Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ein paar Stunden später stößt die Katze schreckliche Schreie aus.

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Was ich von Hélène Grimaud halten soll, muss ich noch ein paar ihrer CDs und YouTube-Mitschnitte lang überlegen.

Robert Schultze, Mat Hennek, Hélène GrimaudWirklich lieb haben muss man ihre ansteckende Emotion, mit der sie pianiert und als öffentliche Person auftritt — da finden sich schnell weit weniger einnehmende Künstlerpersonen. Und überhaupt, wenn einer schon nix von klassischer Musik weiß noch wissen will, sieht sie immer noch dermaßen verdammt gut aus, dass hier und jetzt der aufstehen soll, der ihr nicht wenigstens versuchsweise zuhören möchte: Solche Hände hatte der Schöpfer vor Augen, als er die Prototypen für Frauenhände schnitzen wollte — und hey: Musikerin! Dazu noch so eine esoterische Mondin und praktizierende Wolfsfrau: Wird bestimmt von Anfang bis Ende höllisch laut im Bett, natürlich mit einem Steinway-Flügel im Schlafzimmer und bei offenem Fenster. — Schon jemand aufgestanden? Niemand? Sag ich doch. Französin.

Auf der anderen Seite leuchten mir ihre CD-Zusammenstellungen nicht recht ein: Warum ausgerechnet diese paar Nummern von Bach, dazu noch nur manche gedoppelt in Bearbeitungen von Busoni — weil gerade die Notenbücher rumlagen? Warum ausgerechnet diese Auswahl von Mozart — weil sie so populär oder weil sie so selten gespielt ist? Und ist dieser Arvo Pärt, den sie mir fortgesetzt andienen will, ihr Lehrer, ihr Schüler oder ihr Schwager? Möglicherweise haben sie und ihr Label Gründe, aber wo darf ich die erfahren?

Auf Amazon.de gehen die Besprechungen ihrer CDs in eine dankenswerte Tiefe, und zwar die mit einem wie die mit fünf Sternchen. Da passt den einen nicht, dass sie zum hunderteinundelfzigsten Mal Rachmaninow einklimpert, den anderen, dass man ihre fremdartige Setlist ja gar nicht kennt. Ja, was wollen wir Meckerfritzen denn eigentlich? Schon klar, dass beides wert sein kann, es zu spielen und anzuhören — man mag sich nur etwas allein gelassen fühlen, bevor man der Dame Geld und Lebenszeit zu widmen gedenkt.

Canailleblog, le blog des Lesloups, Hélène Grimaud avec un de ses loupsBei Hille Perl, Professorin auf der Viola da gamba, ist das sonderbarerweise anders: Deren Auswahlen könnten abseitiger und wundersamer nicht sein, und doch spricht jede CD, jedes Tourprogramm sofort für sich aus, dass man das sofort anzuhören, sich anzueignen und fortan im Herzen zu tragen hat. Vielleicht wirkt Frau Grimaud einfach nicht gelehrt genug dazu, dass man ihr sofort alle Kompetenz der Musikwelt zuschriebe („Hör das mal an, ich weiß schon, warum ich dir das vorspiele“), und nicht feenhaft genug, dass man ihr unbesehen in die Hände fiele („Hör das mal an, es ist gut für dich“).

Das kann sogar ein Vorteil sein: Eine frühe Einspielung von ihr, die Kreisleriana von Robert Schumann (1989, da war sie 20), nehme ich ihr ohne weiteres ab, was erstens stark mit E.T.A. Hoffmann zu tun hat und zweitens genau das bekiffte Zeug ist, das eine hochgebildete Halbelbin wie la Grimaud spielen sollte. Immerhin verfällt sie weder in Anne-Sophie Mutter noch in Björk. Ist doch gut.

Nachdem Sie mir jetzt ein paar Takte lang verweisen dürfen, mit welchen Mitteln und welchem Recht ich mir das bilde, was ich als Meinung missbrauche, darf wieder ich darüber weitermeckern, mit welchem Recht egal wer mit 34 Jahren seine Autobiographie fertig haben sollte. Wahrscheinlich ist es das Engagement für Musik, die nicht gleich jedem Björk-Fan (bestimmt gibt es welche) einleuchten muss, und das Engagement zur gleichen Zeit und mit gleicher Energie für Wölfe. So handelt ihre Autiobio ganz selbstverständlich an herausragenden Stellen auch von der Klasse der spirituell begabten Wirbeltiere:

——— Hélène Grimaud: Wolfssonate, i.e. Variations sauvages, Editions Robert Laffont, Paris 2003,
übs. Michael von Killisch-Horn, Blanvalet, München 2005, Kapitel 2, Seite 58 ff.
(die Zeichensetzung aus dem kostenpflichtigen P-Book wurde belassen):

Man interessiert sich mehr und mehr für die übersinnlichen Fähigkeiten, über die manche Menschen verfügen. Dieser sechste Sinn, diese Intuition, die es manchen erlauben, die Zukunft vorherzusagen, die Gedanken anderer zu erraten und die geheimen Verbindungen zwischen Leben und Tod zu erkennen. Liegt das daran, dass ihr Charakter duch nichts verdorben worden ist? Viele Tiere haben die gleichen Fähigkeiten bewiesen. Und die Geschichte ist voll von solchen Fällen.

Cover Hélène Grimaud, Variations sauvages, 2003So hatte Ludwig XI. den Esel Brunot seinem Herrn abgekauft, der das Wetter vorhersagen konnte.

Die Goldfische des japanischen Kaisers machten ihn 1923 durch ihr aufgescheuchtes Verhalten, das so weit ging, dass sie sich aus ihrem Glas stürzten, auf ein drohendes Erdbeben aufmerksam.

Sämtliche Hunde von Hiroshima heulten schaurig ein paar Stunden, bevor die Bombenflugzeuge die Stadt erreichten.

In Freiburg begann am 27. November 1944 eine Ente, die die Wärter wegen der Eigenartigkeit ihres warnenden Verhaltens überwachten, wütend zu schnattern und versuchte mit allen Mitteln auszubrechen. Alarmiert, begann ein großer Teil der Bevölkerung zusammen mit ihr in aller Eile die Stadt zu verlassen. Dreißig Minuten nach ihrem Aufbruch vernichtete ein Bombenhagel um die dreitausend Bewohner und die Altstadt.

In Spanien weigert sich ein Pferd trotz der Peitschenhiebe des Kutschers, in einen Bergtunnel hineinzugehen. Die Autofahrer hinter dem Gespann hupen wütend. Vergeblich. Obwohl einige Fahrer ihre Autos verlassen haben, um das störrische Tier mit Hü-Rufen an den Straßenrand zu ziehen, rührt sich das Pferd nicht von der Stelle. Und zu Recht: Ein paar Augenblicke später stürzt der Tunnel ein.

Sechs Monate vor dem Umzug der Pariser Markthallen aus dem Zentrum der Hauptstadt machen sich zwei Millionen Ratten, auf unerklärliche Weise informiert, auf den Weg nach Rungis, dem neuen Standort des Bauchs von Paris.

Wochenlang verlässt die Katze von Winston Churchill nicht das Bett, in dem ihr kranker Herr auf die Besserung wartet, die die Ärzte ihm vorhergesagt haben. Die Genesung soll unmittelbar bevorstehen. Ein paar Stunden später stößt die Katze schreckliche Schreie aus, springt mit einem Satz vom Bett und flieht aus dem Zimmer. Am folgenden Tag stirbt Churchill.

Verärgert über das ständige Winseln seines Pudels Baron, schenkt Victor Hugo ihn seinem Freund, dem Marquis de Faletans, der als Diplomat nach Moskau geht. Dieser adoptiert den Hund und schreibt dem Dichter regelmäßig, wie es ihm geht. Bis zu dem Tag, an dem Baron verschwindet. Trotz der Suchanzeigen und der ausgesetzten Belohnung wird er nicht wiedergefunden. Ein paar Monate später kratzt Baron abgemagert und mit blutigen Pfoten an der Tür von Victor Hugos Wohnsitz. Er hatte viertausend Kilometer zurückgelegt, um sein Herrchen wiederzufinden …

Und was soll man von Mohilov sagen, dem Hund des Herzogs von Enghien, den man mit Gewalt von seinem Herrchen wegziehen muss, der zu den Gräbern von Vincennes gebracht wird, um dort hingerichtet zu werden. Sobald er wieder freigelassen wird, rennt der Hund wie verrückt los, findet ganz allein den Weg zum Friedhof und legt sich winselnd auf das Grab seines Herrn. Vermutlich wäre er dort gestorben, wenn der Herzog nicht testamentarisch bestimmt hätte, dass aufs Beste für seinen treuen, seinen treuesten Begleiter gesorgt werden soll …

Bilder: Robert Schultze/Mat Hennek: IMG Artists;
Canailleblog, le blog des Lesloups: Hélène Grimaud avec un de ses loups;
Variations sauvages: Librairie dialogues.
Dokumentation Vollversion 58 Minuten: Classical TV: Hélène Grimaud: Living With Wolves, 2. April 2011.

Bonus Track: Beethoven: die vorletzte Klaviersonate 31 As-Dur, op. 110
im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, 2001.

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Written by Wolf

1. Dezember 2012 um 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

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