Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!

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Zur Einstimmung in einen jungen Weblog muten wir uns die 106 Minuten Faust — eine deutsche Volkssage von 1926 zu.

Für diese Zeit war das eine außerordentliche Filmdauer. Als Vergleich sind uns Heutigen amerikanische Komödien von Charlie Chaplin oder Buster Keaton geläufig, die meisten in Sketchlänge.

Friedrich Wilhelm Murnau unterschrieb schon auf seiner ersten Amerikareise einen Arbeitsvertrag mit dem Filmproduzenten William Fox. Bevor Murnau endgültig nach Kalifornien auswanderte, drehte er als letzten Film in Deutschland den Faust.

Murnaus Vermächtnis in und für Deutschland ist angefüllt mit einer Ausstattung und technischen Finessen, die in ganz erstaunlicher Weise state of the art gewesen sein müssen. Die Kulissen erreichen nur aus dramaturgischen Gründen nicht die Opulenz wie die in Fritz Langs Nibelungen (1924) oder Metropolis (1927), weil sie (ähnlich wie in seinem eigenen Nosferatu) durch eine ungefähre mittelalterliche Glaubwürdigkeit wirken müssen — dafür arbeitete Murnau mit Doppelbelichtungen. Bis vor wenigen Jahren, seit praktisch alle Großproduktionen wie eine Art animierte Excel-Tortengraphik gebaut werden („cgi-ed“), war das die Methode der Wahl, um Geisterwelten darzustellen.

Murnaus größtes Kapital für den Film war vermutlich Emil Jannings als Mephistopheles. Jannings muss zu seiner Zeit in Deutschland das gewesen sein, was heute Brad Pitt für alle und Rudolph Valentino für Amerika war. Damals durften Filmstars der Oberklasse dick und hässlich sein, und Drehbücher für Blockbuster durften in Untergang und Verderbnis enden — heute ein Privileg für Charakterchargen und Independent-Produktionen mit no budget.

Wie der volle Filmtitel sagt, orientiert sich Murnau weit mehr am originalen Volksbuch Historia von Doktor Johann Fausten – dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler von 1587 als an den durchgesetzten Bearbeitungen von Christopher „Kid“ Marlowe und — viel später — Goethe.

Wer diesen Film heute noch kennt, kann nicht weit unter 40 sein. Und dann kennt er ihn vermutlich aus der ZDF-Matinee, die einst von Gymnasiasten nach der Sendung mit der Maus geguckt wurde; in der Heavy Rotation der Fernsehwiederholungen findet er sich nicht, im Kino allenfalls in den wenigen Filmmuseen und Specials von Programmhäusern, Saal 7, der vorher der Kartoffelkeller war, gerne mit Live-Piano. Fritz Murnau und Emil Jannings bekommen die Specials, der Hauptdarsteller Gösta Ekman mit seiner beeindruckenden Wandlungsfähigkeit vom rauschebärtigen Gelehrten zum jugendlichen Liebhaber (nicht umgekehrt) ist weitgehend vergessen. Auf Chaplin- und Maus-Fans wirkt sich dieser Teil des frühen Filmschaffens enorm bildend aus.

Ich dachte jahrelang, „Wunderbar sind alle Dinge des Himmels und der Erde! Doch der Wunder Grösstes ist die Freiheit des Menschen: Zu wählen zwischen Gut und Böse!“ in Minute 2:51 sei aus dem Faust von Goethe.

Amerikanisches Filmplakat F.W. Murnau, Faust -- eine deutsche Volkssage via Cinemalane

Amerikanisches Filmplakat via Zoë Walker: The Big Parade, 19. Januar 2010.

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