Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Halloween Lectures zu bibliothekarischen Aspekten der Kulturwissenschaft des Morbiden

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Man muss das nicht bemerken, aber wenn einer mit Halloween sonst nix verbinden mag, kann er eventhalber immer noch zu Eric W. Steinhauer, Dezernent an der Universitätsbibliothek Hagen in die Vorlesungen zu bibliothekarischen Aspekten der Kulturwissenschaft des Morbiden. Davon macht der Mann genau eine pro Jahr, immer um Allerheiligen, und nennt sie deshalb Halloween Lectures.

Die Folge für 2012 heißt Der Tod liest mit. Seuchengeschichtliche Aspekte im Buch- und Bibliothekswesen, Am Dienstag, 6. November ab 18 Uhr im Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit einem nicht einzudämmenden Ansturm wird demnach wohl nicht gerechnet, Sie können beruhigt hin.

Als Buch gibt es seit kurzem im Hagener Eisenhutverlag die letztjährige Theorie und Praxis der Bibliotheksmumie. Überlegungen zur Eschatologie der Bibliothek. Darin werden Bücher mit menschlichen Mumien verglichen, vor allem mit der Einrichtung der Biblioitheksmumie. Laut dem Interview Friedhof der Datenträger hat der Mann etliche überraschend stichhaltige Argumente:

In Bibliotheken und auf Friedhöfen verwesen Sachen — worauf man noch ungestützt kommen kann. Steinhauer fährt fort — hier eigenmächtig gekürzt aus Urs Willmann in der Zeit:

Tobias Wimbauer, Eric Steinhauer, Halloween und die Kulturgeschichte des Morbiden, 24. Oktober 2012Die Arbeitsgänge in der Pathologie erscheinen mir sehr bibliothekarisch. Proben kommen an, erhalten Barcodes, werden aufbereitet, klassifiziert. Das machen wir genauso. Und wenn Sie frühe Bilder von Sektionen anschauen, sehen Sie die Leiche und daneben ein aufgeschlagenes Buch. In beidem wird gelesen. [Friedhöfe und Bibliotheken] sind Orte der Erinnerung. Und beide sind wahre Speicher. Aber wo sich erinnert wird, wird auch viel vergessen. Es vergammelt, wenn Sie so wollen. Uns Bibliothekaren ist daher die Metapher von der Bibliothek als Friedhof durchaus geläufig.

Bibliotheken und Museen haben einen gemeinsamen Vorläufer in der frühneuzeitlichen Wunderkammer. Man sammelte dort Bücher, Naturalien und andere kuriose Dinge. Einige Mumien sind in den Bibliotheken verblieben. Und ich stellte fest, dass dies kein Zufall war. Vielmehr ist eine gemeinsame ideelle Dynamik am Werk. Es geht darum, Sterblichkeit zu überwinden, sich der Endlichkeit durch Aufbewahrung entgegenzustellen.

Mumien sind Kulturgut, für sie gelten besondere Vorschriften [abweichend von der Bestattungspflicht]. Aber natürlich gibt es immer Debatten darüber, ob man Leichen oder Leichenteile zeigen darf. Speziell in Bibliotheken sind Einbände aus Menschenhaut kuriose Phänomene. Mit dem Nationalsozialismus hat das nichts zu tun, die Sachen sind älter. Bei diesen Objekten bilden Tod und Buch eine merkwürdige Symbiose: Leichenmaterial hilft, Gedanken aufzubewahren. Bibliophile nennen so etwas einen sprechenden Einband. Man kennt das von Kinderbüchern: Ein Teddybärbuch ist in ein Teddybärfell eingebunden. Genauso schützt manchen alten Anatomieatlas eine Menschenhaut. Genauso, wie wir bei Leichen sagen, da seien Persönlichkeitsrückstände drin, verbleibt im Buch ein Stück der Persönlichkeit des Autors. Wir sprechen ja auch von geistigem Eigentum des Autors. So kommen wir vom skurrilen Gedanken zur kulturwissenschaftlichen Perspektive: Wie gehe ich mit Verstorbenen um, wie mit Büchern?

Es gibt die Ansicht: Verbrennt man Bücher, verbrennt man bald auch Menschen. Der Gedanke ist nicht aus der Luft gegriffen. Man kennt Praktiken von Bücherbestattung. Im Judentum werden zerschlissene Thorarollen nicht weggeschmissen – sondern beigesetzt. Das Buch wird wie eine Person behandelt, ehrfürchtig. Es ist mehr als beschriebenes Papier. Daher auch die Betroffenheit, wenn eine Bibliothek brennt oder wenn Bücher weggeworfen werden. Wir Bibliothekare müssen ja unseren Bestand pflegen, ältere Exemplare und Doppelstücke aussortieren. Manche liegen 20 Jahre im Regal, staubbedeckt, keiner nutzt sie. Aber wenn wir sie in den Container werfen und die Öffentlichkeit kriegt es mit, herrscht Empörung: Das macht man doch nicht mit Büchern!

Als die Herzogin Anna Amalia Bibliothek brannte, waren Entsetzen und Trauer riesig. Als ob Menschen gestorben wären. Genauso beim Archiveinsturz in Köln. Obwohl die meisten, die geschockt waren, die Einrichtung und die Bestände nie genutzt hatten und sie auch nie benutzen würden.

In unserer Rechtsordnung findet man übrigens erstaunliche Parallelen zwischen Leiche und Buch. Es ist gesetzlich, dass wir Tote würdevoll bestatten und sie eine Zeit lang das Recht haben zu ruhen. Vielerorts ist die Totenruhezeit auf dem Friedhof nach 30 Jahren vorbei. Eine ähnliche Komponente haben wir im Urheberrecht: Es endet 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Als Rechtssubjekt bin ich also am längsten präsent in den Schriften. Insofern kann man sagen: Die Bibliothek ist der nachhaltigste Friedhof.

Wir schätzen das Individuum und legen auch bei Autoren, die 300 Jahre lang tot sind, großen Wert darauf, einen originalen Text in den Händen zu halten. Genauso bei den Mumien. Wir streben danach, das Individuum zu rekonstruieren. Schauen Sie sich den Ötzi an. Mit Röntgenstrahlen und Computertomografie holen wir so viel aus der Mumie heraus wie aus einem Datenträger. Dadurch lebt ein Individuum wieder auf. Wir schreiben Ötzis Krankheitsgeschichte, imaginieren seine Biografie. Reliquienverehrung funktioniert genauso. Das Recht ordnet zwar solchen Überresten längst keine Person mehr zu, aber kulturell bleibt diese darin lebendig.

Wie Petrarca würde ich vom dreifachen Tod sprechen. Zuerst stirbt man, später verliert man das Grab, und schließlich sind die Schriften weg. Was wir an kulturellem Gedächtnis betreiben, in Bibliotheken und Archiven, dient dazu, diesen dritten Tod aufzuhalten. Es ist faszinierend, Medienumbrüche in diesem Licht zu sehen. Vor dem Buchdruck existierten nur Handschriften – ein Unikat konnte schnell verloren gehen. Plötzlich aber gab es das Buch in Vielzahl. Man meinte, eine Art Ewigkeit geschaffen zu haben. Doch diese Freude wich bald einem Pessimismus: So viele Bücher! Man betrachtete die Bibliothek als Labyrinth, in dem man Dinge kaum findet.

Wollten Sie vor 30 Jahren einen Druck aus dem 17. Jahrhundert konsultieren, mussten sie zu ihm hinreisen und anfragen, ob sie ihn mit Baumwollhandschuhen anfassen dürfen.Heute laden Sie sich den Scan auf ihr iPad und lesen ihn im Park. Das Leben ist zurückgekehrt in das Werk.

Die ägyptische Mumie zieht dem frostigen Ambiente das trockene Buchklima vor. Meistens findet man bei ihr ein Totenbuch. Und viele Mumien sind in beschriftete Binden eingewickelt oder tragen Masken aus altem beschriebenem Papyrus – ein erstklassiges Bestattungsmaterial, das in dieser Form recycelt wurde. Sie sehen: Das ist eine ganz andere Qualität von Mumie. Als Text in Bibliotheken verfügbar zu bleiben, finde ich dagegen eine schöne Vorstellung. Ein Leser nimmt die Gedanken in seinen Kopf und haucht ihnen wieder Leben ein.

Die auf 7 Bände angelegte Kulturgeschichte des Morbiden von Eric W. Steinhauer in Halloween Lectures: Zwei Bände im Eisenhutverlag schon erschienen, der dritte vorbestellbar:

Peruanische Mumien sind in der Lissabonner Museumsbibliothek ausgestellt.

Bilder: Tobias Wimbauer: Eric Steinhauer, Halloween und die Kulturgeschichte des Morbiden,
Eisenhutverlag 24. Oktober 2012;
Sylvain Sonnet für Corbis: Peruanische Mumien sind in der Lissabonner Museumsbibliothek ausgestellt.

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Written by Wolf

2. November 2012 um 00:01

4 Antworten

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  1. Hallo, Thomas Wimbauer ist ein Posaunist. Ich, der Herausgeber, heisse hingegen „Tobias Wimbauer“. Schöne Grüsse

    Tobias Wimbauer

    2. November 2012 at 07:01

    • herzlichen dank und gruss, tw

      Tobias Wimbauer

      2. November 2012 at 10:45

    • In der Tat — ist verbessert und war überhaupt nicht persönlich gemeint verschusselt :o) Durchaus schön aber, wie schnell sowas gefunden wird.

      Wolf

      2. November 2012 at 10:45

      • Ha, herzlichen Dank! Ich hab für die Verlagssachen News Alerts von Google, da bekam ich den Blogartikel sekundenschnell angezeigt. Herzlichen Gruss u Dank, tw

        Tobias Wimbauer

        5. November 2012 at 08:07


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