Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Frühlingsgewinnspiel: Was aber alles krönt

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0. Vorrede, obligate, von Jean Pauls Hand.
*

——— Jean Paul: Wahrheit aus Jean Paul’s Leben/Selberlebensbeschreibung,
posthum bei Joseph Max, Breslau 1826—1833, zitiert nach der Erstausgabe:

Erste Vorlesung.

Wonsiedel — Geburt — Großvater.

Geneigteste Freunde und Freundinnen.

Es war im Jahr 1763, wo der Hubertsburger Friede am 15. Februar zur Welt kam und nach ihm gegenwärtiger Professor der Geschichte von sich; — und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rothkehlchen, der Kranich, der Rohrammer, und mehre Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; — und zwar an dem Monattage, wo, falls man Blüten auf seine Wiege streuen wollte, gerade dazu das Scharbock= oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, deßgleichen der Ackerährenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21. März; — und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1½ Uhr; was aber alles krönt, war, daß der Anfang seines Lebens zugleich der des damaligen Lenzes war.

1. Erster Hundsposttag.
*

Newsflash: Michael Krüger vom Hanser Verlag verkauft bis heute 9 bis 10 Exemplare seiner bestimmt engagiertesten Gesamtausgabe. 6:02 Minuten zum 250. Geburtstag von Jean Paul:

Neun bis zehn im Jahr. Das ist fast jeden Monat ein Exemplar eines zehnbändigen Möbels von akademischer Gesamtausgabe, das Norbert Miller und Walter Höllerer anno 1959 angefangen haben; die ganz große historisch-kritische, die ihr nachfolgen soll, ist nämlich gerade erst in Arbeit (und das auch noch in Berlin). Mit Verlaub, Herr Verleger, so wenig finde ich das gar nicht.

Es ist eine Gesamtausgabe, keine ausgewählten Leckerbisschen, kein Roman — sondern viele davon, kaum einer unter 500 Seiten. Darum herum Jugendwerke, Tagesschriften, aus gutem Grund Verworfenes und Fragmente — an eine Leserschaft mit einer Aufmerksamkeitsspanne von unter fünf Minuten.

Wer sowas dann kaufen soll? — Menschen, die Bücher immer noch nicht für reines „Totholz“ halten (cit. Weisband, Marina, 2013), die kauzigen Studienräte und sonstigen stadtbekannten Sonderlinge, die inzwischen auf compulsive hoarding behandelt werden, und einige Universitätsbibliotheken, die sich dergleichen noch leisten können, sollten also versorgt sein. Mein eigenes Exemplar zählt nicht, das ist Aberjahre alt und war damals schon antiquarisch.

Zweiter Einwand gegen die o.a. 6:02 Minuten des Verlegers Krüger, und dann will ich’s gut sein lassen, weil sonst ganz untergehen könnte, dass ich seine Reden und besonders die angeführte in Wirklichkeit ganz gut finde — zweiter und letzter Einwand also: Dass Jean Paul mehr Leser braucht oder jedenfalls bekommen könnte, halte ich entweder für eine Binse oder so wenig durchsetzbar, dass man es gar nicht erst groß wünschen muss. Der Mann wird nicht geheim gehalten und lässt sich finden, und seine einnehmend skurrilen Büchertitel — Flegeljahre, Siebenkäs und wie sie alle heißen — mögen einer nach Sinnenkitzel hungernden Jugend ein weiterer Anreiz sein, sich auf ihn einzulassen.

Natürlich kann er theoretisch jederzeit mehr Leser haben, solange die Weltbevölkerung noch nicht ausgeschöpft ist. Und wer sich für abseitige Literaten interessiert, wird beizeiten auf Jean Paul stoßen. Reich-Ranicki höchstselbst hat ihn einst ausdrücklich aus dem literarischen Pflichtkanon des Bildungsbürgers ausgenommen, das erhebt ihn schon fast in den Underground (o ja, ganz recht: Dorthin kann man „erhoben“ werden). Bücherlesen ist heute eine preiswerte und zugängliche, zu Marketingdeutsch: niederschwellige Beschäftigung. Das Jean-Paul-Möbelstück zum Beispiel kursierte, als ich zuletzt nachgeschaut habe, um die 70 Euro. Anspieltipp: Dr. Katzenbergers Badereise, die rockt voll, oder noch kürzer: Hinten im Titan zuerst den Anhang Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch lesen.

Immerhin danke, Herr Verleger, dass Ihr verdienstreiches Möbelstück mit Jean Paul immer noch vorhalten — und auch dem Insel Verlag für die Einzelausgaben für uns Minderverdiener.

2. Zweite Jobelperiode.
*

Jean Paul PortraitAm 21. März wird Jean Paul 250. Was schenkt man jemandem, der 250 wird und schon alles hat — Brillanz, enzyklopädisches Wissen, Herzensbildung, Menschenliebe, ein eigenes Schreibzimmer in seiner Stammkneipe, einen Bestseller avant la lettre nach dem anderen — und wie wir gesehen haben, nach Jahrhunderten immer noch Fans?

Ich verlose einen großen Stapel Bücher für Ihren Vorschlag:

Was würden Sie Jean Paul schenken?

Sie können Ihren Vorschlag natürlich dann auch umsetzen. Müssen aber nicht.

Zu gewinnen gibt es Bücher von Jean Paul (klar. Darunter einige vergriffene!), Schiller (Gedichte, Dramen), Karl Philipp Moritz (Anton Reiser, was sonst), Cervantes (Don Quixote in der Übersetzung von Ludwig Tieck mit den Illustrationen von Gustave Doré), Jules Verne (viele!), Hélène Grimaud, Herman Melville, Stephen Chbosky, noch ein paar anderen, und außerdem eine LP von Stephan Remmler.

Die Auswahl der Gewinner unterliegt meiner ausgesucht wohlwollenden Willkür, weil Jean Paul eine alte Jugendliebe von mir ist, die geehrt werden muss. Und Sie dürfen aussuchen helfen. Für den zu erwartenden Ansturm von Einreichungen ist genug für alle da.

Schreiben Sie Ihren Vorschlag hier in den Kommentar — bis Samstag, den 23. März 2013 um Mitternacht. Da haben Sie noch Zeit, nachträglich zu gratulieren, wir müssen dem Schreiberkollegen Goethe nicht mit Jubelbotschaften in den Todestag hineinfunken, und Sie kriegen Ihren Preis mit etwas Glück noch rechtzeitig zum Osterhasen.

Die Feierlichkeiten laufen ohnehin noch das ganze Jahr. Veranstaltungstipp: Das Münchner Residentheater macht vom 21. bis 24. März 2013 sein eigenes Jean-Paul-Festival. Kommt jemand mit?

Bild via Lexikus: Die Deutsche Literatur und die Juden: [Ludwig] Börne.

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Written by Wolf

14. März 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Himmel

8 Antworten

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  1. Der Jean Paul kriegt von mir endlich wieder einen vernünftigen Nachnamen, den ein jeder dichter Großer brauchen tut. Seiner frankophilen Bewunderung gegenüber eines gewissen Schonschaks genüge tragend möge dieser lauten: „Du Pont“! Zusammen ergibt dies die reiz- und klangvolle Namenskomposition: „Jean Paul Du Pont“ (sprich: Schonnpoldüpo). Bitte, gern geschehen. Bon anniversaire.

    Chris

    19. März 2013 at 19:20

    • Wenn man in Amazon nach dem Manne sucht, versammeln sich immer sofort seine Vettern Jean Paul Sartre und schlimmer: Belmondo um ihn. Da hab ich mir auch schon gewünscht, er hätte wenigstens seinen bürgerlich verliehenen Richter behalten. Aber nein, es musste ja Rousseau sein, und Rousseau heißt wieder nur Rousseau. Du Pont ist etwas unpraktisch, weil Franken nun mal nicht Frankreich ist und sich mit dem Nasalieren schwer tut, wobei schon beim Schang (Schong? Schonn?) Pol den Nasenboden bricht, erinnert aber an den Maupassantischen Bel Ami, was dem Jean Paul sans un droit nom de famille bestimmt zugesagt hätte.

      Ein vernünftiger und nützlicher Vorschlag also — und sogar was mit Liebe Selbergemachtes. Wo ich dachte, der Mann hat schon alles. Das geht auf jeden Fall in die Wertung ein.

      Wolf

      20. März 2013 at 15:32

  2. Mein Geschenk. Und noch eins: 30 Zentimeter. ;o)

    Legst dus zu den Gaben? Und nun lass uns feiern – ihn.
    *

    hochhaushex

    23. März 2013 at 10:23

    • Holla — ein ganzer eigener Artikel auf eigenem Grund. Das wird wieder ein hartes Rennen. Aber da weiß man schon, wer die Jean-Pauliana und wer was ganz anders kriegen sollte :o)

      Danke für die ganze Mühe!

      Wolf

      23. März 2013 at 10:30

  3. 1. Ich hab nicht mal Zeit, mir eine Zeitzone zu suchen, in der noch gestern wäre.

    2. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. Kenne deshalb von Jean Paul bisher nur den Namen. Der wikipedia-Eintrag verrät mir, er soll bisweilen ein fast kindliches Gemüt gehabt und sich sehr für Astrononie interessiert haben – da schwebte mir zuerst ein Schlummerlicht mit bunter Sternenhimmelprojektion vor (die Dinger gibt es in mannigfaltigen Ausführungen im Babyfachhandel Ihres Vertrauens).

    3. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. Und da Jean Paul irgendwie immer untergeht zwischen den anderen KLASSIKERN, die man gelesen haben MUSS, zumindest bei mir, würde ich ihm etwas schenken, dass ihn bekannter macht, cooler macht, mich seine Existenz nie mehr vergessen lässt, auch wenn er schon lange tot ist. Was wäre dafür besser geeignet, als EIN DINOSAURIER?! Und mal ehrlich, Jeanpaulosaurus klingt einfach hammergeil.
    http://www.monsterzeug.de/Dinosaurier-Kinderzimmer-Wandbild-personalisiert.html

    Und wenn ich mal zu viel Geld über hab, setz ich das tatsächlich um. Und hab auch schon ein Geburtstagsgeschenk für meine Literaturwissenschaftlerfreunde mit bisweilen kindlichem Gemüt parat. :)

    4. Jetzt hab ich schon wieder viel bessere Laune als ich bei Punkt 1 noch hatte. Jeanpaulosaurus. Der Hammer.

    phrixus

    24. März 2013 at 16:57

  4. > Jetzt hab ich schon wieder viel bessere Laune als ich bei Punkt 1 noch hatte.

    Langsam kommst du hinter den Zweck der Übung :o)

    Danke an alle! Die Preise sind aufgeteilt und liegen der Wölfin im Frühjahrsputz rum und müssen allein schon deswegen in den allernächsten Tagen raus.

    Natürlich kriegt ihr noch eine Würdigung. Das waren lauter viel tollere Ideen, als man erwarten durfte. Gut, das angeleiert zu haben.

    Wolf

    24. März 2013 at 17:32

  5. Ich hab da nochmal ne Frage, nachdem mein frankophiler Arbeitskollege durch Besserwisserei auftrumpfen will: Wie sprech ich denn nun den Jean Paul? Schoh Pohl oder Schoh Paul?! Ich weiß es nun wirklich nicht. Du weißt ja, kann keine Literatur und schon gar kein Französisch. Und keine frankophilen Literaten. Ach, ich bin so durcheinander.

    phrixus

    25. März 2013 at 15:29

    • Angerechnet, dass der Mann im oberostfränkisch geprägten Wunsiedel, Bayreuth und Hof unterwegs war, wo die Leute ungefähr so viel Französisch konnten wie du, sollte er sich in seiner eigenen Zeit Schoh Paul gesprochen haben. Das ist übrigens sogar der Lautstand, in dem er von Norbert Miller gesprochen wird, wie ich ihn am Samstag auf dem Münchner Festival live eleben durfte, und wenn sich der nicht mit ihm auskennt, bleibt niemand mehr.

      Jean scheint überhaupt unter nachnapoleonischem Einfluss als gebräuchliche Variation über Hans aufgekommen. Haben wir doch alle die fromme Helene bei Wilhelm Busch um ihren Diener Jean besorgt erlebt — zehntes Kapitel:

      »Schang!« – sprach sie einstens – »Deine Taschen
      Sind oft so dick! Schang! Tust du naschen?

      Ja, siehst du wohl! Ich dacht es gleich!
      O Schang! Denk an das Himmelreich!«

      In letzter Zeit, wo er ins Bewusstsein von Menschen dringt, die weder frankophil noch übertrieben germanistisch sind, höre ich ihn öfter als „Jeans-Paul“. Ich überlege noch, ob das ein Zeichen aufkommender Popularität ist oder Sittenverfall, muss aber zugeben, dass es sich so ohne Nasal recht bequem spricht.

      Wolf

      25. März 2013 at 17:08


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