Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der unverzichtbare Buchstabe e

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——— Alfred Polgar: Von Bildern und Vergleichen, 1953:

Was wäre der Autor der „Ilias“ ohne Bilder und Vergleiche? Ein Kriegsberichterstatter. Was Shakespeare ohne sie? Ein entlaubter Stamm, ein einarmiger Riese und noch vieles sonst, was einem Vergleicher, der recht im Zuge ist, hier einfallen mag. Im dichtesten Gedicht deutscher Sprache, immerhin, gibt es kein Strichlein eines Bildes. Und von Metaphern „spürest du kaum einen Hauch“.

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010Alred Polgar, achten Sie mal darauf, hat meistens Recht. Nun ist Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt erklärtermaßen ein Habe-Nun-Ach und kein Warte-Nur-Balde. Wo ich dem Leser eigene Denkleistung zutraue, werde ich gern ein Und-So-Weiter sein, doch niemand soll mir nachreden können, ich sei ein Um-Gottes-Willen.

Das mit dem dichtesten Gedicht deutscher Sprache ziehen wir deswegen ab sofort durch. Es ist viel zu schön und dabei zu handlich, um es einmal kurz abzuhandeln und auf ewig auf sich beruhen zu lassen. Ein Gleiches ist der Idealfall eines Gedichts im eigentlichen Sinne: „Gedicht“ von „Verdichtung“: kein Wort, das man schadenfrei weglassen könnte, und undenkbar, eines hinzuzufügen — geradezu die Definition von großer Kunst.

Es bräuchte nicht einmal die Legende dazu, wie der Dichterfürst persönlich es in einem Moment der Kontemplation an idyllischem Ort hingeworfen hat, so wie Japaner Haiku hinwerfen: nicht etwa achtlos. Eher wie ein Medium, das nur hier, nur jetzt genau dieses eine Gedicht empfangen konnte. Das wird nicht so schnell kaputt gehen, es überlebt ja erst ganz wenige Jahrhunderte ganz unverbraucht. Scheuen wir uns nicht, es etwas verwegener als unbedingt notwendig zu sagen: Das bekanntere, schönere Wandrers Nachtlied von Goethe ist das, was den Menschen ausmacht.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass es nur heißt wie ein Sequel: Ein Gleiches — aber stets wie die Hauptsache, wie ein Original genannt wird: Mit Wandrers Nachtlied ist selten korrekt Der du von dem Himmel bist gemeint, das in zurechnungsfähigen Sammlungen allein Wandrers Nachtlied heißt.

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass das e, das offensichtlich in der Überschrift fehlt, wahrscheinlich für das Vögelein im Fließtext gebraucht wurde. Wie gesagt: Man kann es weder weglassen noch hinzufügen. — Das Wort hat die englischsprachige Germanistik.

——— Wanderer’s Nightsong II, primal translation by Henry Wadsworth Longfellow:

Up there all summits
are still.
In all the tree-tops
you will
feel but the dew.
The birds in the forest stopped talking.
Soon, done with walking,
you shall rest, too.

——— Elizabeth M. Wilkinson: The indispensable syllable e in Vögelein,
in: Goethe’s Poetry. German Life and Letters 2, page 316–329, 1949:

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010There is not a simile, not a metaphor, not a symbol. Three brief, simple statements of fact are followed by a plain assertion for the future […]

We point to the immediacy with which language here conveys the hush of evening: Über allen Gipfeln / Ist Ruh. In the long u of Ruh and in the ensuing pause we detect the perfect stillness that descends upon nature with the coming of twilight. In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch. The gentle expiration of breath in Hauch, and in the echoing auch of the last line, has often been compared to that last sighing of the wind as it dies away in the trees. While the indispensable syllable e in Vögelein and Walde makes the sixth line a lilting lullaby […] Warte nur, balde / Ruhest du auch. Here the verse does not describe th stillness of evening, it has become the stillness of evening; the language is evening stillness itself […]

It is absolutely essential, it is indeed the heart of the poem’s meaning and the feature which stamps it as peculiarly and specifically Goethean, that Gipfel should precede Wipfel. For the order of the natural objects mentioned here is not arbitrary. It is not dictated purely by the mood of his wanderer as he stands, a humnan being over against nature, and lets his eye rnge across the evening landscape, seeing in its stillness an analogy of the peace which will one day tranquillize his own troubled breast — nature here plays no mere analogical role, is no mere background for human needs and desires, something outside and around man, other than himself and ever to be sought in nostalgic longing. Nor is the order of the objects determined purely by the requirements of aesthetic composition, an order of the outward appearances of nature as known by the mind, an organic order of the evolutionary progression in nature, from the inanimate to the animate, from the mineral, through the vegetable, to the animal kingdom, from the hill-tops, to the tree-tops, to the birds, and so inevitably to man. The poet-wanderer here is not embracing Nature in the Romantic way. He is, of necessity, by the very order of the poem, embraced within it, as the last link in the organic scale of being […]

Here, in this lyrical poem, his (Goethe’s) experience of natural process has been so completely assimilated into the forms of language, that it is communicated to us directly by the order of the words, or by such a fine nuance as the modulation from Gipfeln to Wipfeln. For this is not just a pleasant musical assonance — though it is that too […]

The change of a single letter in a word […] reflects those imperceptible changes which mark the slow evoluion of one form of nature out of another […]

A natural process […] has become language, has been wrought in another substance, the poet’s own material […]

It would be difficult to find in literature a lyric of such brevity containing so much profundity of objective thought. What is so amazing about it, is that subjective and objective experience are here completely fused […]

A fine stylistic point is of importance here […] In the line Ruhest du auch it is impossible to emphasize du except by a violation of metrical stress, and it is to do violence to the meaning and quality of the whole poem to force it out of its naturally unstressed position […]

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010Das ist nach Unser Goethe zitiert, dem bis jetzt schönsten und kompetentesten Schmökerschmöker über den Meister, zu dessen 150. Todestag am 22. März 1982 herausgegeben von Eckhard Henscheid und F.W. Bernstein. Die beiden sind vor allem als führende Satiriker der Neuen Frankfurter Schule notorisch, was nicht bedeuten muss, dass sie immer und überall haltloses Allotria verbreiten. Allerdings hat Henscheid sich noch 2005 in einem Interview mit dem Focus über gerade diesen Artikel von Wilkinson belustigt — was diese Germanisten denn nicht noch alles untersuchen! — aber mit Wilkinson bringt auf überschaubarem Raum eine berufene, zitierbare Expertin genau die Argumente, mit denen sich weiterhantieren lässt.

Der Auszug aus Unser Goethe erscheint hier als Typoskript, um den Text zugänglich zu machen. Wo die Herausgeber Henscheid und Bernstein drei Punkte setzen, werden Auslassungen unterstellt; diese Punkte sind hier jeweils in eckige Klammern gesetzt. Zusätzlich steht nach solchen Auslassungen, deren Umfang unbekannt bleibt, wo es sinnvoll erscheint, ein neuer Absatz. Das Original ist schwer erreichbar, dafür mit diesen Abwandlungen auf geringe Kosten der Korrektheit leichter lesbar. Verbesserungen aufgrund zuverlässigerer Quellen kann ich gerne nachträglich einarbeiten.

Das e in Walde ist ein Dativ-e und war bis ins 20. Jahrhundert hinein tatsächlich unverzichtbar, indispensable. Einzig das e im zugehörigen Reimwort balde möchte ich in den Verdacht nehmen, eben doch just a pleasant musical assonance zu sein: eine Maßnahme, die nicht den Inhalt und nur die Form mitträgt.

Andere Meinungen? — Ich bleibe dran.

Bilder: Sexy Reading, August 2016
(editiert statt Jeanne Baluche: Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010).

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Written by Wolf

27. Oktober 2012 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See, ~~~Olymp~~~

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