Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ich bescheide mich

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——— Kurt Tucholsky: Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte:
Bootsfahrt auf dem See — Abendessen — Im Theater — Zu Bett, Juli 1912:

Am Nachmittag fuhren sie auf dem See herum. Er ruderte, und sie saß am Steuer, während sie dann und wann drohte, sie werde ihre graue, alte Familie unglücklich machen, sie habe es nunmehr satt und stürze sich ins Wasser. Er werde sowieso bald umwerfen. Nein – sie landeten an einer kleinen Insel. Ein paar Bäume standen darauf. Sie lagerten sich ins Gras … Ein kühler Wind strich vom See herüber. Die Uferlinien waren unendlich fein geschwungen, die hellblaue Fläche glänzte matt …

kalterstern, Rheinsberg, 5. März 2006„Sehssu, mein Affgen, das is nu deine Heimat. Sag mal: würdest du für dieselbe in den Tod gehen?“

„Du hast es schriftlich, liebes Weib, dass ich nur für dich in den Tod gehe. Verwirre die Begriffe nicht. Amor patriae ist nicht gleichzusetzen mit der ‚amor‘ als solcher. Die Gefühle sind andere.“

„Nun, ich bescheide mich.“

Und, nach einem langen Träumen in den hellen Himmel, – er war so hell, so hell, dass die blitzenden Funken vor den Augen tanzten, sah man lange hinein –:

„Wölfchen, du hast doch niemalen eine andere geliebt, vor mir?“

„Nie!“

Es prickelte, so über die Sehnsucht der Bürger zu spotten, über das, was sie Liebe nannten, über ihre Gier, stets der erste zu sein … Sie waren beide nicht unerfahren.

Bild: Kalter Stern: Rheinsberg, 5. März 2006.

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Written by Wolf

5. September 2012 um 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

6 Antworten

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  1. Geografie ist Nebensache. Wo ist schon Rheinsberg, wenn nicht in der Seele. Unsereines Rheinsberg sind die kleinen Revolten (der Liebe) gegen Trott und Kälte, in denen wir leben und nicht sterben und die wir _da_ durch retten. Dort müssen wir nicht die ersten sein – und sind es doch. Mit weniger bescheiden wir uns nicht. :o)
    „Wozu noch sprechen? – Wir wissen ohnehin. Wozu versichern, betonen? – Wir wissen, wir wissen…“

    —In Sachen Geografie früge ich mich manchmal, ob der Tucho sein Museum (wenn schon eins) statt in dem Rheinsberger frederzianischen Gemäuer nicht doch lieber in seiner weiland Bücherbar aufm Ku’damm haben täte, in der er erschwinglich geistige Schätze und geistige Getränke verhökert hat. Von der behauptet wurde, „…wer einen Wilde erstehe, der bekäme Whisky Soda, und wer Ibsen kaufte, einen nordischen Korn. Das stimmte aber nicht – wir tranken selber. Und verkauften schrecklich viele ›Rheinsbergs‹.“

    hochhaushex

    7. September 2012 at 03:26

    • Tucho hat auch noch gastronomiert, und wenn nur vorwandweise? Wow. Wie weit ist eigentlich Schloss Gripsholm touristisch erschlossen?

      Wolf

      7. September 2012 at 06:23

      • Es war wohl mehr ein Studentenulk, eine spontane (Buch)Handlung, und den Schnaps pro Buch gabs gratis. Rein gastronomisch wärs ruinös gewesen, ‚rheinsbergisch‘ wars ein Renner. Aber die Idee hat doch was, oder? Wo sind die neuen Bücherbars – von E. T. A.s Werken zu Burgunder bis zur Absinthfontäne vorm Oscar-Wilde-Regal? ;o)

        —Und Gripsholm? Na, aber hallo. Vom richtigen Stockholmer Hotel aus kriegst du gar eine Freifahrt auf ’nem alten Dampfer und für hoffnungslose Lagerfeuerromantiker, Liebes- wie Saufliedklampfer und Bootsschipperer ohne Dampf findet sich auch noch was Einsameres… :o)

        hochhaushex

        8. September 2012 at 05:00

  2. Meiomei, nach Gripsholm kann man also auch schon nicht mehr hin .ò) — Um meinen elitären Grant gar noch fett zu machen, find ich sogar, dass der Buchhandel sich viel zu sehr mit der Gastronomie gleichsetzt. Gibt’s eigentlich noch Bücherläden ohne Kaffee-Outlet? Wenn’s teurer werden darf, obwohl Bücher ja leider preisgebunden sind, gern auch eine ausgewachsene Weinhandlung. Bei Tucholsky war’s bestimmt noch lustig.

    Brauchen Buchhändler eine Gesundheitsprüfung oder Gastronomen eine Verpflichtung auf die Buchpreisbindung?

    Wolf

    8. September 2012 at 10:01

    • Ich kenn nur Bücherläden ohne – glaub ich. Was vielleicht auch genug ist – obwohl gegen Bücherverkauf hie und da mit Spaß nichts einzuwenden bleibt. —Der Tucho durfte wahrscheinlich seinen Buchpreis noch ungebunden machen. Aber er würd heut wohl eine Ausschankgenehmigung brauchen, wenn er Höherprozentiges als Kaffee servieren tät. ;o)

      Hmm… kein Gripsholm also? Wie müsste es wohl da sein, wo d u hin wölltest? :o)

      hochhaushex

      9. September 2012 at 03:04

  3. Wo ich hin wöllte, müsste es ein Cottage neben einer Kneipe geben, und das müsste mir gehören, und zwar bitte schon abgezahlt — mit DSL bitte. An der Ortsbücherei kann ich gern aufbauen helfen, man ist ja bescheiden :o)

    Wolf

    9. September 2012 at 16:21


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