ethischer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze zu einer gewissen Einheit geleitet wird“. Goethe muß sich offenbar ein wenig Mühe geben, die Anregung v. Hammers aufzunehmen und weiterzuspinnen. Dann aber wird er genauer, indem er auf die historische Differenz hinweist, die weit mehr ist als nur ein zeitlicher Abstand, dergestalt nämlich, daß, wenn die orientalischen Dichter „in einer frischen, einfachen Region gewirkt, dieser Freund hingegen in einer ausgebildeten, überbildeten, verbildeten, vertrakten Welt leben und wirken, und eben daher sich anschicken muß die seltsamsten Elemente zu beherrschen“.

Allerdings sind, wie Goethe wohl sieht, die materiellen und sozialen Verhältnisse derartig verschieden, daß eine Fülle scheinbar absurder Einzelheiten der gegenwärtigen „überbildeten Welt“ zum Material der spielerischen Verknüpfung werden kann, so daß nun ein dem Orientalen ähnlicher Geist durchaus berechtigt sein mag, „dieselbe Verfahrungs-Art auf einer völlig verschiedenen Unterlage walten zu lassen“.

Noch mehr ist Goethe bereit, dem Widersacher zuzubilligen: Um in einer so späten Epoche geistreich zu sein, ist er veranlaßt, „auf einen, durch Kunst, Wissenschaft, Technik, Politik, Kriegs- und Friedensverkehr und Verderb so unendlich verclausulierten, zersplitterten Zustand“ auf vielfache Weise anzuspielen. Somit meint Goethe, die an Jean Paul bemerkte Orientalität hinreichend bestätigt und seine antiklassizistische Darstellungsweise gerechtfertigt zu haben. Da er überdies als Prosaautor freier und verwegener vorgehen kann, meint Goethe weiter, als der durch Reim, Rhythmus, Parallelismus und andere eng gebundene Poet, so kann er es sich auch leisten, das Geschmacklose nicht auszugrenzen, das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich zu sondern. Dann weiß sich der Leser mit dem Gebotenen rasch anzufreunden — „alles ist erlaubt und willkommen“. Indem nun Jean Paul alles mit allem scheinbar willkürlich verknüpft, regellos abschweift, Einschübe wie Arabesken sich gestattet, Extrablätter einlegt, die Erzählung mutwillig unterbricht, Thema und Tonart überraschend wechselt, zeigt sich eine sozusagen orientalische Besonderheit, und Goethe nimmt Gelegenheit, frühere scharfe polemische Äußerungen glaubhaft zu korrigieren.

So glaubhaft nahe jedenfalls, wie Goethe wahrscheinlich jemals einer Entschuldigung gekommen ist. Ein paar von einem Orientalisten angeregte höchst seltsame Bezüge, die das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich sondern müssen, und schon bemerkt man an dem weiland Chinesen vom Mond immerhin Orientalität. Hauptsache, er hat sich aus Weimar ferngehalten.

Nehmen wir einfach hin, dass die zweie sich nicht mochten. Dergleichen unterläuft in der Welt; ich zum Beispiel finde Dr. House ganz gut, werde zuweilen in Schwabing gesichtet, dafür mag ich weder HipHop noch Techno und habe deshalb weder Verehrer noch Fans. Man lernt damit zu leben. Warum sollten die Träger der Weimarer Klassik da auf einer so völlig verschiedenen Unterlage walten?

Und dann fällt im Februar 2013 dieser Klappentext zum o.a. Ulrich Holbein aus dem Mond (gekürzt):

Goethe und Jean Paul hätten kongeniale Brüder sein können, doch Goethe las Jean Paul nur mit Hirnkrämpfen und Ekel, fand ihn fremdartig, exotisch, pathologisch, nannte ihn „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, „Philister“ und in einem Spottgedicht „Chinesen in Rom“. Jean Paul sah es ähnlich und fand Goethe im Umgang trocken, gefühllos, verkrustet, bezeichnete ihn als „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast“. Ulrich Holbein bietet hier ein unterhaltsames Doppelporträt: China vs. Rom, Weltgeist Jean Paul vs. Dichterfürst Goethe, Dschungel der Romantik vs. Marmorsarg Klassizismus, Naturgefühl vs. Gipsfigur. Bisherige Darstellungen der Relation Jean Paul & Goethe erschöpften sich lustlos in akademischer Aufbereitung und verwendeten bloß 30 Prozent der Quellen. Neue Forschungsresultate zu ewigen Fragen: Wer unterbietet wen? Kann dieses Zeitalter Jean Paul gerecht werden? Braucht die Welt noch Dichterfürsten?

Fachliteratur:

Wurde schon erwähnt, dass ich bald Geburtstag habe? Ich meine: an noch passenderer Stelle?

Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt Nürnberg, März 2013

Bilder: Chinesischer Turm in München nach dem Vorbild der Chinese Pagoda in Kew Gardens nach dem Vorbild der Glazed Pagoda in Peking;
Ralph-Rainer Wuthenow, 24. Februar 1928 bis 3. April 2013: Toms Grinbergs, LU Preses centrs, Starptautsika konference 16. September 2005;
Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester noch bestehender Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt 9 in Nürnberg, März 2013. Seit 1531 ein guter, freundlicher, komptetenter Laden. Wenn es Sie mal nach Nürnberg verschlägt: Da kann man echt hin.

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Written by Wolf

13. April 2013 um 00:01

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