Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Neulich in München

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… steht einfach so die Ausgabe letzter Hand in der Schellingstraße rum.

Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte:

Antiquariat Hauser Schellingstraße München, Goethe Vollständige Ausgabe letzter Hand 1827–1830

Schau ich den Goethe an. Schaut der Goethe mich an.

„Gott zum Gruße, Herr Geheimrat“, sag ich, „wie ist das Leben?“

„Grüß auch Ihn Sein höher Wesen“, sagt der Goethe, der alte Pantheist, „nur muss Er Uns nicht zum Besten haben.“

„Wie belieben Herr Geheimrat? Lag doch nichts dergleichen in meinen Absichten.“

„Es ist gut, junger Studiosus, Er meint’s gewiss nicht bös. Was spricht Er Uns auch von Leben, so bald vor Unserm Todestag.“

„Todestag, Meister? Schon wieder?“

„Ei gewiss. Am 22. Martii, wann Er sich entsinnen mag. Unser 181., nicht der gerädeste, auf dass sich auch ja keine Buchhändlerseele drum bekümmere.“

„Stimmt, wo Sie’s sagen, Herr Geheimrat, ich weiß es ja.“

„Das ist freundlich von Ihm. Und es ist das, was Uns vom Leben bleibt.“

„Mit Verlaub, wollen Herr Geheimrat Herrn Geheimrat doch nicht so undankbar bezeigen. Bequemen Sie sich doch zu schauen, wie Sie da stehen: mit Ihrer Gesamtausgabe eigener letzter Hand an prominenter Stelle im Schaufenster eines marktwirtschaftlich orientierten Unternehmens im Universitätsviertel einer bedeutenden Großstadt. So weit möcht’s mancher nicht leicht bringen, 181 Jahre nach seinem Abscheiden.“

„Wahr spricht Er, Studiosus. Und doch — hat Er getreulich nachgezählt? 28 Bände sind’s, mit denen ich feil stehe. Unsere letzte Hand, die Er anspricht, reichte 60 Bände weit.“

„60? Mit all meinem Respekt, Herr Geheimrat, waren es nicht 40?“

„Seine Kenntnisse reichen tief für einen von euch Heutigen. Ja, 60 zu 40 gebunden. Er kennt ja die Buchbinder mit ihrem Krämerwesen, das sie bis in die Bibliotheken tragen.“

„So schlecht ist das nicht. Ich hab Ihre Hamburger Ausgabe, die misst 14 Bände und soll gleichermaßen vollständig sein.“

„Ach, der gelehrte Erich Trunz. Die hat Er zu Hause? Ist Er so ein braver Studiosus?“

„Wo denn nicht, Herr Geheimrat. Die hat aber auch mehr Seiten pro Band. Sie kennen ja die Buchbinder mit ihrem Krämerwesen, das sie über die Zeiten immer mehr in einen Band pressen heißt.“

„Und ein Sophiste ist Er. Hat doch die Forschung über Unsere Person und Werke seither auch nie halt gemacht, wie Wir vernehmen. Der gelehrte Trunz hat Uns gewiss auch mit genugsamen Anmerkungen versehen?“

„Worauf Sie wetten können.“

„Der Hasard war Unsere Sache nie, Wir wollen Ihm ohnedies glauben.“

„Eigentlich bedürfen inzwischen die erläuternden Anmerkungen ihrerseits erläuternder Anmerkungen. Trunz ist lange her, Herr Geheimrat höchstderoselbst nicht minder, und die Leute werden durch die Menschenalter nicht klüger.“

„Wem sagt Er das, Studiosus, wem sagt Er das!“

„Sehen Sie? Ihre eigene letzte Hand konnte noch für sich selbst schreiben, und selbst da wurden aus den 40 Bänden schon 60. Wenn ein berufener Erbe von Trunz heute aus den 14 Bänden, sagen wir: 28 macht …“

„… sind wir schon bei der Anzahl, mit denen Er soeben im Schaufenster redet.“

„Ich weiß, wie wohl Herr Geheimrat sich immer auch auf die Ökonomie verstand.“

„Man musste zu allen Zeiten sehen, wo man bleibt mit der Wohlfahrt, die man sich mit eigener Hand erarbeitet — und sei es die letzte. Es war auch ein gar zu arges Unwesen mit den Raubdrucken, aus denen allein der Verleger sein Brot gewann, der Kunstschaffende aber gar nichts.“

„Herr Geheimrat! Und Sie sagen, Sie hätten im Leben der Heutigen nichts mehr zu schaffen!“

„Was bedeutet Er Uns da? Ist dieser Übelstand noch nicht aus der Welt?“

„Der wird sogar jedes Jahr übler, der Übelstand. Was sag ich — jede Woche.“

„Es ist doch wahrlich ein Ding um das Menschengeschlecht … Ihr Heutigen leidet keine weltliche Not, soviel Wir hier aus Unserem Schaufenster erkennen. Die Studenten gehen einher wie die Herren, die Weiber jeglichen Standes kleiden sich wie die Kurtisanen, und drüben im Schall & Rauch zechen sie alle Abend, wie Unsereins zu hohen Feiertagen nicht.“

„Das bemerken Herr Geheimrat etwas aus der Zeit geraten, aber durchaus treffend, wenn Sie gnädig mein Urteil annehmen wollen.“

„Gewiss, junger Freund. Und könnt ihr da nicht einfach eure Künstler nach Gebühr bezahlen und glücklich werden?“

„Gell, Herr Geheimrat, so einfach wär’s …“

„Er ist ein kluger und gewitzigter Bursche, dem sein Deutsch geläufig von der Zunge geht. Trag Er Sein Wissen einfach an die Verleger weiter, dazu ist Ihm Sein Schreibtalent gegeben. Vergeude Er’s nicht, hört Er wohl! Das wäre Seine einzige Schande, die nicht verziehen wird.“

„Sie haben Recht wie immer, Herr Geheimrat. Wir Heutigen brauchen’s halt manchmal etwas deutlicher.“

„Ihr seid Menschen und fehlbar wie Wir. Und was verschlägt’s? Umfasst doch Unsere Leipziger Insel-Ausgabe 6 Bände, die Weimaraner gar 143 zu 133 gebunden, und beide Unser vollständiges Werk, und steckt in den 28 Bänden, die Er mit wachem Auge schaut, auf jeder einzelnen Seite Unser ganzes Wesen.“

„Danke für Ihre Weisheit, Meister.“

„So geh Er hin und tue Gutes damit.“

„Und schönes Weiterleben noch.“

„Und Ihm, junger Freund.“

Schau ich den Goethe an. Schaut der Goethe mich an. Wir lächelten.

Antiquariat Hauser Schellingstraße München, Goethe Vollständige Ausgabe letzter Hand 1827–1830

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Written by Wolf

22. März 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

2 Antworten

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  1. „Von Zeit zu Zeit seh‘ hör‘ ich den Alten gern…“ Und den Studiosus erst. :o)

    hochhaushex

    24. März 2013 at 02:00

    • Gibt’s bestimmt auch als Hörbuch .ò) — und dann wieder in einer undurchschaubaren Textgestalt…

      Wolf

      24. März 2013 at 14:50


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