Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie

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——— E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr: Vorwort des Herausgebers, 1819:

Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger, als gegenwärtigem, da es, wird nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.

——— Ebenda: Vorwort. Unterdrücktes des Autors:

Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete.

Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe Krallen.

Kater Murr. Handzeichnung von König Ferdinand von Portugal, 1859„Murr“, sagt Moritz.

„Was ist dir, o beste aller Katzen?“ frage ich.

„Langweilig ist mir, o bester aller Dosenöffner.“

„Als ob das was Neues wäre, o …“

„Ist gut, sprich ruhig bequem. Im Gegensatz zu dir jedenfalls, stimmt’s?“

„Wenn ich über irgendwas nicht klagen kann, dann ja wohl über Langeweile.“

„Hab schon gesehen. Du hast schon wieder einen neuen Weblog eröffnet.“

„Was heißt ’schon wieder‘. Das ist mein erster eigener.“

„Also dein Dings mit den Fischen und den Schiffen hat mir besser gefallen.“

Moby-Dick™? Das ist ein Gemeinschaftsprojekt. Und von dem musst du gar nicht in der Vergangenheit reden.“

„Und Wale sind keine Fische, wolltest du sagen.“

„Ich vergaß.“

„Aber du brauchst unbedingt was Eigenes, ja?“

„Ei freilich. Dabei müsstest du als Miez das gerade gut verstehen. Du hast es doch mit Revieren.“

„Und Bibliotheken. Und gelahrten Späßen.“

„Siehst du?“

„Kommt drauf an, was du damit vor hast.“

„Steht doch groß und breit auf der Pforte.“

„Da kannst du viel draufschreiben. Und dann wird’s doch wieder ein nach nix und wieder nix geordnetes Nachschlagewerk mit Ausreden für Bildchen von leicht geschürzten Mädchen.“

„Klingt doch gar nicht so schlecht.“

„Meister, Meister, Meister ….“

„Die Beschwerden über mein Verhalten häufen sich.“

„Dann erklär Er sich.“

„Ach, was wird‘ denn schon werden, wenn’s an Goethes Geburtstag losgeht, und zwei Beispiele stehen auch schon drin. Da, schau, unter dir.“

„Erwartest du, dass jemand im Internet etwas liest, das älter als einen Tag ist? Alter, wo lebst du denn? Im Web 2.0?“

„Genau das erwarte ich. Aufmerksamkeitsspanne ist das nächste große Ding.“

„O ja. Und holpernde Sonette von obskuren Viktorianerinnen, die 1840 die Restauflage ihres ersten Gedichtbändchens selbst vom Verleger aufkaufen mussten, die seitdem in einer ostdeutschen Universitätsbibliothek darauf warten, dass …“

„Wenn dir sowas auffällt, lass es mich bitte, bitte um Gottes willen sofort wissen!“

„Versprochen, Meister.“

„In dem Regal, in das du deine Mäuse zu scheuchen pflegst, müsste schon einiges davon rumgilben.“

„Die armen Mäuse.“

„Richtig. Und selber gedenke ich auch einiges in diesem Geiste beizutragen.“

„Au weh. Wünschst du darauf eine Antwort?“

„Geschenkt. Woran ich mich halten werde, steht oben.“

„Weheklagen und zur Hölle fahren?!“

„Nein. Angewandte Poesie.“

„Da bin ich mal neugierig, worauf du die anwenden willst.“

„Gelle?“

„Sag schon.“

„Schau, Katze. Jeder Mensch trägt ab einem gewissen Alter einen ganzen Dachboden voller Gerümpel in seinem Hirn spazieren.“

„Von einer so trüben Funzel erhellt, dass man gerade mal so erkennt, was für ein Durcheinander herrscht und dass man mit Sicherheit nichts finden wird, was man sucht.“

„Spotte nur. Wenn du mal so alt bist wie ich, wirst du das verstehen.“

„Ich versteh schon. Du kannst dein ganzes zusammengelesenes Kreuzworträtselwissen nicht wegschmeißen, darum willst du es für irgendwas verwenden.“

„Höre ich da eine gewisse leise Geringschätzung heraus?“

„Kommt aber schon hin, hm?“

„Doch, schon.“

„Ihr Senkrechtgeher seid so durchschaubar. Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„Länger als du dich erinnern kannst, nicht so lange wie ich den Kater Murr kenne.“

„Der kommt auch vor??“

„Versprochen, Katze, versprochen.“

„Vielleicht wird dein Weblog doch noch zu was gut.“

„Angewandte Poesie!“

„Weck mich, wenn ich was beitragen kann“, sagt Moritz, knetet sich mit den Vorderproten mein Kopfkissen zurecht, rollt sich umständlich ein und pooft innerhalb fünf Atemzügen weg.

Über seine Loyalität und vor allem seine Arbeitsmoral kann man diskutieren, aber er ist das flauschigste Mädchen der Welt.

Moritz am Fenster

Bilder: König Ferdinand von Portugal: Kater Murr, Handzeichnung 1859;
Moritz von hinten, 5. Januar 2012.

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Written by Wolf

30. August 2012 um 13:42

Veröffentlicht in Das Tier & wir, ~ Weheklag ~

2 Antworten

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  1. Ein Wolf, der über sein Kätzchen schnurrt….

    Christina Katharina Bockmühl

    30. August 2012 at 17:37

    • … und eine Katze, die über ihren Wolf knurrt. Wenn das der Kapellmeister Kreisler wüsste.

      Wolf

      31. August 2012 at 14:56


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