Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wähle dir ein Lied

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——— Nikolaj Karamzin: Briefe eines russischen Reisenden; Berlin, 6. Juli 1789:

„Führe mich zu Moritz„, sagte ich heute morgen zu meinem Lohnbedienten.

„Wer ist das, Moritz?“

„Wer das ist? Philipp Moritz, der Schriftsteller, der Philosoph, der Pädagog, der Psycholog.“

„Warten Sie, warten Sie! Sie sagen zuviel auf einmal; man muß ihn im Adreßkalender unter irgendeinem Titel suchen; er ist also (indem er ein Buch aus der Tasche zog), er ist also ein Philosoph, wie Sie sagen? Wir wollen sehen …“

Die Einfalt dieses guten Menschen, der mit wichtiger Miene die Blätter seines allumfassenden Kalenders umschlug und durchaus die Rubrik: Philosoph finden wollte, machte mich lachen.

„Suche ihn lieber unter den Professoren“, sagte ich, da der Titel: Liebhaber der Weisheit in Berlin nicht so bekannt ist.

„Karl Philipp Moritz wohnt in …“.

„Führe mich zu ihm.“

Rotbäckchen

——— Karl Philipp Moritz (15. September 1756–26. Juni 1793): Beiträge zur Philosophie des Lebens aus dem Tagebuch eines Freimäurers. Herrschaft über die Gedanken, 1780. Insel 1981: Werke Band 3, Seite 15:

Wenn man sich ein Lieblingslied, eine Melodie erwählt, die beständig eine Seite unsrer Empfindung trifft, so kann man oft dadurch die bösen aufsteigenden Gedanken verjagen. Es wachen mit diesem Liede oft alle unsre guten Vorsätze wieder auf, unsre beßre Natur behält die Oberhand, und wir tragen über die Lockung zum Bösen den Sieg davon. Drum wähle dir ein Lied, eine sanfte herzeindringende Melodie, und wenn deine bösen Stunden kommen, so fasse nur noch so viel Mut, das zu singen, oder zu spielen, und die Wolken die sich um deine Seele gesammlet hatten werden sich zerteilen, und die Sonne wird wieder in ihrer Klarheit hervorbrechen.

Können Sie rothaarige Mädchen in Ruhe lassen, die mitten im Starbucks den Anton Reiser (Reclam) lesen? Wenn sie auch sonst lieb aussehen, ist Abzeichnen nachhaltiger denn Anquatschen.

„Sagst du mir deinen Namen noch?“

„Schreib doch einfach Rotbäckchen.“

Melodie, die beständig eine Seite unsrer Empfindung trifft: Young Rebel Set: If I Was, 2009.
Directed by Andy Douglass, Camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions. Additional camera by John Laws.

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Written by Wolf

15. September 2012 um 00:01

Veröffentlicht in Schall & Getöse, Sturm & Drang

6 Antworten

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  1. Früher haben die Menschen wohl viel mehr und öfter selber gesungen, auch wenn sie dies nicht perfekt konnten. Vielleicht brauchten gerade deswegen viel weniger einen Psychater. Diese Erkenntnis haben die Menschen wohl schon seit sehr langer Zeit. Leider geht sie in unserer lauten Welt, in der man von allen Seiten berieselt wird, für viele verloren.
    Ich kann mich erinnern, wenn wir bei meinen Großeltern ein Fest gefeiert haben, wurde IMMER gesungen. Ist heute leider auch nicht mehr der Fall.

    Christina Katharina Bockmühl

    15. September 2012 at 13:21

  2. Stimmt rundum. Die Passage versteh ich allerdings so, dass Herr Moritz sich quasi eine innere Schallplattte auflegt, um besser draufzukommen: Er schafft sich einen Ohrwurm, der ihn trägt. Sowas geht, und auch da hat er Recht: Wenn man „nur“ diese Energie noch aufbringt, sich den richtigen Soundtrack zu schaffen, stimmt auch die Handlung besser.

    Von allen Seiten berieselt werden macht das nicht leichter. Mein Tipp aus Erfahrung: Wer einen unliebsamen Ohrwurm hat, soll grundsätzlich die Pippi Langstrumpf pfeifen — das überdeckt jedes andere Lied :o)

    Wolf

    15. September 2012 at 13:54

    • …jetzt habe ich gerade einen neuen Ohrwurm – wohl für den Rest des Tages. oooooooooooooo:)

      Christina Katharina Bockmühl

      16. September 2012 at 08:57

  3. Na das sieht aus wie ein Nasenbär, meins ist doch der Ohrwurm! oooooooooooooooooooo:)
    (:ooooooooooooooooooooooooooo

    Christina Katharina Bockmühl

    17. September 2012 at 19:47

    • Ahh — und eben kein Grinseteddy mit sehr vielen Nasen…

      Wolf

      18. September 2012 at 12:04


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